«Babyface» betrog angeblich allein
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«Babyface» betrog angeblich allein

Der Börsenhändler Jérôme Kerviel, der der französischen Bank Société Générale (SG) einen Schaden von fast fünf Milliarden Euro zugefügt haben soll, hat nach Angaben von Finanzministerin Christine Lagarde offenbar alleine gehandelt.

Die Pariser Grossbank Société Générale stösst mit ihrer Erklärung für den Milliardenschaden am spekulativen Derivatemarkt auf Widerspruch des angeblichen Verursachers Jérôme Kerviel.

Die Bank habe die Risikopositionen in Höhe von 50 Mrd. Euro «überstürzt und unter anormalen Bedingungen liquidiert», erklärten die Anwälte des 31-jährigen Händlers. Die Juristen warfen der Bank vor, «erheblich substanziellere Verluste» hinter einem «Rauchvorhang» verbergen zu wollen.

Konzernchef Daniel Bouton wies das am Montag zurück. «Wie soll man sich vorstellen, dass wir ein Loch mit einem anderen versteckt haben? Das ist völlig idiotisch.»

Genug Geld für Rosbank-Übernahme

Bouton wies im Radio auch Gerüchte zurück, Kerviel habe «die Société Générale zum Nutzen einer russischen Bank sprengen» wollen. Das Pariser Institut ist bei der Rosbank eingestiegen und will den zweitgrössten russischen Bankkonzern bis zum 11. Februar übernehmen.

Société Générale habe trotz der Verluste «ausreichend Geld, das zu bezahlen», sagte Bouton. Der Schaden sei mit einem «fahrlässig ausgelösten Grossbrand» in einem Industriebetrieb zu vergleichen.

Kerviel sollte für die Bank Arbitragegeschäfte auf dem Markt für Indexoptionen tätigen. Um die kleinen Ertragsdifferenzen gewinnbringend zu nutzen, musste er grosse Aufträge vergeben. Die Marktrisiken sollte er mit Gegengeschäften klein halten.

Weil die Bank nur die Nettorisiken prüfte und Kerviel den Beschuldigungen zufolge echte Risiken mit Scheingeschäften buchtechnisch ausglich, konnte er die Kontrolleure lange täuschen.

Angeschuldigter: Ungünstiger Termin zum Abstossen

Der Händler behauptet, nur «im Interesse der Bank gehandelt» zu haben. Er gibt Manipulationen zu, um die Überschreitung seiner Risikogrenzen zu verbergen. Die Société Générale sieht Kerviel als Alleintäter und hat Anzeige erstattet.

Kerviel erklärte der Staatsanwaltschaft dem «Figaro» (Montag) zufolge, seine umstrittenen Geschäfte auf die Börsenindizes DAX, EuroSTOXX und den britischen Leitindex FTSE hätten zur Jahreswende mit 1,4 Mrd. Euro in der Gewinnzone gelegen.

Er habe die langfristigen Positionen im Laufe des ersten Halbjahres 2008 abstossen wollen. Die Bank hatte dies nach Aufdecken der Risiken binnen drei Tagen getan und damit ausgerechnet am «schwarzen Montag» begonnen.

Nach Aussage der Société Générale waren die Positionen am Freitag zuvor ins Defizit gefallen und der Verlust sei bis Mittwoch auf 4,9 Mrd. Euro gewachsen.

Die Aktien der Société Générale gingen am Montag wieder auf Sturzflug. Auslöser war die Aussage der Regierung, sie werde die Bank vor einer feindlichen Übernahme schützen. Am Vormittag fiel das Papier um rund 7,4 Prozent auf 68.41 Euro. Die Citigroup senkte ihr Kursziel für die Aktie von 130 auf 65 Euro.

Die Société Générale steht auch wegen anderer Affären im Blickpunkt. Vom 4. Februar an muss sie sich einem Prozess wegen Geldwäsche stellen.

Es gebe gegenwärtig keinen Grund zu glauben, dass nicht er als Einzelperson verantwortlich sei, sagte die Ministerin am Montag im Fernsehsender «France 2». Auch die SG selbst hat erklärt, Kerviel habe allein gehandelt. Die Bank korrigierte den angerichteten Schaden am Montag leicht nach unten auf 4,82 Milliarden Euro.

Die Aufdeckung des Skandals hatte in der Finanzwelt ein Beben ausgelöst und die Frage aufgeworfen, ob der Broker tatsächlich völlig eigenständig gehandelt hatte. (dapd)

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