Wegen Provisionen: Austauschjahr in den USA wurde zum Albtraum
Aktualisiert

Wegen ProvisionenAustauschjahr in den USA wurde zum Albtraum

«Dreckskerl» nannte die EF-Koordinatorin den 16-Jährigen, und seine Gastfamilie kontrollierte ihn von A bis Z. Wie das Austauschjahr eines Zürchers in Kalifornien zum Horror wurde.

von
rom
Für den 16-jährigen Konstantin begann das Austauschjahr in Kalifornien - hier die Golden-Gate-Brücke in San Francisco - unschön.

Für den 16-jährigen Konstantin begann das Austauschjahr in Kalifornien - hier die Golden-Gate-Brücke in San Francisco - unschön.

«Bist Du bereit für das grosse Abenteuer?», fragt die Firma EF Education First in ihrer Werbung. «Während deines EF High School Years hast du die einmalige Chance, neue Herausforderungen anzunehmen, viele nette Menschen kennen zu lernen, eine Fremdsprache zu erlernen und erwachsen zu werden.» Klingt gut, doch der 16-jährige Konstantin aus Zürich hat keine guten Erinnerungen an den Beginn seines Austauschjahres 2012 in Kalifornien.

Von Beginn sei er in seinem neuen Zuhause mit Vorwürfen konfrontiert gewesen: «Meine Gastmutter baute ein Kontrollsystem auf, verbot mir auszugehen, drohte mir mit Konsequenzen bei Alkoholkonsum und nahm mir meinen Laptop und mein Handy weg», sagte Konstantin dem «Tages-Anzeiger». Sie solle ihn sogar beschuldigt haben, 500 Dollar von ihr gestohlen zu haben. Die Gastmutter und die EF-Hauptkoordinatorin Sandra Woods sollen dabei in permanentem Kontakt gestanden haben. Nach diversen Vorwürfen drohte Konstantin die Kündigung und die frühzeitige Heimreise.

Mehr Provisionen einstreichen

Es kam gemäss «Tages-Anzeiger» der Verdacht auf, dass die Hauptkoordinatorin sehr daran interessiert war, Konstantin frühzeitig nach Hause zu schicken. So könnte sie einen anderen Schüler in der Gastfamilie platzieren und mehrfach Provisionen einstreichen. Diese Vorgehensweise wird im Bericht durch den Ex-EF-Koordinator William Alexander bestätigt, der sich nach seiner Kündigung an das Departement of State in Washington wandte. Zudem bestätigte Alexander laut «Tages-Anzeiger», dass Woods eine persönliche Aversion gegen Konstantin hatte. Alexander suchte für Konstantin schliesslich eine neue Familie, wo er sein EF Highschool Year zu Ende bringen konnte.

Der Fall war aber deswegen noch nicht abgeschlossen. Konstantins Mutter wehrte sich weiter und erreichte schliesslich, dass Danielle Grijalva, Direktorin der ausländischen Studenten in Kalifornien, beim Departement of State eine Beschwerde gegen Woods einreichte. Dabei wurde auch aus dem SMS-Verkehr zwischen Woods und Alexander betreffend dem Austauschschüler Konstantin zitiert. Demnach schrieb Woods Dinge wie «I wish we could just send his ass home.» (Ich wünschte mir, wir könnten diesen A... einfach heimschicken) oder «He's a punk.» (Er ist ein Dreckskerl).

«Kinder werden hin- und hergeschoben»

Grijalva sagte dem «K-Tipp»: «Das Problem von EF und ähnlichen Organisationen ist, dass sie nicht genug passende Gastfamilien finden. Deshalb werden die Kinder ständig hin- und hergeschoben.» Sie kritisierte auch das Besoldungssystem für EF-Betreuer, die auf Provisionsbasis arbeiteten. Pro Austauschschüler gebe es mindestens 300 Dollar. Je mehr Schüler EF-Betreuer unterbringen würden, desto mehr Boni bekämen sie.

Zwischen der Mutter von Konstantin und dem Zürcher Büro von EF gab es zwar nach diversen Anläufen der Mutter ein Gespräch. Dabei habe EF zwar zugegeben, dass nicht alles optimal gelaufen sei, doch erhielt sie weder eine Entschuldigung noch eine finanzielle Entschädigung. Gegenüber dem «Tages-Anzeiger» äusserte sich EF-Programmleiter Mario Tschopp schriftlich: «Der Fall ist uns bekannt, und wir haben die angezeigten internen Schritte unternommen (...).» Unklar bleibt, ob Woods weiterhin bei EF tätig ist – dazu will man sich aus «Gründen des Persönlichkeitsschutzes» nicht äussern.

Deine Meinung