Zankapfel Zuwanderung: «Ausländer sind nach Krisen die Sündenböcke»
Aktualisiert

Zankapfel Zuwanderung«Ausländer sind nach Krisen die Sündenböcke»

Diverse Politiker versuchen aus der Zuwanderung Kapital zu schlagen. Economiesuisse-Chefökonom Minsch hält das für ein internationales Phänomen – und zieht eine positive Bilanz.

von
Balz Bruppacher
Bern
Dank Personenfreizügigkeit in der Schweiz: Ein deutscher und ein belgischer Arzt im Inselspital Bern.

Dank Personenfreizügigkeit in der Schweiz: Ein deutscher und ein belgischer Arzt im Inselspital Bern.

Kritiker werfen der Wirtschaft und den Behörden vor, den Wachstumseffekt der Personenfreizügigkeit schönzureden. Man müsse das Pro-Kopf-Einkommen als Gradmesser beiziehen, nicht das Bruttoinlandprodukt.

Rudolf Minsch: Das Pro-Kopf-Einkommen hat in der Schweiz ebenfalls zugenommen. Der Effekt ist bei dieser Messgrösse aber weniger ausgeprägt. Das ändert jedoch nichts an der Tatsache, dass seit der Einführung der Personenfreizügigkeit ein erheblicher Wachstumsschub eingetreten ist. Die Schweiz ist attraktiv als Wirtschaftsstandort.

Sehen Sie keine negativen Effekte der Zuwanderung?

Die Gesamtbilanz ist klar positiv. Internationale Konzerne kommen hierher und schaffen neue Arbeitsplätze. Ganz ohne negative Begleiterscheinungen sind diese Vorteile allerdings nicht zu haben.

Ein negativer Effekt ist beispielsweise, dass in den Städten kaum mehr günstiger Wohnraum zu finden ist.

Zentraler Treiber auf dem Wohnungsmarkt sind wir Schweizer mit unserem Bedarf nach mehr Wohnraum. Hinzugekommen ist nun die Zuwanderung. Sie ist aber nicht hauptverantwortlich für diese Entwicklung. Gleiches gilt auch für die Platzprobleme in der Infrastruktur. Wir sind aus freien Stücken bereit, grössere Distanzen beim Pendeln auf uns zu nehmen. Auch in der Freizeit sind wir gerne mobil. Hinzu kommen Angebotsverbesserungen im öffentlichen Verkehr, die eine höhere Nachfrage auslösen.

Es findet eine starke politische Kampagne gegen die Zuwanderung und die negativen Folgen der Personenfreizügigkeit statt. Überrascht Sie das?

Es lässt sich historisch belegen, dass nach jeder Finanzkrise die Ausländer als Sündenböcke herhalten müssen. Und zwar in vielen Ländern.

Also nicht nur in der Schweiz?

Nein, es handelt sich um ein Phänomen, das international beobachtet werden kann. Das Nationale gewinnt an Bedeutung. Schauen Sie zum Beispiel nach Dänemark oder nach Finnland.

Handelt es sich um eine vorübergehende Entwicklung?

Historisch gesehen ja. Die Finanzkrise war 2009. Jetzt haben wir 2011. Es kann aber noch einige Zeit dauern, bis sich das Phänomen abschwächt.

Um dies zu beschleunigen, wollen Ökonomen und Politiker die negativen Folgen der Personenfreizügigkeit durch Nachverhandlungen mit der EU lindern. Sind solche Gespräche möglich?

Das ist eine extrem schwierige Frage. Dagegen spricht der Umstand, dass auf der anderen Seite 27 EU-Mitgliedstaaten einverstanden sein müssten. Ich wage zu bezweifeln, dass sich da viel herausholen lässt. Aber natürlich sollen die bestehenden Möglichkeiten geprüft und genutzt werden, wie dies bei den zuständigen Instanzen derzeit auch geschieht.

Wo stünde die Schweiz denn heute ohne Personenfreizügigkeit?

Das ist eine hypothetische Frage. Als Standort würde die Schweiz aber ohne den freien Personenverkehr massiv an Attraktivität verlieren. Das gilt ganz besonders für hochqualifizierte Arbeitskräfte. Sie sind sehr mobil und suchen sich weltweit die Anstellungsbedingungen, die ihnen am meisten zusagen.

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