Keine Lust auf Babys: Warum gibt es so wenig Neugeborene wie seit 2007 nicht mehr?

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Keine Lust auf BabysWarum gibt es so wenig Neugeborene wie seit 2007 nicht mehr?

Zwischen Januar und August sind in der Schweiz so wenige Babys auf die Welt gekommen, wie seit 2007 nicht mehr. Dies führt zunehmend zu Problemen in der Altersvorsorge.

von
Marino Walser
Christina Pirskanen
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Zwischen Januar und August 2022 verzeichnete das Bundesamt für Statistik nur 51’302 Lebendgeburten – das ist die tiefste Zahl für diesen Zeitrahmen seit 2007.

Zwischen Januar und August 2022 verzeichnete das Bundesamt für Statistik nur 51’302 Lebendgeburten – das ist die tiefste Zahl für diesen Zeitrahmen seit 2007.

20min/Celia Nogler
Im Vergleich zu letztem Jahr waren es 8483 Neugeborene weniger zwischen Januar und August.

Im Vergleich zu letztem Jahr waren es 8483 Neugeborene weniger zwischen Januar und August.

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Für die weiterhin tiefe Rate von Neugeborenen ist laut Susanne Grylka, Leiterin der Forschung am Institut für Hebammen an der ZHAW, vor allem die Mutation des Coronavirus verantwortlich. Mit der Delta-Variante im Herbst 2021 wurde klar, so Grylka, dass Schwangere zu den Risikogruppen zählten.

Für die weiterhin tiefe Rate von Neugeborenen ist laut Susanne Grylka, Leiterin der Forschung am Institut für Hebammen an der ZHAW, vor allem die Mutation des Coronavirus verantwortlich. Mit der Delta-Variante im Herbst 2021 wurde klar, so Grylka, dass Schwangere zu den Risikogruppen zählten.

ZHAW

Darum gehts

Nachdem es während der Pandemie 2021 zu zahlreichen neuen Geburtenrekorden kam und ein regelrechter Babyboom herrschte, scheint nun das komplette Gegenteil der Fall zu sein. Zwischen Januar und August 2022 verzeichnete das Bundesamt für Statistik nur 51’302 Lebendgeburten – das ist die tiefste Zahl für diesen Zeitrahmen seit 2007.

Im Vergleich zu letztem Jahr waren es 8483 Neugeborene weniger zwischen Januar und August. Bereits im Mai fielen die tiefen Zahlen auf, ähnliche Trends waren in Deutschland, Österreich, Grossbritannien und den Niederlanden festzustellen.

Geburtenrate bleibt höchstwahrscheinlich erhalten

Für die weiterhin tiefe Rate von Neugeborenen ist laut Susanne Grylka, Leiterin der Forschung am Institut für Hebammen an der ZHAW, vor allem die Mutation des Coronavirus verantwortlich. Mit der Delta-Variante im Herbst 2021 wurde klar, so Grylka, dass Schwangere zu den Risikogruppen zählten. «Ungeimpfte Frauen hatten zum Teil sehr schwere Verläufe. Die Kombination Schwangerschaft und Covid war plötzlich mit Ängsten verbunden», sagt sie. Aber auch die hohe Anzahl an Covid-Infektionen im Herbst 2021 sei mit ein Grund für die tiefe Geburtenrate. 

Ebenfalls dürften die hohen Ansteckungen im Frühjahr 2022 Auswirkungen auf nächstes Jahr haben. Geht es nach Grylka, wird sich auch 2023 eine tiefe Geburtenrate ausweisen lassen. «Wir befinden uns ganz allgemein in unsicheren Zeiten und so würde ich auch fürs nächste Jahr kein Rekordjahr erwarten.»

Covid-Impfung führt nicht zu Unfruchtbarkeit

Bereits im August sorgte die tiefe Geburtenrate zwischen Januar und Mai in impfskeptischen Kreisen für viel Aufruhr: Die Impfung sei eine plausible Erklärung für die tiefen Geburten. Mehrere Studien zu den Auswirkungen der Covid-Impfungen auf die Fruchtbarkeit von Mann und Frau widerlegen diese These jedoch. Auch das Schweizerische Heilmittelinstitut Swissmedic sagte bereits im August auf Anfrage von 20 Minuten, dass es «weder aus den fortlaufenden Zulassungsstudien noch aus der weltweiten Marktüberwachung Hinweise gibt, dass auf mRNA-Technologie basierende Impfstoffe zur Vorbeugung von Covid-19 unfruchtbar machen könnten».

«AHV-System kann nicht weitergeführt werden»

«Es gibt einen Trend zu weniger Kindern», sagt Simone Gretler Heusser vom Departement Soziale Arbeit der Hochschule Luzern. Dies sei zwar nicht grundsätzlich schlecht, führe mit der zunehmenden Lebenserwartung aber dazu, dass es mehr alte Menschen und weniger Junge gebe. Dieses immer grösser werdende Ungleichgewicht sei zwar ein weltweiter Trend, in der Schweiz jedoch sehr ausgeprägt. «Die Weltgesundheitsorganisation rechnet damit, dass es 2050 weltweit mehr über 65-Jährige geben wird, als unter 15-Jährige», sagt Gretler Heusser.

Mehr Alte, weniger Junge: Das wirkt sich auch etwa auf die AHV aus. «Das jetzige System kann so zukünftig nicht mehr weitergeführt werden – hier braucht es neue Lösungen», so die Expertin. Auch das traditionelle Familienbild sei auf dem Rückmarsch. «‹Make kin, not babies› ist ein Trend, der auch langsam Anklang in der Schweiz findet», erklärt Gretler Heusser. Die Menschen bauen sich also vermehrt statt einer biologischen Familie eine Familie aus Freunden und wichtigen Bezugspersonen auf.

Die Schweiz schrumpft ohne Zuwanderung

Kurzfristige Schwankungen in den Geburtenzahlen spielen laut dem Soziologen Ben Jann von der Universität Bern keine grosse Rolle. «Zwar erscheint der aktuelle Einbruch der Zahlen in diesem Jahr relativ extrem. Ich würde deswegen aber noch nicht von einem neuen Trend zu noch tieferen Fertilitätsraten ausgehen.» Zuerst müsse sich zeigen, ob dieser Trend anhält.

Der Soziologe sagt aber: «Würde diese Aktualität anhalten, wäre dies für die Schweizer Altersvorsorge ein Problem.» In der Schweiz liege die Fertilitätsrate, also die durchschnittliche Anzahl von Kindern, die eine Frau in ihrem Leben gebärt, bereits seit etwa 40 Jahren in einem Bereich von ca. 1,5. Doch die fehlenden Geburten werden durch die Migration ausgeglichen.

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