Aktualisiert 05.07.2012 16:46

Ökonomen laufen Sturm«Bankenunion rettet den Euro nicht»

160 deutsche Wirtschaftsprofessoren um Ifo-Präsident Hans-Werner Sinn machen mobil gegen die jüngsten EU-Beschlüsse zur Euro-Rettung.

von
whr

In einem öffentlichen Aufruf haben 160 deutsche Wirtschaftsprofessoren die jüngsten EU-Beschlüsse zur Euro-Rettung verurteilt. «Wir sehen den Schritt in die Bankenunion, die eine kollektive Haftung für die Schulden der Banken des Eurosystems bedeutet, mit grosser Sorge», heisst es in dem Aufruf. Die Verfasser sind deutschsprachige Ökonomen um Ifo-Präsident Hans-Werner Sinn. Der Brief wird am Freitag in der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung» erscheinen.

Deutschland und die soliden Länder würden unter Druck gesetzt, ihre Haftungssummen immer weiter auszudehnen, warnen die Wissenschaftler. «Streit und Zwietracht mit den Nachbarn sind dann vorprogrammiert. Weder der Euro noch der europäische Gedanke als solcher werden durch die Erweiterung der Haftung auf die Banken gerettet.» Ihrer Einschätzung nach wird nicht der Euro gerettet, sondern die Gläubiger der maroden Banken.

Beim EU-Gipfel vergangene Woche hatten besonders Spanien und Italien Druck auf Deutschland ausgeübt und erreicht, dass der künftige Euro-Krisenfonds ESM auch direkt Kapital an angeschlagene Banken vergeben kann. Zudem sollen Krisenländer Hilfskredite ohne allzu strenge Auflagen erhalten dürfen. Diese Entscheidungen, «zu denen sich die Kanzlerin (...) gezwungen sah», seien falsch und gefährlich, warnen die Professoren im Aufruf.

«Riesige Verluste absehbar»

Die Bankschulden seien fast dreimal so gross wie die Staatsschulden, heben die Wissenschaftler hervor. «Es ist geradezu unmöglich, die Steuerzahler, Rentner und Sparer der bislang noch soliden Länder Europas für die Absicherung dieser Schulden in die Haftung zu nehmen, zumal riesige Verluste aus der Finanzierung der inflationären Wirtschaftsblasen der südlichen Länder absehbar sind», heisst es weiter im offenen Brief.

Initiator des Protestbriefs ist der Dortmunder Wirtschaftsstatistiker Walter Krämer, der zusammen mit Ifo-Chef Sinn den Aufruf verfasst hat. Der Chef des Münchner Wirtschaftsforschungsinstituts zählt seit längerem zu den scharfen Kritikern der Euro-Rettungspolitik.

(whr/sda/dapd)

Unverantwortliche Aktion

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) kritisierte die Aktion ebenso wie andere Ökonomen. Der Direktor des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) in Köln, Michael Hüther, bezeichnete das Vorgehen als «unverantwortlich». Diese Aktion habe «mit ökonomischer Argumentation nichts zu tun», sagte Hüther der Nachrichtenagentur dapd.

Peter Bofinger, Mitglied im Sachverständigenrat der Bundesregierung, sagte der «Financial Times Deutschland»: «Das ist schlimmste Stammtisch-Ökonomie.» Dennis Snower, Chef des Kieler Instituts für Weltwirtschaft, kritisierte in derselben Zeitung: «Der Aufruf schürt lediglich Ängste und zeigt keinen einzigen Weg zur Lösung der Probleme auf.» (AP)

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