Für Junge lieber Biontech – BAG überrumpelt Kantone mit Änderung der Impfempfehlung
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Für Junge lieber BiontechBAG überrumpelt Kantone mit Änderung der Impfempfehlung

Seit Freitag empfiehlt das BAG unter 30-Jährigen den Impfstoff von Biontech/Pfizer. Bei der Umsetzung in den Kantonen herrscht aber Chaos.

von
Christina Pirskanen
Daniel Graf
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Seit Freitag empfiehlt das BAG «präferenziell», also vorzugsweise, den Impfstoff von Biontech/Pfizer für unter 30-Jährige. 

Seit Freitag empfiehlt das BAG «präferenziell», also vorzugsweise, den Impfstoff von Biontech/Pfizer für unter 30-Jährige.

Robert Michael/dpa
Beim Moderna-Vakzin Comirnaty waren mehr Verdachtsmeldungen auf Herzmuskelerkrankungen eingegangen in zeitlichem Zusammenhang mit der Impfung als beim Biontech-Impfstoff. 

Beim Moderna-Vakzin Comirnaty waren mehr Verdachtsmeldungen auf Herzmuskelerkrankungen eingegangen in zeitlichem Zusammenhang mit der Impfung als beim Biontech-Impfstoff.

Stefan Puchner/dpa
Das BAG betont aber, dass bei beiden Impfstoffen Herzmuskelerkrankungen sehr selten seien und in der Regel mild verliefen. 

Das BAG betont aber, dass bei beiden Impfstoffen Herzmuskelerkrankungen sehr selten seien und in der Regel mild verliefen.

Tamedia AG

Darum gehts

  • BAG und EKIF haben kaum bemerkt ihre Impfstoffempfehlung angepasst: Für unter 30-Jährige wird neu «als Norm» der Impfstoff von Biontech/Pfizer empfohlen.

  • Hintergrund sind neue Daten über Herzmuskelerkrankungen nach der Impfung. Diese seien bei Moderna-Impfungen häufiger gewesen.

  • Trotzdem gibt es keine Nicht-Empfehlung: Die Kantone können unter 30-Jährigen weiterhin auch Moderna verimpfen.

  • Diese unklaren Regeln führen zu einem Flickenteppich unterschiedlicher Regeln in den Kantonen.

Das Bundesamt für Gesundheit (BAG) und die Eidgenössische Kommission für Impffragen (EKIF) haben ihre Impfempfehlung für unter 30-Jährige angepasst. Personen unter 30 sollen nicht mehr den Impfstoff von Moderna erhalten, sondern denjenigen von Biontech/Pfizer. Die Änderung erfolgte vergangenen Freitag aufgrund neuer Daten zu Meldungen über Herzmuskelentzündungen, wie das BAG schreibt.

Christoph Berger, Präsident der EKIF, betont: «Nach einer Virusinfektion kommt eine Herzmuskelentzündung öfters vor. Nach einer Impfung an Myokarditis zu erkranken, ist viel seltener» (siehe unten).

238 Verdachtsfälle bei 11,6 Millionen Impfungen

Genaue Zahlen dazu hat die Zulassungsstelle Swissmedic: «Bis zum 23. November wurden, bei über 11,6 Millionen verabreichten Impfdosen, 238 Verdachtsberichte von Myokarditis und/oder Perikarditis aus der Schweiz gemeldet und evaluiert», sagt Mediensprecher Lukas Jaggi. Davon seien 42 Fälle in zeitlichem Zusammenhang mit dem Impfstoff von Biontech/Pfizer und 187 mit jenem von Moderna aufgetreten, in neun Fällen ist der Impfstoff bislang nicht bekannt. «Die Betroffenen wurden medizinisch behandelt und sind mehrheitlich bereits wieder genesen.»

Die Schweiz setzt also auf eine angepasste Empfehlung und nicht wie etwa Schweden auf ein Verbot. Auch Booster-Impfungen empfiehlt das BAG unter 30-Jährigen neu nur noch mit Biontech/Pfizer. Das BAG sagt auf Anfrage aber, dass Impfungen mit dem Moderna-Vakzin nach wie vor möglich seien.

BAG: Auch Impfungen mit Moderna noch möglich

Das Bundesamt für Gesundheit betont auf Anfrage, es gebe keine «Nicht-Empfehlung» und es bestehe auch kein Anspruch auf einen Impfstoff. «Beide Impfstoffe sind von Swissmedic auch für unter 30-Jährige zugelassen. Die Aufsicht obliegt den Kantonen», sagt Nani Moras von der BAG-Kommunikationsabteilung.

Eine Umfrage von 20 Minuten zeigt: Im Kanton Zürich empfehle man, wie die EKIF, den Impfstoff von Pfizer BioNTech. «Wünscht aber jemand mit Moderna geimpft zu werden, ist das möglich», sagt Regina Gerdes von der Gesundheitsdirektion Zürich. Das gelte auch in Basel-Stadt: «Personen, welche eine Moderna-Impfung wünschen, können diese weiterhin erhalten», heisst es da. Mehrere Kantone konnten die Umsetzung der neuen Empfehlung am Montag noch gar nicht kommentieren.

«BAG-Kommunikation war erneut schlecht»

Für GLP-Nationalrat Martin Bäumle ist dieses Durcheinander keine Überraschung: «Die Empfehlung des BAG ist richtig, aber man hätte diese schon lange machen können.» Bei einer so kurzfristigen Änderung der Impfempfehlung sei es klar, dass die Kantone nun unterschiedlich darauf reagierten, so Bäumle. «In Anbetracht unserer jetzigen Pandemie-Lage war es sicherlich nicht der optimale Zeitpunkt, einmal mehr war die Kommunikation von BAG und EKIF schlecht. Wir müssen im Moment Sicherheit ausstrahlen und weiter impfen und boostern und nicht mit solchen Meldungen Unsicherheit streuen.»

Dass das BAG mit der angepassten Empfehlung die Kantone überrumpelt hatte, zeigt sich auch in Luzern: «Meine Schwester wollte sich am Samstag auf dem Impfschiff die zweite Dosis Moderna holen», erzählt Leserin L. C.* Der anwesende Arzt habe ihrer Schwester gesagt, dass sie früher am Morgen hätte kommen sollen – jetzt kriege sie keine Moderna-Impfung mehr. «Pfizer konnte man ihr aber auch nicht anbieten, da das Impfschiff keinen Vorrat davon hatte.» Noch am selben Tag habe es in einem anderen Impfzentrum dann geklappt mit der Moderna-Impfung. «Dort wusste der Arzt offenbar noch nichts von der neuen Regelung.»

Drei Fragen an Christoph Berger*

Kommt die Änderung der Impfempfehlung für unter 30-Jährige zu spät?

Christoph Berger: Nein, wir sind nicht zu spät. An dem Tag, als die skandinavischen Länder den Moderna-Impfstoff für unter 30-Jährige aussetzten, haben wir in Zusammenarbeit mit Swissmedic und dem BAG ihre Daten angefordert. Die Länder wollten ihre Daten jedoch nicht zeigen. Wir konnten ihnen ja nicht einfach nachlaufen ohne konkrete Beweise, sondern haben dann Daten aus anderen Ländern gesucht. Das EKIF hat ausserdem eng mit der Swissmedic zusammengearbeitet, um Schweizer Fälle von Herzmuskelentzündungen zu untersuchen.

Wie hoch ist das Risiko für eine Herzmuskelentzündung?

Nach einer Virusinfektion kommt eine Herzmuskelentzündung öfters vor. Nach einer Impfung an Myokarditis zu erkranken, ist viel seltener. Zudem verlaufen die Myokarditis-Erkrankungen bisher recht mild. Wer unter 30-jährig ist und trotzdem den Impfstoff von Moderna erhalten will, darf das auch. Generell empfehlen wir aber als Norm für junge Personen den Impfstoff von Biontech/Pfizer, das Risiko ist kleiner.

Hat diese neue Empfehlung Auswirkungen auf die Impfbereitschaft?

Wir wollen transparent sein und nichts unter den Tisch wischen. Entweder würden wir nichts an der vorherigen Empfehlung ändern, weil das Risiko so klein ist. Oder wir passen die Empfehlung unserer neuesten Datenlage an. Also war schnell klar, dass wir die neue Empfehlung auf Basis der Erkenntnisse um Herzmuskelentzündungen kommunizieren.

*Christoph Berger ist Präsident der Eigenössischen Kommission für Impffragen (EKIF)

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BAG-Infoline Covid-19-Impfung, Tel. 058 377 88 92

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Pro Juventute, Beratung für Kinder und Jugendliche, Tel. 147

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