Tödliche Verneigung: «Bald fährt sie ganz ganz nahe vorbei ...»
Aktualisiert

Tödliche Verneigung«Bald fährt sie ganz ganz nahe vorbei ...»

Das nahe Passieren der Insel Giglio galt als Touristenspektakel. Ein Briefwechsel zeigt: Das Manöver hatte Tradition. Nur, diesmal wollte der Kapitän besonders nahe ran - für seinen Maître d'hôtel.

von
ann

Acht Seemeilen breit ist der Kanal zwischen der Isola del Giglio und der Halbinsel Monte Argentario – selbst für Riesenschiffe wie die «Costa Concordia» wäre es darum kein Problem, die Unterwasserfelsen Le Scole, die in der Nacht auf Samstag dem Kreuzer zum Verhängnis wurden, zu umschiffen. Doch Kapitän Francesco Schettino riskierte mit seinem Manöver zu viel. Warum?

Bereits kurz nach dem Unglück wurde spekuliert, Schettino sei womöglich aus Sensationssucht so nahe an der Insel Giglio vorbeigefahren. Nun kommen weitere Details über das riskante Manöver ans Licht.

Eine Verneigung vor der Insel

Wie das Newsportal ElbaReport aufdeckte, handelt es sich dabei möglicherweise um eine lange Seefahrer-Tradition: Die Kreuzfahrtschiffe der Linie Costa Crociere fahren gemäss den Recherchen oft extra nahe an der Insel Giglio vorbei, um den Touristen im Hafen ein Spektakel zu bieten. Auf der Höhe des Hafens ertöne jeweils das Schiffshorn. «Ein Gruss des Schiffes an die Inselbewohner», sagt Chefredaktor Sergio Rossi von ElbaReport gegenüber 20 Minuten Online. Unter Seefahrern nennt man dies eine «Verneigung» vor der Insel.

Als Beweis publiziert ElbaReport den Briefverkehr zwischen Sergio Ortelli, Gemeindepräsident der Insel Giglio, und einem Kapitän der «Costa Concordia» vom 8. August 2011. Darin schreibt Ortelli vom «unglaublichen Spektakel» des vorangehenden Abends, als die «Costa Concordia» direkt vor Porto Giglio vorbeigefahren sei. Darum wolle Ortelli dem Kapitän nun eine Nachricht im Namen der ganzen Gemeinde und der zahlreichen Touristen zukommen lassen, die alle einem «einmaligen Event» beiwohnen durften. Darauf fügt Gemeindepräsident Ortelli an, dass das nahe Passieren der Riesenschiffe in den letzten Jahren zu einer «unverzichtbaren Tradition» geworden sei, für die er sich bedanken wolle.

«Dem Spektakel und dem Druck der Inseln zuliebe»

Der damalige Kapitän der «Costa Concordia» antwortet dem Gemeindepräsident geschmeichelt und erzählt, es sei bewegend gewesen, an Giglio vorbeizufahren. Er habe die Blitzlichter wahrgenommen, die zu Tausenden aufleuchteten, als er den Hafen passierte. Er hoffe darum, dass dies auch für die Leute an Bord eine fortdauernde Tradition bleibe.

Chefredaktor Sergio Rossi kann sich gegenüber 20 Minuten Online kaum beherrschen, wenn er von dieser Korrespondenz redet. «Das ist eine mörderische Tradition, bei der die Kapitäne dem Spektakel zuliebe und auf Druck der Inseln immer näher an die Küste heranfahren», empört er sich.

Wollte der Maître die Eltern grüssen?

Nebst der Tradition des nahen Passierens soll es aber einen weiteren Grund geben, weshalb die «Costa Concordia» gerade vor Giglio gesunken ist. Kapitän Francesco Schettino soll dem Maître d'hôtel der «Costa Concordia» zuliebe noch näher als sonst an die Insel Giglio herangefahren sein, wie mehrere Medien vermelden. Der Maître, ein gebürtiger Gigliese, wollte damit angeblich seine Eltern grüssen. Das Haus der Familie des Maître befindet sich im Osten der Insel bei Porto Giglio.

Die These wird gestützt durch einen Facebook-Eintrag der Schwester des Maître. Diese schrieb vor dem Unglück: «Innert Kürze fährt die Concordia der Costa Crociera ganz ganz nahe vorbei ...» Zu nahe, wie sich kurz darauf herausstellte.

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