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Bad Ragaz: Ein Dorfpolizist schlägt zu

Die südkoreanischen Kunstturner, die am Freitag in Maienfeld einen Länderkampf gegen Puerto Rico und die Schweiz bestreiten, sind Opfer eines übereifrigen Polizisten geworden, der praktisch das gesamte Team auf den Polizeiposten Bad Ragaz abführte.

Auslöser war die Anzeige einer Frau, der im Migros von Bad Ragaz das Portemonnaie gestohlen worden war. Angeblich soll zur fraglichen Zeit ein Kunde mit asiatischen Gesichtszügen in der Nähe gewesen sein. Unverzüglich rückte ein Polizist aus und verhaftete kurzerhand den erstbesten Asiaten, der ihm über den Weg lief, zufälligerweise ein Mitglied der südkoreanischen Nationalmannschaft.

Auf dem Weg zum Polizeiposten begegneten sie den übrigen Teamkollegen, wobei diese auch gleich mitgenommen wurden - oder mitgingen. Die Darstellung des Polizisten und der Südkoreaner weicht voneinander ab. Auch bezüglich der Abläufe auf dem Polizeiposten gehen die Aussagen auseinander. Gemäss der Südkoreaner beteiligte sich auch die bestohlene Frau an den «Untersuchungen», wobei sie angeblich den Athleten die Ausweise entriss und «kontrollierte». Der beteiligte Polizist bestreitet diese Version.

Der umstrittene Dorfpolizist, ein Kantonspolizist, der von der Gemeinde Bad Ragaz «geleast» ist, will sich zum Zwischenfall nicht mehr äussern und verweist an die Medienstelle St. Gallen. Gegenüber dem OK-Mitglied Christoph Kuoni, der um die Freilassung der Athleten ersuchte, hatte er sich noch ziemlich renitent gegeben: «Ich bin jetzt gerade am Mittagessen. Je mehr sie mich bedrängen, umso länger dauern die Untersuchungen».

Polizeichef entschuldigt sich

Polizeisprecher Hanspeter Eugster sprach von einer «sicher sehr streng ausgelegten Kontrolle». Der Polizeichef der Region Werdenberg/Sarganserland, Andreas Brunner, entschuldigte sich wegen des Übereifers des Polizisten bei OK-Mitglied Christoph Kuoni und erklärte sich bereit, der südkoreanischen Mannschaft mit dem Olympia-Zweiten Kim Dae-Eun und dem Olympia-Dritten Jang Tae-Jong persönlich eine Entschuldigung zu überbringen: «Die Arbeit ist nicht ideal abgelaufen. Der Polizist hat über das Ziel hinausgeschossen. Es tut mir sehr leid, wenn die südkoreanische Delegation einen schlechten Eindruck von der Schweiz als Gastgeber bekommen haben sollte.»

Eine rassistische Dimension stellte Polizeisprecher Eugster indessen in Abrede. Zu einer Personenbeschreibung gehöre ein Hinweis wie «asiatisches Aussehen». Falls aber tatsächlich die bestohlene Frau sich aktiv an den «Untersuchungen» beteiligt hätte, wäre das vielmehr eine Amtsanmassung. Polizeichef Brunner räumt ein, dass er es begrüsst hätte, wenn zwischen der bestohlenen Frau und den Südkoreanern bei der Einvernahme «mehr Distanz» bestanden hätte: «Ich kann nicht ausschliessen, dass eine gewisse Dynamik in die Sache gekommen ist, die nicht vorteilhaft war.» Jedenfalls steht zweifelsfrei fest, dass die Turner mit dem Diebstahl nichts zu tun hatten, wie Brunner bestätigte.

Polizeichef Andreas Brunner ist sich im Vorfeld der Fussball-Europameisterschaft der delikaten Situation im Umgang mit ausländischen Sportlern anderer Hautfarbe wohl bewusst. Vor der Fussball-WM 2006 in Deutschland, als die togolesische Nationalmannschaft in Bad Ragaz logierte, nahm er persönlich mit deren Nationalcoach Otto Pfister Kontakt auf, weil in der Gegend verschiedene dunkelhäutige Bewohner des Asylantenheims als Kleindrogenhändler auftraten: «Ich wollte unbedingt vermeiden, dass ein Fussballer Togos angegangen und als Dealer gehalten wird.»

Der Länderkampf Schweiz - Südkorea - Puerto Rico findet am Freitagabend (ab 18.30 Uhr) in der Turnhalle Maienfeld statt.

(si)

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