Einbürgerung: Ausländer haben keinen Bock auf Schweizer Pass
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EinbürgerungAusländer haben keinen Bock auf Schweizer Pass

Nur 2 Prozent der Ausländer, die Anrecht auf den Schweizer Pass hätten, werden eingebürgert. Viel zu wenig, findet der grüne Nationalrat Antonio Hodgers. Er sieht die Demokratie in Gefahr.

von
D. Pomper
Zu aufwendig, zu teuer: Viele Ausländer haben gar keine Lust auf den Schweizer Pass.

Zu aufwendig, zu teuer: Viele Ausländer haben gar keine Lust auf den Schweizer Pass.

Der Bundesrat soll untersuchen, warum «eine überwältigende Mehrheit der Ausländer, die seit über 12 Jahren legal in der Schweiz leben, keine Lust hat, die Schweizer Nationalität zu erwerben». Das fordert der Präsident der Grünen-Fraktion, Antonio Hodgers, in einem Postulat.

Die jüngst publizierte Studie Einbürgerungslandschaft Schweiz zeigt, dass 2010 rund 900'000 Personen in der Schweiz ihre Einbürgerung hätten beantragen können. Pro Jahr erhalten aber nur 36'000 die Staatsbürgerschaft. Das entspricht 2 Prozent der in der Schweiz lebenden Ausländer. «Dauernd ist von massiven Einbürgerungen die Rede. Dabei ist genau das Gegenteil das Problem: Es wollen sich viel zu wenig Ausländer einbürgern lassen», sagt Hodgers.

Langwierige Einbürgerungsprozesse

Das führt laut Hodgers dazu, dass viele Leute die Schweiz zwar wirtschaftlich beeinflussen, sie aber politisch nicht prägen: Ausländer stellten 22 Prozent der Bevölkerung, sie trügen aber 27 Prozent zum Bruttoinlandprodukt bei: «Die Leute, die Politik machen, sind nicht die gleichen, die in der Wirtschaft mitmischen. Diese Diskrepanz zwischen der wirtschaftlichen und politischen Schweiz ist gefährlich für unsere Demokratie», so Hodgers. Denn «die Demokratie funktioniert nur dann gut, wenn der politische Entscheid auch von denjenigen getragen wird, die hier das Business machen.» Sonst sei die Politik nicht repräsentativ.

Doch warum haben so viele Ausländer keine Lust auf den Schweizer Pass? Vor allem viele Junge der zweiten oder dritten Generation schrecke der langwierige Einbürgerungsprozess ab, ist Hodgers überzeugt. Nur wer seit mindestens 12 Jahren in der Schweiz lebt, kann ein Einbürgerungsgesuch beantragen. Bei jungen Ausländern, die in der Schweiz geboren wurden, werden die Aufenthaltsjahre zwischen dem Alter von 10-20 zurzeit doppelt gezählt.

Nationalrat will noch höhere Hürden

Ekin Yilmaz, Co-Präsidentin von Secondos Plus Schweiz, fügt hinzu: «Für viele, die hier geboren wurden und integriert sind, ist es eine Erniedrigung, ihre sprachlichen Fähigkeiten und Kenntnisse unter Beweis stellen zu müssen – obwohl sie ja jeden Tag zeigen, dass sie Schweizer sind.» Andere würden sich auch vom finanziellen Aufwand, der mehrere tausend Franken betragen kann, abschrecken lassen. Wieder andere erhofften sich vom Schweizer Pass einfach keine Vorteile oder hätten schlicht keine Lust auf den Militärdienst. Sie kennt viele Italiener und Türken, die «gut ohne den roten Pass leben können».

Nationalrat Hodgers plädiert für eine erleichterte Einbürgerungen für Ausländer der zweiten oder dritten Generation: «Diese Menschen leben in unserer Gesellschaft. Die Einbürgerung sollte neu im Rahmen eines unkomplizierten administrativen Prozesses stattfinden.»

Die Zeichen der Zeit stehen aber anders. Erst im März hat der Nationalrat beschlossen, die Hürden für die Einbürgerung anzuheben. Unter anderem sollen auch die Erleichterungen für Jugendliche wegfallen. Die Änderungen müssen noch vom Ständerat bestätigt werden.

«Schweizer Bürgerrecht ist einzigartig»

SVP-Nationalrat Hans Fehr ist gegen erleichterte Einbürgerungen – schliesslich habe sich die Anzahl Einbürgerungen in den letzten 20 Jahren versechsfacht. «Das Schweizer Bürgerrecht ist mit seinen Volks- und Freiheitsrechten weltweit etwas Einzigartiges. Ein Schweizer kann innert einem Jahr öfter abstimmen als andere während ihres ganzen Lebens», so Fehr. Deshalb sollten nur diejenigen Schweizer werden, die «100 Prozent davon überzeugt sind und die Pflichten dieses Landes auf sich nehmen».

Ekin Yilmaz spricht vom «Paradox der bürgerlichen Politik»: «Bürgerliche verlangen von Ausländern stets, sich zu integrieren. Doch selbst wenn sie das machen, werden ihnen Steine in den Weg gelegt. Ausser man hat fussballerisches Talent.»

Sind Sie Ausländer und haben Sie keine Lust auf den Schweizer Pass? Dann schreiben Sie uns.feedback@20minuten.ch

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