Wolf: «Bald wird der Wolf auch Menschen angreifen»

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Wolf«Bald wird der Wolf auch Menschen angreifen»

Nachdem Wölfe auf einer Bündner Alp eine Kuh gerissen haben, schlägt Nationalrat und Bauer Jean-Pierre Grin Alarm. Der Wolf werde immer gefährlicher. Tierschützer widersprechen.

von
Claudia Blumer
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Das Wolfsrudel im Beverin gilt als «sehr problematisch». Nun prüft der Kanton, ob ein Abschuss möglich ist.

Das Wolfsrudel im Beverin gilt als «sehr problematisch». Nun prüft der Kanton, ob ein Abschuss möglich ist.

Amt für Jagd und Fischerei GR
«Das getötete Tier wurde von den Wölfen stark genutzt», schreibt das Amt für Jagd und Fischerei Graubünden. 

«Das getötete Tier wurde von den Wölfen stark genutzt», schreibt das Amt für Jagd und Fischerei Graubünden. 

Nationalrat und Bauer Jean-Pierre Grin (SVP, VD) hält den Wolfsschutz in der Schweiz für «missbräuchlich». Es gebe heute schon 350 Wölfe. Der Bund spricht von 150.

Nationalrat und Bauer Jean-Pierre Grin (SVP, VD) hält den Wolfsschutz in der Schweiz für «missbräuchlich». Es gebe heute schon 350 Wölfe. Der Bund spricht von 150.

Tamedia

Darum gehts

  • Am Wochenende haben auf der Alp Nurdagn GR Wölfe eine Kuh getötet. Das sei ein erstmaliger Vorfall und besorgniserregend, teilen die Bündner Behörden mit.

  • In den letzten Wochen kam es immer wieder zu Nutztier-Rissen durch Wölfe, etwa im Tessin und im Kanton Glarus. SVP-Nationalrat und Bauer Jean-Pierre Grin warnt: «Wenn wir nichts machen, greift der Wolf bald auch Menschen an.»

  • Die Gruppe Wolf Schweiz widerspricht: Menschen seien nicht gefährdet, sofern sie sich nicht komplett falsch verhalten würden.

Die Bündner Behörden sind besorgt: In der Nacht auf Samstag haben im Beveringebirge Wölfe eine Mutterkuh gerissen. Die siebenjährige Kuh befand sich mit weiteren Kühen auf einem eingezäunten Areal, teilt das Amt für Jagd und Fischerei mit. Die Wölfe des Beverinrudels verhielten sich seit Jahren «sehr problematisch», heisst es in der Medienmitteilung. Die Tötung einer ausgewachsenen Kuh sei neu und schwerwiegender.

Ob die Wölfe, welche die Kuh gerissen haben, getötet werden dürfen, prüft nun der Kanton. Die Vorschriften dafür sind eng (siehe Box).

Erboste Bauern

Das sorgt bei Bauern und Politikern für Unverständnis. «Wenn es so weitergeht, werden noch mehr Tiere gerissen und bald auch Menschen», sagt der Waadtländer SVP-Nationalrat und Bauer Jean-Pierre Grin. Die Kantone müssten die Kompetenz haben, Wolfsrudel in eigener Kompetenz zu regulieren. In der Sommersession wurden im Parlament mehrere Vorstösse zur Verringerung des Wolfsbestands eingereicht, meist von Politikern der SVP und aus den Kantonen Tessin und Wallis.

In den letzten Wochen wurden immer wieder Nutztiere von Wölfen gerissen. So in Matt GL, wo im Mai mehrere Schafe in der Nähe des Dorfes gerissen wurden – trotz elektrischem Zaun. Mitte Juni wurden in Elm GL vier Schafe getötet. Im Rovanatal TI wurden im April 19 Schafe von Wölfen gerissen. Bauern protestieren danach mit Tierkadavern vor dem Regierungssitz in Bellinzona – wegen gesetzlicher Bestimmungen durften die Wölfe nicht getötet werden.

Sollen die Kantone selbst über den Abschuss bestimmen?

Der Wolf werde heute in der Schweiz auf missbräuchliche Art geschützt, sagt Nationalrat Jean-Pierre Grin. Bis der Kanton vom Bund die Bewilligung zum Abschuss erhalte, könnten bis zu zwei Jahre vergehen. Der Bestand vergrössere sich derweil laufend. Grin geht davon aus, dass heute in der Schweiz 350 Wölfe leben, vor zwei Jahren seien es noch 150 gewesen. «Das geht schnell», sagt er. Das widerspricht den offiziellen Zahlen. Der Bund zählt 15 Rudel und 150 Wölfe, wie Dorine Kouyoumdjian, Sprecherin des Bundesamts für Umwelt, auf Anfrage sagt. Laut der Tierschutzorganisation Gruppe Wolf Schweiz sind es 16 Rudel und 160 Wölfe.

Der Vorfall in Graubünden sei eine neue Dimension von Tierriss durch den Wolf, sagt Grin. «Um eine ausgewachsene Kuh zu bodigen, braucht es acht oder neun Wölfe, sonst hätten sie das nicht geschafft.»

«Gefahr wird heraufstilisiert»

Anders sieht es David Bittner von der Gruppe Wolf Schweiz. «Das ist keine neue Dimension. Es ist einfach so, dass man bei einer wachsenden Wolfspopulation mit solchen Vorfällen rechnen muss. Doch es bleiben Einzelfälle. Es werden nicht reihenweise Kühe gerissen.» Die Gegner würden das Ereignis ausschlachten, die Gefahr werde heraufstilisiert.

Man müsse den Wolf nicht proaktiv abschiessen, die natürliche Regulierung erledige das von alleine, sagt Bittner. «Es gibt in der Schweiz nicht unendlich viel Platz für Wölfe. Der Raum für eine gewisse Anzahl Reviere ist klar begrenzt. Bereits jetzt findet eine Selbstregulierung statt: Rudel töten eindringende Wölfe.» Dass der Wolf auch Menschen angreift, sei unrealistisch, sagt Bittner. «Dazu müsste man sich wirklich ganz, ganz falsch verhalten.» Etwa die Wölfe füttern oder streichen zu wollen, das wäre falsch. «In Gebieten mit Wölfen ist klar Vorsicht geboten», sagt Bittner. Doch eine Waffe brauche es nicht, gesunder Menschenverstand genüge. Hunde solle man an der Leine führen.

Gesetzesrevision im Parlament hängig

Doch auch die Gruppe Wolf Schweiz biete Hand für eine Lockerung des Wolfsschutzes, sagt David Bittner. Gemeinsam mit weiteren Naturschutzverbänden und Interessengruppen habe man sich auf einen tragbaren Kompromiss bei der Revision des Jagdgesetzes geeinigt. Es ist eine Neuauflage – die letzte Revision wurde im September 2020 in einer Referendumsabstimmung knapp abgelehnt. Auch damals ging es um die Regulierung des Wolfs.

Nun ist die Neufassung zur Beratung im Parlament. Nach Ansicht von Jean-Pierre Grin genügt der Vorschlag jedoch nicht. «Die Kantone müssen den Wolfsbestand selber regulieren können», sagt er. Es gehe nicht, dass das bevölkerungsreiche Mittelland über die Interessen und Bedürfnisse der betroffenen Berg- und Landwirtschaftskantone hinwegentscheide.

Abschuss nur mit strengen Voraussetzungen

Erst, wenn in einem Gebiet eine gewisse Anzahl Nutztiere gerissen worden ist, darf ein Wolf geschossen werden. Dies aber nur, wenn die Nutztiere vorschriftsgemäss geschützt wurden, etwa mit Zaun oder Herdenschutzhunden. Im Streifgebiet des Beverinrudels, wo am Wochenende eine Kuh getötet wurde, sei diese Anzahl schon vor dem neusten Fall erreicht worden, schreiben die Behörden. Doch es gibt eine weitere Voraussetzung: die Bestätigung, dass es im Rudel Nachwuchs gibt. Deshalb versuche nun die Wildhut, einen Wolf zu narkotisieren und ihn mit einem GPS-Sender auszurüsten. Diese Massnahme soll ihn und das Rudel einerseits vergrämen. Andererseits sollen Informationen beschafft werden, die dem Kanton erlauben könnten, den Wolf abzuschiessen.

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