Aktualisiert 09.01.2012 11:31

Fall HildebrandBank Sarasin dementiert Vorwürfe

Die Vorwürfe der «Weltwoche» gegen den SNB-Chef sind mangelhaft. Den zentralen Punkt, ob Hildebrand selbst einen Dollar-Kauf initiierte, kann die Zeitung dokumentarisch nicht belegen.

von
Lukas Hässig
Nationalbank-Chef Philipp Hildebrand will am Donnerstag Stellung nehmen.

Nationalbank-Chef Philipp Hildebrand will am Donnerstag Stellung nehmen.

Die «Weltwoche» geht aufs Ganze. «Philipp Hildebrand betreibt Insider-Geschäfte, belügt die Öffentlichkeit», schreibt die Zeitung. Sie nennt den Notenbank-Chef einen «üblen Falschspieler», der «vorschriftswidrig Devisengeschäfte» tätige.

Das führt bei der «Weltwoche» zum folgenschweren Satz: «Der vielgerühmte und auffällig geschniegelte Herr Hildebrand selbst entpuppt sich als Gauner, der sich illegal Vorteile erschleicht.»

Damit lehnt sich die Zeitung - unabhängig von einem allfälligen Klagerisiko - weit zum Fenster hinaus. Treffen die Vorwürfe zu, muss Hildebrand wohl zurücktreten und die «Weltwoche» kann triumphieren. Sind sie in zentralen Punkten falsch, bleibt zwar offen, ob sich Hildebrand halten kann. Die Zeitung aber verlöre viel ihrer Glaubwürdigkeit.

Quelle ist ein IT-Bankmann, nicht wie behauptet Hildebrands Kundenberater

Im zentralen Punkt, jenem des umstrittenen Dollarkaufs drei Wochen vor der Frankenanbindung an den Euro, kann die «Weltwoche» kein Dokument vorlegen. Dort steht Aussage gegen Aussage: jene eines fristlos entlassenen Sarasin-Mitarbeiters, dem ein Prozess wegen Bankgeheimnis-Verrat droht, gegen jene des angeschossenen SNB-Chefs Hildebrand.

Die Bank Sarasin, die im Drama eine Rolle spielt, weil einer ihrer Mitarbeiter dafür gesorgt hat, dass die Hildebrand-Transaktionen publik werden, distanziert sich vom «Weltwoche»-Artikel. Es geht um die Frage, wer die Quelle ist, die Hildebrand beschuldigt, sich mit Insiderwissen zu bereichern.

«Auslöser der Affäre ist ‹Deep Throat II›, Hildebrands Kundenberater bei der Bank Sarasin und Cie. AG in Zürich», schreibt die Zeitung in Anlehnung an die berühmte Quelle im Watergate-Skandal um den damaligen US-Präsidenten Richard Nixon.

Sarasin dementiert. «Wir halten daran fest, dass ein IT-Supporter von Sarasin geheime Informationen über Herrn Hildebrand verraten hat», sagt Sprecher Benedikt Gratzl gegenüber 20 Minuten Online. «Was hingegen die ‹Weltwoche› behauptet, dass nämlich Herrn Hildebrands Sarasin-Kundenberater Informationen offengelegt habe, ist falsch. Dieser Kundenberater hat weder mit der Presse noch mit der SVP gesprochen und hat auch keine geschützten Informationen gegen aussen offengelegt. Nach unseren Informationen existiert auch keine Strafanzeige dieses Kundenberaters gegen Herrn Hildebrand.»

Als Sarasin den Hildebrand-Artikel vorab lesen konnte, intervenierte die Bank bei der Zeitung. «Wir riefen die ‹Weltwoche› am Mittwoch Mittag an und verlangten eine entsprechende Korrektur der fehlerhaften Meldungen», sagt Gratzl. «Bis Mittwochabend hat sich die Zeitung nicht bei uns gemeldet.»

«Gewährsmann» hat offenbar kein Dokument für entscheidenden Auftrag

Im zentralen Punkt des epischen Kampfs «Weltwoche» gegen Hildebrand stützt sich die Zeitung auf «schriftlich» vorliegende Aussagen, mit denen der «Gewährsmann» wichtige Fakten bestätigen würde. «Der Auftrag, am 15. August 2011 für insgesamt 400 000 Schweizer Franken US-Dollars zu kaufen, kam von Philipp Hildebrand persönlich.» Ein Dokument, das dies bestätigen würde, bringt die Zeitung nicht.

Dieser Dollar-Kauf ist zwar nicht der einzige im Jahr 2011, doch es ist jener mit dem stärksten Insiderverdacht, weil die SNB kurz darauf den Franken an den Euro band und damit auch gegenüber dem Dollar schwächte. Ein späterer Dollar-Verkauf versprach Gewinn.

Dass er «persönlich» diesen heiklen «Auftrag» erteilt habe, wird von Hildebrand bestritten. Das geht aus dem Gutachten der SNB-Revisorin PWC hervor, das am Mittwoch von der SNB publiziert wurde. «Die Transaktionen No. 2 (gemeint ist der Kauf vom 15. August, die Red.) wurden direkt durch die Ehefrau bei der Bank (Sarasin) veranlasst. Davon hat PMH (Philipp M. Hildebrand) gemäss den uns vorliegenden Unterlagen einen Tag nach Durchführung Kenntnis erhalten.»

Ein Dokument für die Behauptung, dass Hildebrands Frau den Dollar-Kaufauftrag erteilte, kann offenbar auch Hildebrand nicht liefern. Ein anderes Dokument schon. «Aus dem uns vorliegenden E-Mail-Verkehr geht hervor, dass PMH keine Kenntnisse über die Veranlassung dieser Transaktion hatte. In einem E-Mail vom 16. August 2011 an den Kundenbetreuer bei der Bank stellte PMH klar, dass Devisengeschäfte künftig nur durchgeführt werden können, wenn der Auftrag von PMH selbst kommt oder PMH einen solchen Auftrag bestätigt - dies aus Compliance Gründen.»

Falsche Zahlen und Namen

Fazit: Die «Weltwoche» verlässt sich auf eine Quelle, die sie als Hildebrands Kundenberater bezeichnet, die aber von der Bank Sarasin als IT-Supporter genannt wird; die «Weltwoche» hat nichts Schriftliches abgedruckt, das ihre zentrale Behauptung stützt, Hildebrand habe den Dollar-Kaufauftrag vom 15. August selbst erteilt. Hildebrand und PWC behaupten mit Verweis auf ein E-Mail am Tag danach, dass Hildebrands Frau dahinterstehe.

Der «Weltwoche»-Artikel ist zudem ungenau bei einer wichtigen Zahl und einem Namen. Ein «weiteres grosses Devisengeschäft», das Hildebrand über sein Konto bei der Sarasin abgewickelt habe, sei ein «Kauf von 1,733 Millionen US-Dollar am 10. März 2011» gewesen. Aus dem abgedruckten Konto-Auszug geht hervor, dass es sich um 1,173 Millionen US-Dollars handelte.

Als Bundespräsidentin Micheline Calmy-Rey die Vorwürfe gegen Hildebrand abzuklären begann, habe sie unter anderem «Michael Lüpold, den Direktor des Bundesamtes für Justiz», aufgeboten. Dieser heisst Leupold.

Am Donnerstagnachmittag will Hildebrand den Medien Red und Antwort stehen. Entscheidend wird sein, ob er überzeugend darlegen kann, den Dollar-Kauf von Mitte August nicht selbst getätigt zu haben.

Deine Meinung

Fehler gefunden?Jetzt melden.