Die grosse Geldflut: Banken holen sich 529 Milliarden Euro

Aktualisiert

Die grosse GeldflutBanken holen sich 529 Milliarden Euro

Um das Finanzsystem vor dem Kollaps zu bewahren, hat die EZB den Banken heute über eine halbe Billion Euro zur Verfügung gestellt. Für die einen Institute die Rettung, für andere ein guter Deal.

von
S. Spaeth
Die Europäische Zentralbank will mit einer Geldflut die dunklen Wolken im Euroraum vertreiben.

Die Europäische Zentralbank will mit einer Geldflut die dunklen Wolken im Euroraum vertreiben.

Schleusen auf bei der Europäischen Zentralbank EZB: Die Notenbank offerierte den Geldhäusern heute für drei Jahre Kredite in unbegrenzter Höhe – und zwar nahezu gratis. Nur ein Prozent Zins müssen die Banken nach Frankfurt überweisen. Der Zins orientiert sich am Leitzins, der auf dem Rekordtief von einem Prozent liegt.

Das billige Geld hat die Banken in Scharen angelockt: 800 Kreditinstitute der Eurozone holten sich zusammen die Rekordsumme von 529,5 Milliarden Euro. Bereits im vergangenen Dezember hatte die EZB mit einer solchen Massnahme das System geflutet und 523 Banken 489 Milliarden Euro geliehen.

Warum nur wirft die Notenbank den Geschäftsbanken das Geld nach? Der Grund: Seit Ende 2011 ist der Interbankenmarkt fast ausgetrocknet. Das bedeutet, dass sich Banken misstrauen und einander fast kein Geld mehr leihen, so wie im Herbst 2008, als die US-Investmentbank Lehman Brothers zusammenkrachte.

Der Run auf die «Gratiskredite» der EZB wird auch darum so gross sein, weil die Banken 2012 einen grossen Refinanzierungsbedarf haben. Anleihen von über 700 Milliarden werden fällig. Die Institute müssen dieses Geld also entweder zurückzahlen oder es sich erneut irgendwo leihen. Und bei der EZB ist das Geld am günstigsten.

Keine Lösung für die Eurokrise

«Die Notenbank will mit dieser Massnahme Sicherheit ins System bringen», erklärt Chefstratege Philippe Bärtschi von der Bank Sarasin. Der Analyst glaubt, dass sich bei der zweiten Geldtranche der EZB vor allem schwächere Banken refinanzieren werden, für die das Geld auf dem Interbankenmarkt viel zu teuer ist. «Aus Sicht der Finanzmärkte ist die Liquiditätsspritze eine gute Sache. Es ist aber nicht die definitive Lösung der Probleme in der Eurokrise», betont Bärtschi. Die Staatshaushalte in den Griff kriegen müssen die Länder selber.

Die EZB öffnete die Geldschleusen im Dezember auch vor dem Hintergrund einer drohenden Kreditklemme zwischen den Geschäftsbanken und der Wirtschaft. Noch im Dezember sagte EZB-Chef Mario Draghi, man habe mit der ersten Aktion die grosse Kreditklemme verhindern können. Diese Furcht dürfte mittlerweile abgenommen haben, da die Kreditvergabe an die Unernehmen im Januar gegenüber dem Vormonatswert nur noch leicht rückläufig war. Der emeritierte Wirtschaftsprofessor Walter Wittmann sieht im von Draghi gezeichneten Schreckgespenst einer Kreditklemme vor allem einen Vorwand, um die Akzeptanz der EZB-Massnahme zu rechtfertigen: «Die EZB hat ihr Programm geschickt verpackt, wirklich gedroht hat die Kreditklemme nie.»

Bitte kauft Staatsanleihen

Eigentlich hofft EZB-Chef Mario Draghi vor allem darauf, dass die Geschäftsbanken mit dem vielen günstigen Geld Staatsanleihen kaufen und der Markt längerfristig wieder ohne EZB-Anleihekäufe auskommen wird. Das könnte zumindest teilweise funktionieren, denn Wittmann ortet im Öffnen der Geldschleusen vor allem ein gutes Geschäft für die Banken. Ein Institut bezahlt für die Kredite bei der EZB ein Prozent Zins und kauft mit dem Geld beispielsweise italienische, spanische oder portugiesische Anleihen, die rund 5 Prozent Zins abwerfen. «Die Differenz bleibt in der Kasse der Banken», sagt Wittmann.

«Für gewisse Banken kann die günstige Liquidität der EZB ein gutes Geschäft sein», sagt auch Bärtschi. Das hänge stark mit den Eigenkapitalvorschriften in den einzelnen Ländern zusammen. Der Stratege geht darum nicht davon aus, dass sich die Schweizer Banken bei der EZB im grossen Stil eindecken werden: Erstens seien die hiesigen Banken bereits gut kapitalisiert und zweitens käme für Schweizer Banken noch erschwerend das Währungsrisiko hinzu.

«Inflation kann nicht ausbleiben»

Kritik an den «Gratis-Krediten» gibt es von der Ratingagentur Fitch: Mit ihrer neuen Geldspritze könne die EZB einen Zusammenbruch schwächelnder Banken nur hinauszögern. Einige Banken - vor allem in Italien und Spanien - hätten sich Zeit zur Bewältigung ihrer Probleme erkauft, bei anderen sei das Ableben nur aufgeschoben worden. Weitere Bedenken äussert Professor Wittmann. «Wenn die EZB immer weiter Geld ins System pumpt, kann eine Inflation irgendwann gar nicht mehr ausbleiben.» Theoretisch kann die EZB das Geld zwar nach drei Jahren wieder abschöpfen, doch Wittmann glaubt nicht daran. «Das System wird weiter aufgeblasen. Wenn die Banken das Geld nämlich nicht zurückbezahlen können, werden einfach die Kredite verlängert.» Damit würde das Geld im System verbleiben.

Dass längerfristig ein Inflationsrisiko besteht, ist auch EZB-Boss Draghi klar. Darum liess man aus Notenbankerkreisen unlängst verlauten, dass die Banken kein drittes Mal auf eine ultragünstige Geldspritze bauen dürften. Übersetzt aus der Sprache der Notenbanker hiesst dies: Schluss mit «Gratiskrediten» oder klarmachen zum Schleusenschliessen.

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