«Schuss geht nach hinten los» - BAG-Impfkampagne mit Fail-Videos wird auf Social Media heftig kritisiert
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«Schuss geht nach hinten los»BAG-Impfkampagne mit Fail-Videos wird auf Social Media heftig kritisiert

Um die Impfbereitschaft zu erhöhen, wendet sich das BAG auf Social Media mit Kurz-Videos direkt an 12- bis 20-Jährige. Auf Twitter und Instagram werden die Clips heftig kritisiert, von Soziologin Katja Rost erhalten sie viel Lob.

von
Michelle Muff

Kakteenstacheln, Feuerwerk und die Zimt-Challenge: Die neue Impfkampagne des BAG kommt ungewohnt farbig und laut daher.

BAG

Darum gehts

  • In der neusten Impf-Informationskampagne des Bundesamts für Gesundheit stehen Jugendliche im Fokus.

  • Mit Fail-Videos soll die Kampagne impfunschlüssige Jugendliche über zwölf Jahren zur Impfung bewegen.

  • Die Videos werden auf allen Social-Media-Plattformen ausgestrahlt.

  • Während die Kampagne auf Twitter auf Kritik stösst, findet sie eine Soziologin gelungen und für Jugendliche ansprechend.

Ein junger Mann blickt mit einem angezündeten Vulkan-Feuerwerk in der Hose grinsend in die Kamera. Als die Funken plötzlich immer stärker sprühen, wird er panisch und versucht zappelnd, das brennende Objekt aus der Hose zu entfernen. «Die Impfung braucht deutlich weniger Mut als sich einen Feuerwerkskörper in die Hose zu stecken», wird zum Schluss in das kurze Video eingeblendet. Der Clip, der seit heute auf Social Media kursiert, gehört zur neuen Impfkampagne des Bundesamts für Gesundheit (BAG), die sich speziell an junge Menschen über zwölf Jahren richtet.

«Mit den drei Fail-Videos, die ab Dienstag als gesponserte Beiträge auf Snapchat, Tiktok, Facebook und Youtube erscheinen, möchten wir junge Menschen auf humorvolle Weise dazu anregen, sich über die Impfung Gedanken zu machen», so Adrian Kammer, Leiter der Sektion Gesundheitsinformation und Kampagnen des BAG. «Sie sollen den Jugendlichen Ängste nehmen und als emotionale Anstupser funktionieren.»

Videos sorgen auf Twitter für Kritik

Auf Social Media spalten sich die Meinungen zum ersten veröffentlichten Video, das zwei Jugendliche während der Zimt-Challenge zeigt, derweil. So gibt es zahlreiche Kommentare, die dem BAG vorwerfen, Ungeimpfte als dumm darzustellen: «Respekt und Achtung vor den Ungeimpften gleich Null», kommentiert etwa eine Userin auf Instagram. Ein Twitter-Nutzer meint, die Botschaft sei «wirklich misslungen» und nicht witzig.

Auffallend dabei ist, dass bisher viele Kommentarschreibende älter sind, als die vom BAG in der Kampagne angepeilte Zielgruppe. Das dürfte wohl daran liegen, dass viele Jugendliche die Videos noch nicht gesehen haben, weil sie die BAG-Seite auf Social Media nicht abonniert haben. Dass Jugendliche die Videos wohl anders auffassen als Erwachsene, darauf macht eine Instagram-Userin aufmerksam: «Liebe Leute, meine 13-jährige Nichte hat das Video sofort verstanden und gecheckt, dass es im Clip um die Angst vor dem Piks der Spritze geht.»

«Man möchte die Jugendlichen nicht beleidigen oder provozieren», antwortete Patrick Mathys, Leiter der Abteilung übertragbare Krankheiten beim BAG, am Dienstag an einer Medienkonferenz auf die Frage, ob Jugendliche in den Videos nicht als doof dargestellt werden: «Mit der Kampagne wird mit einem Augenzwinkern thematisiert, dass auch junge Personen Angst vor einer Spritze haben, gleichzeitig aber bereit sind, auf einen Kaktus zu springen.» Begründete Bedenken hinsichtlich der Impfung nehme man ernst: «Man möchte jene abholen, die eine diffuse und leichte Angst vor der Impfung verspüren.»

«Die Videos sind für Jugendliche ansprechend»

Katja Rost, Professorin für Soziologie an der Universität Zürich, wertet die Kampagne positiv: «Die Videos sind humorvoll gemacht und knüpfen auf einer emotionalen Ebene an. Das macht sie für Jugendliche sehr ansprechend.» So spielen laut Rost die Clips auch auf das Zugehörigkeitsgefühl innerhalb des Freundeskreises an: «Es zeigt: Bist du cool, lässt du dich impfen.» Sie denke, dass die Kampagne einen Effekt auf die Impfbereitschaft haben wird: «Wie stark diese ausfällt, kann man nicht sagen. Aber es ist wahrscheinlich, dass die Videos bei Jugendlichen diskutiert werden und damit das Thema Impfen bei jungen Personen in den Fokus rückt.»

«Das BAG empfiehlt die Impfung für alle über 12 Jahre»

Aktuell sind nur 32.38 Prozent der zwölf- bis 19-Jährigen sowie 55.95 Prozent der 20-29-Jährigen zumindest einmal geimpft. Gleichzeitig stecken sich diese zwei Altersklassen momentan aber am meisten mit dem Coronavirus an. «Das ist problematisch», sagt Virgine Masserey, Leiterin der Sektion Infektionskontrolle beim Bundesamt für Gesundheit (BAG). Gerade jetzt vor den Herbstferien und vor Einbruch der kalten Jahreszeit sei es wichtig, dass man die Impfbereitschaft bei jungen Erwachsenen erhöhe: «Die Impfung ist nach wie vor der einfachste und effizienteste Weg, um die Verbreitung des Virus einzudämmen und damit Spitalüberlastungen sowie mögliche Einschränkungen zu verhindern.»

Auch wenn Jugendliche selten von schweren Verläufen betroffen sind, empfehle das BAG die Impfung klar allen Personen über zwölf Jahren, so Masserey: «Es ist der einfachste Weg zur Normalität zurückzukehren. Es vereinfacht das Reisen, verhindert Quarantänen und schützt besser vor Long-Covid, von dem auch Jugendliche betroffen sein können. Die Nutzen der Impfung überwiegen die Risiken auch bei Jugendlichen ganz klar.»

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