Aktualisiert 06.07.2012 08:43

Verzweifelte Behörden

Bald kann fast jeder Lehrer werden

Um wieder genügend Lehrpersonen zu haben, lockern die Kantone ihre Bestimmungen. Eine Matur braucht es nicht mehr. Neu genügen Berufserfahrung und ein Alter von über 30 Jahren.

Ein Lehrer liest seinen Schülern eine Geschichte vor. Die Bestimmungen, um an diesen Job zu kommen, werden gelockert.

Ein Lehrer liest seinen Schülern eine Geschichte vor. Die Bestimmungen, um an diesen Job zu kommen, werden gelockert.

Der Lehrermangel zwingt die Kantone, neue Wege zu gehen: Künftig sollen auch erfahrene Berufsleute ohne Matur Lehrerinnen und Lehrer werden können. Dies hat die Konferenz der kantonalen Erziehungsdirektoren (EDK) entschieden. Quereinsteiger müssen über 30 Jahre alt sein und über mindestens drei Jahre Berufserfahrung verfügen. Bisher war eine gymnasiale Matur oder eine Berufsmatur mit Ergänzungsprüfung Voraussetzung für eine Lehrerausbildung.

Wer ohne diese Abschlüsse Lehrerin oder Lehrer werden will, muss die für ein Hochschulstudium nötige Studierfähigkeit in einem Dossier nachweisen können. Zudem kann eine Ergänzungsprüfung in Allgemeinbildung durchgeführt werden, wie die EDK am Donnerstag mitteilte.

Erfahrung zählt

Grundsätzlich dauert die Ausbildung für die Vorschul- und die Primarschulstufe 3 Jahre, jene für die Sekundarstufe I 4,5 Jahre. Je nach Vorleistungen und Kompetenzen kann die Studienzeit verkürzt werden. Davon profitieren auch Quereinsteiger mit gymnasialer Maturität. Sie können sich die bei der Jugendarbeit, in Vereinen oder bei Sprachaufenthalten erworbenen Kompetenzen anrechnen lassen.

Neu ist es zudem möglich, schon während der Ausbildung vor einer Klasse zu stehen. Frühestens nach dem ersten Ausbildungsjahr und nach einer Berufseignungsüberprüfung können Quereinsteiger eine Teilzeitstelle übernehmen. Die Lehrertätigkeit gilt als Teil der Ausbildung und wird von der Hochschule begleitet.

Kantone und Hochschulen entscheiden selber, ob sie Quereinsteigende ausbilden wollen oder nicht. Die neuen Zulassungs-Regeln gelten ab 1. August 2012. Nötig geworden waren sie, weil die Schulen immer mehr Mühe hatten, alle Stellen zu besetzen. Dieses Jahr beispielsweise waren Mitte Juni rund 40 Prozent der offenen Stellen an Deutschschweizer Volksschulen noch nicht besetzt.

Abstriche beim Unterricht

Dies ergab eine Mitgliederbefragung des Verbands Schulleiterinnen und Schulleiter Schweiz (VSLCH). Mangel herrscht insbesondere an Kindergärtnerinnen und Kindergärtnern sowie an Lehrpersonen für die Sekundarstufe I. Laut VSLCH sind viele Schulleitende gezwungen, Stellen mit unzureichend qualifizierten Lehrpersonen zu besetzen, was zu Qualitätsverlusten führt.

In ihrer Mitteilung vom Donnerstag weist die EDK darauf hin, dass der Lehrermangel nur ein Grund für die geänderten Zulassungsbedingungen sind. Auf lange Sicht könnten Berufsleute mit ihrer Lebens- und Berufserfahrung einen Gewinn für die Schule darstellen, schreibt die EDK. (sda)

«Unqualifizierte werden scheitern»

Beat Zemp*, werden bald Unqualifizierte unsere Kinder unterrichten?

Nein. Quereinsteiger ohne Matur müssen nachweisen, dass sie fähig sind, zu studieren. An diesen Hürden werden Unqualifizierte scheitern. Danach müssen sie die gleichen Prüfungen absolvieren wie alle angehenden Lehrerinnen und Lehrer.

Die Notlage ist aber gross. Da will man doch einfach möglichst viele neue Lehrer.

Sicher. Es macht aber keinen Sinn, fähige Interessenten ohne Matur auszuschliessen. Bisher konnte man sich erlauben, nur die ­Besten als Quereinsteiger zu nehmen, darunter waren auch viele mit Matur und Hochschulabschluss. Doch dieses Potenzial ist nun ausgeschöpft.

Wird das Problem des Lehrermangels mit der neuen Massnahme gelöst?

Sie ist ein Beitrag, kann das Loch allein aber sicher nicht stopfen. In den nächsten zehn Jahren müssen wir 30 000 Lehrerstellen neu besetzen.

*Beat Zemp ist Zentralpräsident des Lehrerinnen- und Lehrerverbands LCH.

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