Aktualisiert 29.08.2012 13:55

Einsamer Mann auf Insel

Australien will Robinson vertreiben

Aussteiger David Glasheen hat, was alle wollen: eine einsame Insel. Seit 20 Jahren lebt der Ex-Banker auf Restoration Island. Doch nun will ihm ein Gericht den «Himmel auf Erden» wegnehmen.

von
phi
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David Glasheen und sein Hund Quasi sind derzeit die einzigen Bewohner von Restoration Island. Dann und wann bekommt er Besuch von Fischern, in den Ferien kommt sein Sohn bei ihm vorbei. Seinen Namen hat das 1,5 Hektar grosse Eiland ...

David Glasheen und sein Hund Quasi sind derzeit die einzigen Bewohner von Restoration Island. Dann und wann bekommt er Besuch von Fischern, in den Ferien kommt sein Sohn bei ihm vorbei. Seinen Namen hat das 1,5 Hektar grosse Eiland ...

© Brian Cassey - Photographer - 2012
... vom Kapitän der HMS Bounty, der bei einer Meuterei 1789 abgesetzt wurde und mit seinen loyalen Matrosen ausgesetzt wurde. Captain William Bligh erreichte mit ihnen dieses Stück Land im Great Barrier Reef und gab ihm seinen Namen.

... vom Kapitän der HMS Bounty, der bei einer Meuterei 1789 abgesetzt wurde und mit seinen loyalen Matrosen ausgesetzt wurde. Captain William Bligh erreichte mit ihnen dieses Stück Land im Great Barrier Reef und gab ihm seinen Namen.

© Brian Cassey - Photographer - 2012
Glasheen ist Selbstversorger und lebt von dem, was die Insel hergibt. Sein Bier braut der 68-jährige Australier selbst: Er tauscht es bei Fischern gegen ihren Fang ein.

Glasheen ist Selbstversorger und lebt von dem, was die Insel hergibt. Sein Bier braut der 68-jährige Australier selbst: Er tauscht es bei Fischern gegen ihren Fang ein.

© Brian Cassey - Photographer - 2012

«Alles, was du je in deinem Leben gelernt hast, bedeutet nichts mehr, wenn du an einen Ort wie diesen kommst», meint David Glasheen.

Der 68-Jährige firmiert in der englischsprachigen Presse nur noch als «Robinson Crusoe», weil er wie die Romanfigur von Daniel Defoe auf einer einsamen Insel haust und von dem lebt, was Restoration Island vor der Küste Australiens für ihn bereithält. Er sammelt Bananen und Kokosnüsse, baut Tomaten, Mais, Kapern, Zitronengras und Senfkohl an.

Der frühere Aktienhändler braut sogar sein eigenes Bier, das er manchmal bei vorbeifahrenden Fischern gegen Krabben oder Garnelen eintauscht. «Es ist buchstäblich der Himmel auf Erden», schwärmte er einst der «New York Times» vor. Nur eine «Frau Freitag» fehlte dem Robinson Crusoe damals zum Glück: «Ich kann wohl sagen, dass ich manchmal verzweifelt einsam bin.»

Frau bekam Inselkoller

Dabei kam er 1993 gar nicht alleine auf das Eiland, sondern mit seiner Ehefrau und dem gemeinsamen Sohn. Bis zum Jahre 1987 war Glasheen steinreich, verlor dann aber bei einem Börsencrash zehn Millionen australische Dollar. Auf Restoration Island wollte er neu anfangen. «Ich mochte einfach die Idee eines weniger stressigen Lebens», erklärte er der US-Zeitung. Doch nach einem halben Jahr verliess ihn seine Frau. «Wir hatten ein Baby, aber kein warmes Wasser und keine Waschmaschine. Die Dinge hier sind nicht einfach für eine Frau.» Geblieben ist ihm bloss sein Mischlingshund «Quasi».

Abgehängt vom Rest der Welt ist der rüstige Rentner aber nicht. Bis zu einem Sturm im Jahre 2007 produzierte Glasheen mit einer Windmühle Strom, aber auch Solaranlagen sorgen für Saft, der seinen Computer zum Laufen bringt. Ausserdem hat der Eremit eine gasbetriebenen Tiefkühltruhe, doch einen Kühlschrank findet man in seiner Hütte nicht. Dann und wann fährt er aufs Festland und in die nächste Stadt Cairns, wenn er mal wieder Gewürze kaufen muss.

Der Teufel steckt im Pachtvertrag

Doch nun ist das Idyll des betagten Bartträgers in Gefahr: Ein australisches Gericht will die Insel räumen lassen, auf der Glasheen seit 19 Jahren lebt. Der Teufel steckt im Vertragsdetail: 1996 schloss der Australier mit seiner Regierung einen Pachtvertrag über 43 Jahre ab. Die jährliche Miete beträgt demnach 20 000 australische Dollar, aber nur, wenn Glasheen und ein Geschäftspartner dort auch investieren. Er hätte einen Anleger für Fischerboote und Touristenanlagen im Wert von 200 000 australischen Dollar bauen müssen.

Das Lebenswerk des Rentners steht auf dem Spiel. «Das Urteil war furchtbar», sagte der Betroffene dem «Telegraph», der den Entscheid anfechten will. Die Frage, was er tun würde, wenn er die Insel dennoch räumen muss, beantwortete er störrisch. «Vielleicht werde ich dort bleiben. Gerichte machen mich krank.» Kein Wunder, denn seine kleine Heimat liegt ihm augenscheinlich sehr am Herzen. «Es ist ein fabelhafter Ort, ich bin ein glücklicher Kerl.»

Hoffen auf Anwälte und Meerjungfrauen

«Ich habe wahnsinnig viel gelernt. Ich habe angefangen, die wirklich wichtigen Dinge wertzuschätzen. Vertrauen, Ehrlichkeit, Respekt – die einfachen Dinge. Ich habe gelernt, dass man mit sehr wenig etwas bewirken kann.» Nur seine «Frau Freitag» fehle ihm noch: «Meine einzige Hoffnung ist, dass eine Meerjungfrau am Strand auftaucht», scherzte er im Gespräch mit dem «Telegraph».

Als deren Journalist abermals nachfragt, was Glasheen machen will, wenn er aus seinem Paradies vertrieben würde, zeigt sich die ganze Insel-Weisheit des alten Mannes. «Ich habe keine Ahnung. Ich denke nicht über solche Sachen nach», räumt er ein. Warum auch planen? «Morgen könnte ich tot sein.»

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