Aktualisiert 10.07.2015 14:09

Deutsche bleiben zu Hause

«Bald kommen keine EU-Einwanderer mehr»

Laut Elisabeth Schneider-Schneiter (CVP) ist die Schweiz für EU-Fachkräfte nicht mehr attraktiv. Gehe dies so weiter, erübrigten sich die Verhandlungen mit Brüssel.

von
daw

In einem Gastkommentar in der «Basellandschaftlichen Zeitung» äussern Sie Ihre Sorge darüber, dass bald keine EU-Bürger mehr in die Schweiz einwandern. Warum?

Tatsache ist, dass die Deutschen nicht mehr in die Schweiz kommen. Laut den Zahlen des Staatssekretariats für Wirtschaft (Seco) sind netto gerade noch 6800 Deutsche in die Schweiz eingewandert – 2008 waren es noch 29'000 Personen. Bald werden mehr Deutsche ab- als einwandern. Die Zuwanderung aus den EU-/Efta-Staaten ging ebenfalls um 25 Prozent zurück und lag unter dem Durchschnitt der letzten sechs Jahre. Das wird uns noch wehtun, denn die Wirtschaft ist auf gut qualifizierte Fachkräfte angewiesen.

Das Volk hat sich ohnehin für eine Reduktion der Zuwanderung ausgesprochen. Und statt der Deutschen kamen mehr Portugiesen, Spanier, Italiener und Osteuropäer.

Das ist so. Aber gerade die Deutschen haben gute Ausbildungen und stehen uns sprachlich und kulturell sehr nahe.

Sie sehen also eine Trendwende bei der Zuwanderung aus dem EU-Raum?

Ja, die Einwanderung ist am Kippen. Die Schweiz hat an Attraktivität eingebüsst. Und ich befürchte, dass bald nicht nur die Deutschen, sondern auch Fachkräfte aus anderen Ländern nicht mehr kommen.

Warum ist die Schweiz in Ihren Augen nicht mehr attraktiv?

Es hat eine Entzauberung stattgefunden. Teure Mieten, hohe Krankenkassenprämien und lange Arbeitszeiten führen dazu, dass unter dem Strich kaum etwas bleibt. Zudem werden gerade die Deutschen in ihrem Heimatland gebraucht, weil die Wirtschaft boomt. Deutsche Spitäler setzen mit Lohnerhöhungen Anreize, dass deutsche Ärzte bleiben. In der Schweiz fehlt dagegen die Wertschätzung. Viele haben wegen des Deutschen-Bashings und der Masseneinwanderungsinitiative das Gefühl, nicht wirklich erwünscht zu sein. All das führt dazu, dass ein Deutscher mehr davon hat, wenn er zu Hause bleibt.

Sie schreiben: «Wenn es so weitergeht, können wir uns die Verhandlungen über die Bilateralen sparen.» Meinen Sie das ernst? Soll sich der Bundesrat jetzt einfach zurücklehnen, obwohl ihm das Volk den Auftrag gegeben hat, die Zuwanderung wieder selbst zu steuern?

Wenn sich der Trend fortsetzt, löst sich das vermeintliche Problem der Zuwanderung vielleicht tatsächlich von selbst. Ich hebe einfach den Warnfinger und sage, dass wir den Trumpf, für gescheite Köpfe attraktiv zu sein, nicht einfach aus der Hand geben sollten. Leider wird in der Diskussion über die Zuwanderung aus der EU zu oft mit jener über die Migration aus Drittstaaten oder dem Asylwesen vermischt.

Mit der Haltung, dass man einfach mal abwarten sollte, bis sich das Problem von alleine löst, werden Sie den Zorn der SVP auf sich ziehen.

Das bin ich gewohnt. Ich sage ja auch nicht, dass man nichts tun soll. Über einen Inländervorrang kann man durchaus diskutieren. Und in den Kantonen, wo es viele Grenzgänger gibt, kann man flankierende Massnahmen ergreifen.

Welchen Tipp würden Sie dem neuen Schweizer Chefunterhändler geben, der in Brüssel die Kohlen aus dem Feuer holen soll?

Ich bin nicht der Meinung, dass das Volk sich mit der Annahme der Masseneinwanderungsinitiative für eine Aufkündigung der Personenfreizügigkeit und gegen die bilateralen Verträge ausgesprochen hat. Es ist schwierig, einen Ratschlag zu geben, aber ich traue dem Bundesrat und unseren Diplomaten eine Lösung zu, die der Wirtschaft weiterhin den Zugang zu Fachkräften sichert.

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