Kindstötung in Breitenbach SO - Baby erstickt – Undercover-Agenten bespitzelten den mutmasslichen Täter
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Kindstötung in Breitenbach SOBaby erstickt – Undercover-Agenten bespitzelten den mutmasslichen Täter

Der Vater F. N.* (34) soll 2010 seinen Sohn getötet haben. Beim Prozessauftakt wurden sechs Undercover-Ermittler einvernommen.

von
Georgia Chatzoudis
Daniel Krähenbühl
Céline Krapf
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Der Vater der zwei Kinder steht heute vor Gericht: Laut Anklage soll er seinen Bub getötet und seine Tochter schwer verletzt haben.

Der Vater der zwei Kinder steht heute vor Gericht: Laut Anklage soll er seinen Bub getötet und seine Tochter schwer verletzt haben.

20min
Der Mann wird unter anderem der vorsätzlichen Tötung verdächtigt.

Der Mann wird unter anderem der vorsätzlichen Tötung verdächtigt.

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Die Agenten schlichen sich in das Leben der jungen Mutter und ihrem neuen Lebenspartner ein, eine der Spitzel namens «Sofie» avancierte gar zur besten Freundin der Frau.

Die Agenten schlichen sich in das Leben der jungen Mutter und ihrem neuen Lebenspartner ein, eine der Spitzel namens «Sofie» avancierte gar zur besten Freundin der Frau.

Screenshot SRF Rundschau

Darum gehts

  • F.N. soll vor etwa zehn Jahren seinen achtwöchigen Sohn erstickt haben.

  • Zwei Jahre später soll er seiner Tochter schwere Kopfverletzung zugefügt haben.

  • Gegen die beiden Elternteile wurden im Verlauf der Jahre verdeckte Ermittler eingesetzt, die sich als ihre Freunde ausgegeben haben.

  • Am Dienstag hat in Solothurn der dreitägige Gerichtsprozess begonnen.

Gesenkter Blick, verschränkte Arme, ein dichter, struppiger Bart: So betritt F. N.* am Dienstagmorgen den Gerichtssaal. Der 34-Jährige muss sich während drei Tagen für den Tod und das Schütteltrauma seiner Kinder vor dem Obergericht in Solothurn verantworten. Ihm wird unter anderem wegen vorsätzlicher Tötung und mehrfacher versuchter Tötung der Prozess gemacht. Am Dienstag wurden verdeckte Ermittler befragt. Der Angeklagte selbst hat sich bisher nicht geäussert – auch nicht zur direkten Frage der Richterin, ob er die Anklageschrift kenne.

Die Staatsanwaltschaft hatte bei den Ermittlungen gegen ihn und die Mutter zwischen 2010 und 2017 zu allen Mitteln gegriffen: Sechs Undercover-Agenten waren im Einsatz, Telefone wurden abgehört und Wanzen in der Familienwohnung verteilt. Der neue Partner der Mutter nimmt als verfahrensbeteiligter Dritter am Prozess teil und fordert eine Entschädigung für seinen Miteinbezug in die verdeckten Ermittlungen. Jahrelang sollen sich die sechs Agenten unter falschen Vorwänden gut mit den beiden Elternteilen angefreundet haben. «Mittels Vorgaukeln eines engen Freundschaftsverhältnisses haben sie sich ins Leben von F. N. und M. F. eingeschlichen», so die Anwältin.

Eine persönliche Befragung der Ermittler findet nicht statt: Sie werden per Videoübertragung, mit stark verzerrter, beinahe unverständlicher Stimme hinter Milchglas sitzend, vernommen. Einzig der Leiter der sechs Ermittler nimmt ohne Anonymisierung am Verfahren teil.

Verdeckte Ermittlungen laut Grundsätzen des Fedpol zulässig

Eineinhalb Jahre waren die sechs Ermittler durchschnittlich im Einsatz. Sie bauten mit den beiden Kindeseltern individuell eine Vertrauensbasis auf. «Der Auftrag war, im Verfahren gegen F. N. und M. F. im Hinblick auf die erwähnten Verdachte be- und entlastende Momente sowie Indizien zu finden», so der Ermittlungsleiter. Die Ermittlungen entsprächen den Grundsätzen des Fedpol.

Rechtsprofessor: «Ein sehr aussergewöhnlicher Fall»

Der Einsatz verdeckter Ermittler sei äusserst aufwendig und komplex: «Wenn alle anderen Untersuchungsbemühungen erfolglos bleiben, ist dies ein letztes Mittel», sagt Felix Bommer, Rechtsprofessor der Universität Zürich. Der vorliegende Fall sei aufgrund der Straftat, der Anzahl eingesetzter Ermittler und persönlicher Nähe der Agenten «sehr aussergewöhnlich». Dieser Fall zeige zudem die Problematik dieser «heimlichen Zwangsmassnahmen» deutlich auf: «Man geht im Normalfall davon aus, dass der Staat mit offenen Karten spielt – doch bei solchen Massnahmen ist es genau das Ziel, dass die Verdächtigen hinters Licht geführt werden», sagt Bommer. Es sei klar, dass nun ein Vertrauensbruch im Raum stehe. Oft kämen verdeckte Ermittlungen im Betäubungsmittel-Milieu zum Einsatz: «Dabei wird eine eher oberflächliche, geschäftliche Beziehung zu den verdächtigen Personen aufgebaut und gepflegt», sagt der Rechtsexperte. Ein solch enges Verhältnis wie im vorliegenden Fall sei sehr speziell. Zulässig seien verdeckte Ermittlungen bei vordefinierten «Katalogtaten» wie im vorliegendem Fall der vorsätzlichen Tötung. Diese müssten jeweils von einem Zwangsmassnahmegericht genehmigt werden.

Intensiven Kontakt mit der Mutter hatte insbesondere Spitzel «Sophie». Die junge Frau avancierte während ihrer Ermittler-Tätigkeit gar zur besten Freundin von M. F. Doch laut ihr gibt es «keine Anhaltspunkte, dass M. F. wissen könnte, wer für den Tod ihres Sohnes verantwortlich war.» «Sophie» habe mit M. F. Nachrichten wie «Du kannst mir immer alles sagen», «eine solche Freundschaft ist sehr wertvoll» und «hab dich ganz doll lieb, drücke dich aus der Ferne» ausgetauscht.

Habe sie damit nicht das zulässige Mass an Vertrautheit mit der Mutter überschritten, fragt die Verteidigerin. Die Undercover-Agentin antwortet, dass ihre Gefühle nichts zur Sache täten. «Ich bin Polizistin und es geht hier um ein totes Kind, das muss man sich immer vor Augen halten.» Für M. F. sei «eine Welt zusammengebrochen», als sie erfahren habe, dass «Sophie» eine Polizistin ist, sagte ihr neuer Partner auf Anfrage der Verteidigung.

«Ich habe M. F. als eine kränkliche Person erlebt», sagte «Sandra», die als mutmassliche Arbeitskollegin von M. F. eingesetzt wurde. «Sie hat sehr schnell, sehr häufig einen Mitteilungsbedarf über sich und ihre Probleme an den Tag gelegt.» Zweimal habe sie aber erwähnt, dass sie nicht ausschliessen könne, dass der Vater F. N. etwas mit dem Tod des Sohnes oder dem Schütteltrauma der Tochter zu tun hatte. «Sie sagte, dass F. N. zwei Gesichter habe», so Sandra.

«Unser Vertrauen in Menschen ist dauerhaft beschädigt.»

Auch der neue Partner von M. F. wurde in die Tätigkeiten der verdeckten Ermittlern einbezogen. «Ich habe vor sieben Jahren zwei gute Freunde verloren. Es verletzte mich sehr, wie ich hier hinters Licht geführt wurde», sagt er vor Gericht. Sein Anwalt fordert eine Entschädigungszahlung von 36’000 Franken für seinen Mandanten und kritisiert die Methoden der Staatsanwaltschaft heftig: «Ein Beschuldigter hat das Recht zu schweigen. Dieses Recht darf nicht durch einen Spitzel umgangen werden.»

Gegen Ende des ersten Prozesstages werden die drei Ermittler befragt, die um den angeklagten Kindsvater F. N. im Einsatz waren. «Ich habe F. N. als sehr zurückhaltende Person erlebt», sagt «Marcel»: «Über seine Kinder hat er sich nur selten geäussert.» Auch die Ermittlerin «Esther» habe den Angeklagten als «zurückhaltende aber freundliche Person» erlebt. Über seine Beziehungen zu seiner Ex-Frau und seinen Kindern habe sie wenig in Erfahrung bringen können: «Er sprach mehr über seine Hobbys», so «Esther». Ob F. N. verantwortlich für den Tod seines Sohnes ist, könne die Ermittlerin deshalb nicht einschätzen.

«Der erste Prozesstag ist niederschmetternd verlaufen» sagt Verteidigerin Eveline Roos. «Meiner Einschätzung nach haben die verdeckten Ermittler ihre Aussagen vor der heutigen Aussage klar abgesprochen.» Das Leben ihres Mandanten sei zerstört, sagt Roos. Der 34-jährige F. N. soll seit drei Jahren arbeitsunfähig sein und an posttraumatischer Belastungsstörung leiden, die auf die intensiven Ermittlungen der Staatsanwaltschaft zurückzuführen seien. «Er hat ein hohes Misstrauen gegenüber Menschen entwickelt. Nun steht er vor einem Scherbenhaufen.»

Der Prozess dauert bis am Donnerstag, das Urteil wird voraussichtlich am 6. Mai eröffnet. Für den Angeklagten gilt die Unschuldsvermutung.

*Namen der Redaktion bekannt

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