Ingenieure untersuchen: Balkonsturz Rapperswil: Fehlte die Armierung?
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Ingenieure untersuchenBalkonsturz Rapperswil: Fehlte die Armierung?

Nach dem Einsturz von drei Balkonen in Rapperswil SG suchen die Behörden nach den Gründen. Zwei Ingenieure analysieren für 20 Minuten die Fotos - und sehen mögliche Ursachen.

von
Andreas Bättig

Was genau führte zum Einsturz der Balkone des Mehrfamilienhauses in Rapperswil ? Diese Frage beschäftigt zurzeit die Behörden. 20 Minuten zeigte die Bilder des Unfallortes Diplombauingenieur Thomas Braun vom Ingenieurbüro Braun in Tägerwilen TG. Der Experte mit Fachgebiet statische Ertüchtigung und Sanierung von Tragkonstruktionen sagt: «Zwei mögliche Ursachen oder eine Kombination davon könnte in Frage kommen. Erstens: Eine alterungsbedingte Korrosion der Armierungseisen und zweitens: Ein konstruktiver Fehler oder Ausführungsmängel.»

Es sei denkbar, dass die Armierungseisen der Balkonplatten an der Oberseite durch eindringende Feuchtigkeit mit den Jahren durchgerostet seien. Damit könnten keine Zugkräfte mehr übertragen werden. «Ein Hinweis hierauf wäre die Tatsache, dass der oberste Balkon, welcher am stärksten der Witterung ausgesetzt ist, zuerst eingestürzt ist und dann die darunterliegenden Balkone mitgenommen hat.»

Zu wenige Armierungseisen?

Auch möglich sei, dass in den 1970er-Jahren schlichtweg zu wenig Armierung berechnet oder auf der Baustelle eingebaut wurde. Eine Kombination von beiden Ursachen sei am wahrscheinlichsten. Ein anderer Ingenieur, der sich auf Hochbau spezialisiert hat und lieber anonym bleiben will, stützt die These von Braun. «Auf den Fotos sieht es zumindest so aus, als ob Armierungseisen fehlten. So ein Balkonabbruch sollte nicht passieren.»

Hinzu kommt laut Braun, dass die massiven Balkonbrüstungen und Pflanzkästen aus Waschbeton eine aussergewöhnlich hohe Belastung der so genannten auskragenden Balkonkonstruktionen darstellen, was die Situation ungünstig beeinflusste. «In jedem Fall ist hier akut Gefahr im Verzug und es müssen umgehend geeignete Sicherungsmassnahmen eingeleitet werden», so Braun.

Solange die Schadensursache nicht eindeutig analysiert ist, müsse davon ausgegangen werden, dass die anderen Balkone baugleich sind, somit das selbe Gefahrenpotenzial darstellen und einsturzgefährdet sind. «Das Gefährliche ist, dass etwaige Korrosion der Armierung von aussen nicht sichtbar ist und sich der Kollaps einer solchen Konstruktion in der Regel nicht vorher ankündigt», so Braun. Es könnten allenfalls Risse an der Oberseite der Balkone, welche sich in der Fortsetzung der Gebäudefassaden abzeichnen würden, auf ein mögliches Problem hinweisen.

An Material gespart

Eine weiteres Problem könnte auch die Bauzeit des Gebäudes liefern. «Denn in den 1970er-Jahren erlaubten die Baunormen deutlich geringere Betonüberdeckungen der Armierungseisen, was die langfristige Korrosion der Eisen begünstigt.» Auch betreffend Betonabmessungen und Armierungsverbraucht sei man damals weiter an die Grenzen des Materials gegangen. Es bleibt gemäss Braun festzuhalten, dass dies eine Ferndiagnose auf Grundlage von Vermutungen ist und die tatsächlichen Schadensursachen durch eine fundierte Untersuchung ermittelt werden müssen.

«Achten Sie auf Risse und Rostflecken»

Muss man sich nach dem Vorfall in Rapperswil Sorgen um seinen Balkon machen?

Thomas Müller*: Nein, das ist ein Einzelfall. Grundsätzlich sind die Balkone in der Schweiz mit einem hohen Grad an Sicherheit gebaut.

Wie würde ich erkennen, dass mein Balkon unsicher ist?

Wenn sich zum Beispiel grössere Risse, Verformungen oder auch Rostflecken zeigen, sollte man aufmerksam werden. Dann ist es Zeit, sich an einen Experten zu wenden. Ist man Mieter, soll man sich bei der Verwaltung melden. Ist man Eigentümer, soll man sich zuerst einmal an jene kontaktieren, die das Haus geplant haben.

Werden denn Balkone nicht regelmässig überprüft?

Es gibt keine strikte Regel, wann ein Balkon überprüft werden soll. In der Regel werden sie unter die Lupe genommen, wenn es einen Besitzerwechsel gibt.

Gibt es Bauten, die speziell gefährdet sind?

Nein. Man kann nicht sagen: Je älter das Haus, desto schneller kommt der Balkon runter.

Könnte ich denn einen Balkon zum Einsturz bringen, wenn zum Beispiel 10 Freunde gleichzeitig auf den Balkon eine Zigarette rauchen gehen?

Balkone sind auf eine Maximalbelastung ausgelegt. Diese könnten auch ihre 10 Freunde nicht ausfüllen. Auch ein paar Töpfe auf dem Balkon sind unproblematisch. Wenn Sie aber einen Whirlpool oder ein Gartenhäuschen auf ihrem Balkon bauen möchten, dann würde ich einen Bauingenieur kontaktieren.

*Thomas Müller ist Mediensprecher des Schweizerischen Ingenieur- und Architekturvereins

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