Schlachtfeld Grossstadt: Bangkok versinkt im Chaos
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Schlachtfeld GrossstadtBangkok versinkt im Chaos

Nach der Aufgabe und Verhaftung der Führer der Rothemden toben in Bangkok schwere Kämpfe. Die Börse und mehrere Banken wurden in Brand gesteckt.

«Brauchen dringend Hilfe von Polizei, Soldaten bei Kanal 3!!!», twitterte Nachrichtenmoderator Patcharasri Benjamasa. «Übertragungswagen wurden zerstört, und sie sind drauf und dran, in das Gebäude einzudringen.» Wenig später sendete Kanal 3 nicht mehr, dafür hatten die wütenden Demonstranten gesorgt. Rauchwolken hingen über Bangkok. Der Protest der Rothemden gegen die thailändische Regierung endete am Mittwoch im Chaos.

Nach wochenlangem Machtkampf stürmten die Streitkräfte das Lager in der Innenstadt, wo sich Tausende Regierungsgegner hinter Bambusstangen und Reifen verbarrikadiert hatten. Die Anführer ergaben sich zwar, doch wütende Demonstranten lieferten den Sicherheitskräften wilde Strassenschlachten, schossen mit Granaten und zündeten Gebäude an. Bei den Schiessereien gab es mindestens sechs Tote und 60 Verletzte, darunter auch Journalisten.

Die Ausschreitungen griffen auch auf die Provinz über, wo die Rothemden starken Rückhalt in der armen Landbevölkerung haben. In Bangkok verhängte die Regierung eine nächtliche Ausgangssperre.

Angriff im Morgengrauen

Bei Tagesanbruch rückten mit M-16-Sturmgewehren bewaffnete Soldaten auf das befestigte Lager im Geschäftsviertel Rajprasong vor, wo sich Tausende Regierungsgegner seit Wochen verbarrikadiert hatten. Die nach ihrer Erkennungsfarbe genannten Rothemden, zumeist Anhänger des gestürzten früheren Regierungschefs Thaksin Shinawatra und aus armen Bevölkerungsschichten stammend, fordern den Rücktritt der Regierung und Neuwahlen. Sie werfen Ministerpräsident Abhisit Vejjajiva vor, nur an die städtische Elite und nicht an das arme Landvolk zu denken.

Panzerfahrzeuge brachen durch die Barrikaden. Soldaten eröffneten das Feuer, wie AP-Reporter beobachteten, und militante Rothemden schossen unter anderem mit Granaten zurück. Ein italienischer Pressefotograf und vier Demonstranten starben im Kugelhagel. Ein kanadischer Journalist wurde von Schrapnell getroffen; auch ein niederländischer Kollege und ein amerikanischer Dokumentarfilmer wurden verwundet.

«Bitte geht nach Hause»

In aussichtsloser Situation ergaben sich sieben Anführer der Rothemden. Sie könnten nicht mehr mitansehen, wie ihre Leute, darunter auch Frauen und Kinder, getötet würden, erklärten sie. «Brüder und Schwestern, es tut mir leid, dass ich euch nicht so verabschieden kann wie ich euch begrüsst habe, als ihr hier ankamt. Doch bitte seid versichert, dass wir im Herzen immer mit euch sind», sagte Nattawut Saikua bei seiner Festnahme. «Bitte geht wieder nach Hause.»

Nach neun Stunden verkündeten die Sicherheitskräfte die Einnahme des Widerstandslagers. «Polizisten und Soldaten haben ihren Einsatz nun beendet», erklärte ein Armeesprecher. Doch die Entscheidung ihrer Anführer zur Aufgabe brachte einige der Regierungsgegner offensichtlich in Rage. Rasch erfassten die Ausschreitungen auch andere, bislang ruhige Teile der Zehn-Millionen-Stadt.

Fernsehsender überfallen

Randalierer steckten die Börse in Brand, mehrere Banken, den Sitz der städtischen Elektrizitätsgesellschaft, ein hochmodernes Einkaufszentrum und einen Kino-Komplex. Ihr Zorn richtete sich auch auf die heimischen Medien, denen sie vorwerfen, auf der Seite der Regierung zu stehen. Beim staatlichen Fernsehkanal 3 zündeten sie Autos an, stürmten die Büros und setzten sie mit beschädigten Wasserleitungen unter Wasser. Wenige Stunden nach dem Twitter-Hilferuf stand das Gebäude in Flammen. Die Mitarbeiter wurden mit dem Hubschrauber evakuiert oder flohen zu Fuss. Auch die englischsprachige Zeitung «Bangkok Post» brachte nach Drohungen ihre Mitarbeiter in Sicherheit. Ein grosses Bürogebäude in derselben Strasse wurde in Brand gesteckt.

Kabinettsminister Satit Vongnongteay bezeichnete die Ausschreitungen als «Nachbeben», die zu erwarten gewesen seien. «Es gibt zur Gewalt neigende Demonstranten, die immer noch zornig sind», sagte er. Unruhen wurden auch aus dem Nordosten Thailands gemeldet, woher viele Anhänger der Rothemden stammen. In der Provinz Udon Thani setzten sie Berichten zufolge Amtsgebäude in Brand und verwüstetem in Khon Kaen ein Rathaus. Der Gouverneur von Udon Thani bat das Militär einzugreifen. Im Fernsehen war zu sehen, wie Soldaten in Ubon Ratchathani von einer wütenden Menge angegriffen werden und sich zurückziehen.

Bilder des Militäreinsatzes

(Video: Keystone) (sda/dapd)

Thaksin: «Ich bin nicht der Anführer der Rothemden»

Der 2006 vom Militär gestürzte Ex-Ministerpräsident Thaksin Shinawatra hat sich am Mittwoch zu Wort gemeldet. In einer Mitteilung betonte er, er sei nicht der Anführer der oppositionellen Vereinigten Front für Demokratie (UDD), ihre Forderungen etwa nach Neuwahlen würden nicht in seinem Namen erfolgen. «Ich habe keine Autorität, um im Namen der UDD zu verhandeln», betonte Thaksin. Die thailändische Regierung würde ihn verleumden, indem sie ihn als Drahtzieher der Opposition bezeichne.

Thaksin ist für viele der so genannten «Rothemden» ein Idol. Er wird verdächtigt, die Bewegung aus dem Exil zu steuern und zu finanzieren. Seine neuste Stellungnahme könnte folglich eine Schutzbehauptung sein. Allerdings sind auch Analysten in der Region der Ansicht, dass die Oppositionsbewegung sich vom einstigen Regierungschef emanzipiert hat und er keine Kontrolle mehr über ihre Anführer ausübt. (pbl)

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