Aktualisiert 08.02.2010 18:29

Asbest-ProzessAusschluss von Opfervertretern gefordert

In Turin ist der Asbest-Prozess gegen den Schweizer Milliardär Stephan Schmidheiny und den belgischen Baron Jean-Louis de Cartier de Marchienne fortgesetzt worden. Die Anwälte verlangten dabei den Ausschluss von mehreren zivilen Nebenklägern.

Die Anwälte der zwei ehemaligen Hauptaktionäre der Eternit S.p.A. (Genua) forderten am Montag insbesondere, dass die italienische Sozialversicherung Inps und die Arbeitnehmer-Unfallversicherung Inail nicht zum Prozess zugelassen werden, wie italienische Nachrichtenagenturen berichteten.

«Wieso sollte die Inail, das Pendant zur Schweizer SUVA, plötzlich zu den Geschädigten gehören?», sagte Schmidheiny-Sprecher Peter Schürmann am Montag gegenüber der Nachrichtenagentur SDA dazu.

Inail allein verlangt 245 Millionen Euro als Rückerstattung für bereits gezahlte Entschädigungen erkrankter Eternit-Arbeitnehmer. Im Prozess forderten die Verteidiger auch den Ausschluss der Gewerkschaften sowie einiger Umwelt- und Konsumentenschutzverbände von der Liste der Nebenkläger.

Zivilverfahren abtrennen

Schmidheinys Rechtsanwalt, Astolfo Di Amato, erklärte gemäss der österreichischen Nachrichtenagentur APA, es bestehe die Gefahr, dass wegen der vielen Nebenkläger der Verteidigung zu wenig Spielraum eingeräumt werde. Dies verstosse gegen das Prinzip eines ausgewogenen Verfahrens.

Die Verteidiger möchten zudem die Schuldfrage und die Entschädigungsfrage trennen. Es handle sich in Turin um einen Strafprozess, in dem Schuld oder Unschuld der Angeklagten zu klären sei, erklärte di Amato gemäss Schürmann. Den Schaden zu bestimmen sei Sache eines Zivilprozesses.

Der Anwalt fügte gemäss APA an, dass die Nebenkläger starken Druck auf die Richter ausüben würden, die während des Prozesses von ihrer Anwesenheit beeinflusst werden könnten. Insgesamt wollen 700 zivile Parteien beim Gericht Gehör finden.

Fahrlässige Tötung

Der Prozess gegen Schmidheiny und de Cartier hatte am 10. Dezember begonnen. Ihnen wird fahrlässige Tötung vorgeworfen. Dabei geht es um über 2000 asbestbedingte Todesfälle und 800 Erkrankungen im Zusammenhang mit italienischen Eternit-Fabriken. Beide Angeklagte erschienen am Montag nicht vor Gericht, wie italienische Medien berichteten.

Gemäss Anklage trugen Schmidheiny und de Cartier die Verantwortung für vier Asbest-Fabriken der Eternit S.p.A. (Genua). Die Staatsanwaltschaft wirft ihnen vor, zwischen 1973 und 1986 Sicherheitsmassnahmen unterlassen zu haben. Den beiden Angeklagten drohen Haftstrafen zwischen drei und zwölf Jahren. Zudem stehen Forderungen von Hunderten Millionen Euro im Raum.

Mammut-Prozess

Es handelt sich um einen der bisher grössten Prozesse in Sachen Umwelt und Gesundheit in Europa. Die Staatsanwaltschaft von Turin unter der Leitung von Raffaele Guariniello hatte im vergangenen Juli nach mehr als fünf Jahren Ermittlungen Anklage erhoben.

Einige Asbest-Opfer kämpften seit über 20 Jahren für einen Prozess. Vor dem Justizpalast in Turin demonstrierten mehrere ehemalige Arbeiter. «Gerechtigkeit für die Eternit-Opfer», war gemäss Agenturen auf Plakaten zu lesen. (sda)

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