Von Impfung ausgeschlossen - Auslandschweizer fühlen sich vom BAG im Stich gelassen
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Von Impfung ausgeschlossenAuslandschweizer fühlen sich vom BAG im Stich gelassen

Schweizerinnen und Schweizer, die im Ausland leben, haben ohne Krankenversicherung keinen Anspruch auf eine Covid-Impfung im Heimatland. Betroffene fühlen sich im Stich gelassen. Das BAG prüft Lösungen.

von
Leo Hurni
Georgia Chatzoudis
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Ein Schweizer Pass bedeutet nicht automatisch, dass man hierzulande auch Zugang zur Covid-Impfung hat. 

Ein Schweizer Pass bedeutet nicht automatisch, dass man hierzulande auch Zugang zur Covid-Impfung hat.

20min/Matthias Spicher
Für die ist nur zugelassen, wer auch in der Schweiz eine Krankenkasse hat, sowie wenige Ausnahmen. 

Für die ist nur zugelassen, wer auch in der Schweiz eine Krankenkasse hat, sowie wenige Ausnahmen.

20Minutes/Carole Alkabes
Auslandschweizer wie Rolf Bolleter, die nicht mehr in der Schweiz versichert sind, erhalten hingegen keine Impfung von der Schweiz. «Für die Impfung würde ich selbstverständlich auch bezahlen, doch das BAG blockt da komplett ab», sagt Bolleter.  

Auslandschweizer wie Rolf Bolleter, die nicht mehr in der Schweiz versichert sind, erhalten hingegen keine Impfung von der Schweiz. «Für die Impfung würde ich selbstverständlich auch bezahlen, doch das BAG blockt da komplett ab», sagt Bolleter.

privat

Darum gehts

  • Schweizerinnen und Schweizer, die im Ausland leben und ihre Schweizer Krankenkasse aufgegeben haben, können sich auch nicht in der Schweiz impfen lassen.

  • Betroffene können das nicht nachvollziehen. Sie fordern Anpassungen vom Bundesamt für Gesundheit.

  • Die Impfung für Auslandschweizer wird derzeit vom BAG geprüft.

Ein Schweizer Ehepaar wohnt seit Jahren in Thailand, kommt aber regelmässig für mehrere Monate in die Schweiz. Bald kommen sie wieder, dieses Mal mit einem besonderen Anliegen: Sie wollen sich beide gegen Corona impfen lassen. Beide gehören in die priorisierte Gruppe, sind älter als 60. Einen Impftermin erhalten sie aber nicht, weil sie seit Jahren nicht mehr in der Schweiz krankenversichert sind.

«Wie die Schweiz mit Auslandschweizern derzeit umgeht, ist höchst fragwürdig», sagt Johannes Brülisauer (57). Der Chiro- und Heilpraktiker ist ein guter Freund des Paars, das sich nach der Impfung sehnt. Er wollte den beiden einen Impftermin verschaffen.

Nun muss Brülisauer einen Hausarzt finden, der die beiden ohne offizieller Anmeldung impft. «Durch die Regeln des Bundes werde ich in die Illegalität getrieben. Wenn Schweizern die Impfung verweigert wird, dann ist die Schweiz auch Schuld, wenn diese Leute dann wegen Covid sterben», so Brülisauer. «Das ist inakzeptabel und der Schweiz nicht würdig.»

Wer versichert ist, erhält Impfung

Tatsächlich ist für Schweizerinnen und Schweizer, die ihr altes Zuhause hinter sich gelassen haben, der Weg zur Corona-Impfung schwierig. Da die meisten von ihnen nicht mehr hier krankenversichert sind, haben sie keinen Anspruch auf eine Covid-Impfung in der Schweiz. Das Bundesamt für Gesundheit (BAG) schreibt auf seiner Webseite, dass die Impfung für Auslandschweizerinnen und -schweizer an ihrem Wohnort erfolgen soll.
In Thailand, wo Brülisauers Freunde leben, wurden bisher allerdings weniger als ein Prozent der Bevölkerung geimpft. Zudem leidet das Land derzeit unter einer starken dritten Welle.

Auch Rolf Bolleter (59) ist von dieser Regelung betroffen. Der Frührentner wohnt in Südafrika und kommt nächste Woche zum Familienbesuch für sechs Wochen in die Schweiz. «Gerne hätte ich mich in der Schweiz impfen lassen, da es in Südafrika noch ungewiss ist, wann das möglich sein wird. Ich hätte sogar einen Termin in Graubünden, aber ohne Krankenkassenkarte ist das ja nicht möglich», sagt Bolleter.

Vom BAG fühlt er sich ausgegrenzt. «Ich habe den Schweizer Pass und bin auch immer noch fest verbunden mit der Schweiz. Für die Impfung würde ich selbstverständlich auch bezahlen, doch das BAG blockt da komplett ab.»

Auch Jürg Bono, leitender Mitarbeiter der Schweizer Botschaft in Japan, kennt dieses Problem. Auf einen Aufruf von 20 Minuten meldete er sich: Er erhalte immer wieder Anfragen, ob Auslandschweizerinnen und -schweizer sich in der Schweiz impfen lassen könnten, auch wenn sie über keine Krankenkasse verfügten und auch keinen Wohnsitz in der Schweiz hätten.

BAG prüft Lösungen

Auf Anfrage bestätigt das BAG, dass für Auslandschweizerinnen und -schweizer ohne Krankenversicherung in der Schweiz keine Impfung vorgesehen ist. Man wolle dem allerdings nachgehen. «Die Frage der Impfung in der Schweiz für Auslandschweizer, die über keine obligatorische Krankenpflegeversicherung verfügen und im Wohnland aufgrund der bürgerrechtlichen Situation keinen oder nur einen erschwerten Zugang zur Impfung haben, befindet sich derzeit in Abklärung», sagt BAG-Sprecher Grégoire Gogniat.

Anders als in der Schweiz können sich in gewissen Teilen Deutschlands auch Ausländerinnen und Ausländer ohne deutsche Krankenkasse oder Wohnsitz in Deutschland impfen lassen. Etwa, wenn man in Deutschland arbeitet und einer Berufsgruppe angehört, «die nach der ersten, zweiten oder dritten Priorität impfberechtigt ist», wie das Ministerium für Soziales und Integration Baden-Württemberg auf Anfrage sagt. Klassisches Beispiel ist etwa eine Schweizer Lehrerin, die in der Schweiz wohnt, aber in Baden-Württemberg unterrichtet. Lehrerinnen und Lehrer sind in Baden-Württemberg impfberechtigt.

So gehen die Kantone mit der Impfung um

Auf eine Anfrage von 20 Minuten an die Kantone meldeten die meisten Kantone, dass ausschliesslich Personen mit einer Schweizer Krankenpflegeversicherung geimpft werden. In einigen Kantonen, etwa in St. Gallen oder Thurgau, sind zudem nur Personen mit Wohnsitz im entsprechenden Kanton für einen Impftermin erlaubt. Noch vor einigen Wochen gelang es einer Deutschen in Thurgau allerdings, einen der begehrten Impftermine zu ergattern. Das BAG bestätigt denn auch, dass die Kantone Einschränkungen im Zugang zur Impfung machen können, «insbesondere bei Impfstoffknappheit, damit die Impfung den Zielgruppen der Wohnbevölkerung zur Verfügung steht.»

Anders der Kanton Zürich: Hier sucht man individuelle Lösungen mit Auslandschweizerinnen und -schweizern. Dabei handle es sich aber «höchstens» um Einzelfälle. «Auf jeden Fall gilt es zu verhindern, dass es zu einem Impftourismus kommt. Auch aus diesem Grund rät der Bund Auslandschweizern, die Impfung am Wohnsitz im Ausland vorzunehmen», schreibt der Kanton auf Anfrage von 20 Minuten.

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