Hagelprävention: Baloise will Wolken mit Chemikalien bekämpfen
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HagelpräventionBaloise will Wolken mit Chemikalien bekämpfen

Nur halb so viele Hagelschäden: Das erhofft sich die Baloise von ihrem neuen Hagelflieger. Doch die Methode ist nicht unumstritten.

von
fee

Im Einsatz arbeiten Meteorologen und Hagelflieger-Piloten Hand in Hand. (Video: Fee Riebeling)

Ein Kleinflugzeug, das unter Wolken durchfliegt und im Zentrum der Aufwinde ein Silberiodid-Aceton-Gemisch freisetzt und so schwere Hagelschäden um 50 Prozent reduziert: Das soll der Hagelflieger leisten, der seit knapp einer Woche im Auftrag der Baloise startet.

Die Überlegung: Hagelkörner entstehen, wenn in grosser Höhe die Luftfeuchtigkeit an kleinsten Staubteilchen gefriert. Mit dem vom Hagelflieger freigesetzten Silberiodid werden zusätzliche Teilchen in die Luft gebracht; so können sich mehrere und damit kleinere Körner bilden, die dann im Idealfall als Schneematsch oder Regen auf die Erde fallen.

Diese chemische Substanz ist gemäss dem Versicherer «unbedenklich». Das zeige auch die Bewilligung des Bundesamts für Umwelt, so Mathias Zingg, Leiter Schaden bei der Baloise, bei der Vorstellung des Projekts auf dem Flugplatz Birrfeld AG, wo der Hagelflieger stationiert ist.

Gegenteilige Meinungen

Neu ist die Idee nicht. In Deutschland, Österreich und in den USA würden seit Jahrzehnten erfolgreich Hagelflieger zur Prävention von Schäden eingesetzt, so Zingg. «Das ist durchaus ein erprobtes Verfahren.» Die Wirksamkeit würden auch Studien bestätigen.

So überzeugt wie bei der Baloise sind jedoch nicht alle, denn wissenschaftlich lässt sich die Hagelfliegerei nur schwer fassen – weil es an Vergleichsmöglichkeiten fehlt. Schliesslich kann niemand sagen, was eine Wolke ohne Silberiodid gemacht hätte.

Schwachsinn oder wert, es zu versuchen?

Doch es gibt auch wissenschaftliche Veröffentlichungen, die der Methode jede Wirkung absprechen – unter anderem eine Studie vom Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt. Auch die ETH Zürich kam Mitte der 1980er-Jahre nach einem Grossversuch zu dem laut NZZ eindeutigen Resultat: «Es funktioniert nicht.»

Der Meteorologe Jörg Kachelmann hat ebenfalls eine eindeutige Meinung zum Thema. Auf dem Tagi-Blog wettert er ordentlich gegen das Projekt der Baloise und bezeichnet es sogar als «Schwachsinn», der lediglich Benzin verbrauche und völlig sinnlos Chemikalien in die Atmosphäre streue.

Von diesem Gegenwind lassen sich Zingg und seine Kollegen nicht beirren: «Aus unserer Sicht ist es besser, den Versuch zu wagen und die Methode selbst zu testen, als gar nichts zu machen.» Zudem handle es sich um ein «ergebnisoffenes Projekt», eine Art Testlauf (siehe Video oben). Sollten die eigenen Erfahrungen zeigen, dass der gewünschte Effekt nicht erzielt wird, könnte das Projekt auch wieder eingestellt werden. (fee/sda)

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