Aktualisiert 12.06.2019 05:04

Arbeitsmarkt Schweiz

Ausländerinnen arbeiten mehr als Schweizerinnen

Migrantinnen in der Schweiz haben öfter studiert, arbeiten eher in hohen Pensen und häufiger in Kaderpositionen als Schweizerinnen. Das zeigt eine neue Studie.

von
qll/rol
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Ausländerinnen in der Schweiz arbeiten vor allem in Niedriglohn-Berufen wie der Pflege, im Verkauf, im Gastrobereich und als Hilfskräfte. Dieses verbreitete Bild stimmt nur bedingt, zeigt nun eine neue Studie der eidgenössischen Migrationskommission.

Ausländerinnen in der Schweiz arbeiten vor allem in Niedriglohn-Berufen wie der Pflege, im Verkauf, im Gastrobereich und als Hilfskräfte. Dieses verbreitete Bild stimmt nur bedingt, zeigt nun eine neue Studie der eidgenössischen Migrationskommission.

Keystone/Christian Beutler
2017 lebten rund eine Million Ausländerinnen in der Schweiz.

2017 lebten rund eine Million Ausländerinnen in der Schweiz.

Screenshot/Studie
Diese Abbildung zeigt die Ausbildungsstufen der erwerbstätigen Bevölkerung (2018). Beispielsweise sieht man hier, dass Ausländerinnen öfter die Tertiärstufe abgeschlossen haben als Schweizerinnen.

Diese Abbildung zeigt die Ausbildungsstufen der erwerbstätigen Bevölkerung (2018). Beispielsweise sieht man hier, dass Ausländerinnen öfter die Tertiärstufe abgeschlossen haben als Schweizerinnen.

Screenshot/Studie

Ausländerinnen in der Schweiz arbeiten vor allem in Niedriglohn-Berufen wie der Pflege, im Verkauf, im Gastrobereich und als Hilfskräfte. Dieses verbreitete Bild stimmt nur bedingt, zeigt nun eine neue Studie der eidgenössischen Migrationskommission (EMK, siehe Box). Mit 35 Prozent haben mehr Ausländerinnen eine Tertiärausbildung (Berufs-, Fach-, Hochschule) abgeschlossen als Schweizerinnen. Bei ihnen beträgt der Anteil 28 Prozent.

Hinzu kommt: Ausländerinnen arbeiten laut Studie deutlich häufiger in hohen Arbeitspensen als Schweizer Frauen. Sind sie demnach ehrgeiziger und arbeiten härter? Studienautorin Marina Richter sagt: «Das wäre zu pauschal gesagt. Aber viele Migrantinnen sind bereit, zu höheren Prozentsätzen zu arbeiten. Sie wollen ihre Familien ernähren und nicht von Sozialhilfe abhängig sein.» Die Spanierin Isabel Zubieta, die sich in der Schweiz von der Reinigungskraft zur Firmenchefin gemausert hat, sieht das ähnlich (siehe Bildstrecke): «Ich glaube fest daran, dass Ausländerinnen sich mehr Mühe geben müssen, um hier etwas zu erreichen.»

Selbstständigkeit als möglicher Ausweg

Trotz Arbeitswille und guter Ausbildung erhalten Ausländerinnen allerdings oft keine Jobs, die ihren Qualifikationen entsprechen. Diese werden teils von staatlicher Seite her nicht anerkannt – oder von der Wirtschaft ignoriert: «Viele Arbeitgeber schauen selbst anerkannte ausländische Qualifikationen nicht als gleichwertig mit Ausbildungen in der Schweiz an», sagt Richter.

Das führe dazu, dass Migrantinnen in Berufe mit tiefen Löhnen und prekären Arbeitsbedingungen gedrängt würden, die Schweizerinnen nur ungern ausüben. «Ein möglicher Ausweg daraus ist für Ausländerinnen mit guter Ausbildung der Weg in die Selbstständigkeit», sagt Richter. Die Option, die eigene Chefin zu werden, sei zwar für viele risikoreich. Trotzdem wählen überdurchschnittlich viele Migrantinnen diesen Weg.

Ausländerinnen häufiger in Führungspositionen

Diesen Befund stützt auch die Studie. Mit einem Anteil von 22 Prozent sind Ausländerinnen viel häufiger in Führungspositionen – wie etwa in der Leitung des eigenen Unternehmens – vertreten als Schweizerinnen (15 Prozent). «Diese Frauen mit hohen Qualifikationen kamen beruflich sehr zielgerichtet in die Schweiz, und konnten hier Karriere machen», erklärt Richter. Dafür seien sie auch bereit, das Risiko des Scheiterns, das mit dem eigenen Unternehmen einhergeht, auf sich zu nehmen.

Ob auf sozialer, wirtschaftlicher oder gesellschaftlicher Ebene – Migrantinnen leisteten einen vielseitigen Beitrag für die Gesellschaft, kommt die Studie zum Schluss. Aber die Akzeptanz und Anerkennung dafür fehle vielerorts, konstatiert Richter. «Es muss den Bürgern bewusst werden, dass Migrantinnen keine Last, sondern eine tragende Säule der Gesellschaft sind.»

Herr Favre*, sind Migrantinnen arbeitsamer als Schweizerinnen?

Das würde ich so nicht sagen. Zwar ist es richtig, dass Immigrantinnen im Durchschnitt mehr Stunden pro Woche arbeiten als Schweizerinnen. Es nehmen jedoch weniger Migrantinnen als Schweizerinnen überhaupt am Arbeitsmarkt teil. In beiden Fällen wird von der Statistik aber nur die bezahlte Arbeit gemessen. Sowohl Immigrantinnen als auch Schweizerinnen leisten aber auch viel unbezahlte Arbeit, beispielsweise im Haushalt. Die Arbeitsmarktstatistik wird so gesehen der Arbeitsleistung der Frauen nicht gerecht.

Warum sind Schweizerinnen in Führungspositionen untervertreten?

Das hängt wahrscheinlich damit zusammen, dass in den meisten Haushalten noch immer die traditionelle Rollenverteilung vorherrscht, bei der der Mann der Haupternährer ist, während die Frau den grösseren Teil der Hausarbeit und der Kinderbetreuung übernimmt. Diese Rollenverteilung führt dazu, dass Frauen häufig ihre eigene Karriere-Ambitionen zurückstellen. Ich würde aber vermuten, dass sich das in Zukunft allmählich ändert, denn der Unterschied zwischen Männern und Frauen ist bei den jüngeren Generationen deutlich geringer als bei den älteren. Aber der gesellschaftliche Wandel braucht natürlich Zeit.

Wie schaffen es dann Ausländerinnen in Führungspositionen?

Auch unter den Immigrantinnen und Immigranten sind Männer häufiger in Führungspositionen tätig als Frauen, weil die beruflichen Perspektiven des Mannes im Vordergrund stehen. Neben den vielen Frauen, die im Familiennachzug in die Schweiz einreisen, zieht der attraktive schweizerische Arbeitsmarkt aber auch Frauen an, die überdurchschnittlich gut ausgebildet, beruflich ambitioniert und international mobil sind. Diese Frauen schaffen es durchaus in Führungspositionen und erzielen oft auch Spitzenverdienste.

*Sandro Favre ist Mitarbeiter am Institut für Volkswirtschaftslehre der Uni Zürich.

Pflege, Gastro, Verkauf: Ohne Migrantinnen undenkbar

Die EMK-Studie zeigt, dass weniger Ausländerinnen (69 Prozent) als Schweizerinnen (78 Prozent) hierzulande arbeitstätig sind. Auffallend ist, dass viele Ausländerinnen als Hilfskräfte arbeiten. Ihr Anteil beträgt 55 Prozent, jener der Schweizerinnen lediglich 12 Prozent. Zudem sind viele im Dienstleistungssektor und im Verkauf tätig (40 Prozent), bei Schweizerinnen beträgt der Anteil etwa 30 Prozent. Weniger gut ausgebildete Migrantinnen hätten kaum eine andere Wahl, als solche Berufe zu ergreifen, um überhaupt ein Einkommen zu haben, betont Studienautorin Marina Richter. Die Zahlen zeigten aber auch klar: «Pflege, Gastgewerbe, Verkauf: Viele Berufsbereiche in der Schweiz könnten ohne Migrantinnen gar nicht funktionieren.» In anderen Bereichen wie den Büroberufen sind dagegen Schweizerinnen (45 Prozent) weitaus stärker vertreten als Ausländerinnen (25 Prozent), ebenso in der Land- und Forstwirtschaft (22 zu 10 Prozent). Auch in akademischen Berufen sind Schweizerinnen stärker präsent als Ausländerinnen (26 zu 18 Prozent).

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