Während der Fahrt: «Autofahrer schminken oder rasieren sich»
Aktualisiert

Während der Fahrt«Autofahrer schminken oder rasieren sich»

Weil die Autofahrer abgelenkt sind wie nie zuvor, startet die Polizei eine Kampagne. Dabei werden selbst streitende Lenker saftig gebüsst, warnt Verkehrspolizist Jan Ingold.

von
Maja Sommerhalder

Herr Ingold*, mit einer Kampagne warnen Sie die Autofahrer vor Ablenkung am Steuer. Fahren die Zürcher so unkonzentriert?

Jan Ingold: Leider ist Ablenkung am Steuer der häufigste Unfallfaktor. Alleine 2012 wurde sie als Ursache in der Stadt Zürich bei 700 Unfällen nachgewiesen.

Was erleben Sie alles?

Lenkerinnnen und Lenker füllen während der Fahrt Lieferscheine aus, haben Ordner auf dem Steuerrad oder rasieren und schminken sich. Viele sind auch mit ihren Smartphones oder sonstigen Geräten beschäftigt. Die Verlockung der modernen Technik scheint gross zu sein. Vielleicht ist die Zahl der Ablenkungsunfälle deshalb in den letzten Jahren nicht zurückgegangen, obwohl es insgesamt weniger Verkehrsunfälle gibt.

Bereits im letzten Jahr haben Sie die Fahrer auf die Ablenkung am Steuer aufmerksam gemacht. Hat diese Kampagne nicht gefruchtet?

Ablenkung ist ein Dauerthema, vergleichbar mit dem Rauchen. Alle Leute wissen, dass es ungesund ist und trotzdem wird es immer wieder gemacht. Deshalb müssen wir die Leute weiterhin darauf hinweisen.

Wie machen Sie das?

Mit Plakaten, Flyern, einer Website, Inseraten und Werbespots. Gleichzeitig werden wir in der ganzen Deutschschweiz mehr Kontrollen durchführen.

Wie tief müsse die fehlbaren Autofahrer ins Portemonnaie greifen?

Telefonieren ohne Freisprechanlage kann mit einer Ordnungsbusse von 100 Franken erledigt werden. Bei allen anderen Fällen, wie SMS schreiben, Essen, Schminken, ein Streitgespräch führen oder Navi bedienen, wird darauf geschaut wie lange und wie gefährlich die Ablenkung ist. Je nachdem kann das auch hohe Geldstrafen von mehreren 100 Franken zur Folge haben. Hinzu kommen dann Verfahrenskosten und allenfalls ein Führerausweisentzug.

Warum wird SMS schreiben härter bestraft als Telefonieren?

Beim Telefonieren ohne Freisprecheinrichtung ist der Fahrer «nur» motorisch behindert – die Hände sind nicht frei, um das Fahrzeug zu bedienen. Wenn es aber um Ablenkung geht, bei der der Lenker nicht auf die Strasse schaut oder mit dem Gedanken völlig woanders ist, entstehen zusätzliche Gefahren und die Konsequenzen sind schwerer.

Oft ist Ablenkung nicht einfach nachzuweisen. Da sind doch Streitfälle vorprogrammiert?

Beim SMS schreiben oder Telefonieren ist der Fall meist klar. Andere Ablenkungen erkennen wir etwa am Fahrverhalten. Wenn jemand zum Beispiel im Auto streitet und dabei Fahrfehler macht, muss er mit einer Verzeigung rechnen. Die dabei von uns gemachten Beobachtungen sind für die Beweisführung wichtig.

Erleben Sie viele aggressive Autofahrer bei Ihren Kontrollen?

Es gibt Leute, die ihre Fehler durchaus einsehen. Einigen ist ihr Telefonat aber wichtiger als die Verkehrssicherheit – in diesen Fällen ist die Überzeugungsarbeit oft schwierig.

*Jan Ingold ist Chef Verkehrspolizei bei der Stadtpolizei Zürich.

Kampagne gegen Ablenkung

Jeder dritte Unfall auf Schweizer Strassen ist auf Unaufmerksamkeit oder Ablenkung zurückzuführen. Um die Autofahrer für diese Gefahren zu sensibilisieren, wird in der ganzen Deutschschweiz die Präventionskampagne «Keine Ablenkung. Weniger Unfälle» gestartet. 19 Kantone beteiligen sich daran.

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