Abzug aus Afghanistan: Barack Obama erwägt die «Zero-Option»
Aktualisiert

Abzug aus AfghanistanBarack Obama erwägt die «Zero-Option»

Früher war es eine Drohung, um den störrischen Verbündeten zur Raison zu bringen. Heute erwägt der US-Präsident ernsthaft, sich bis auf den letzten Mann aus Afghanistan zurückzuziehen.

von
kri
Der afghanische Präsident Hamid Karsai im Januar 2013 auf Besuch in Washington.

Der afghanische Präsident Hamid Karsai im Januar 2013 auf Besuch in Washington.

Das Verhältnis zwischen Barack Obama und Hamid Karsai ist schwierig. Nominell sind sie Verbündete im Antiterrorkampf, in der Realität prallen die unterschiedlichen Interessen oft aufeinander. Im Juni erreichten die Beziehungen einen neuen Tiefpunkt: Der afghanische Präsident torpedierte den Versuch der USA, Friedensgespräche mit den Taliban aufzunehmen. Die Gespräche darüber, wie viele US-Soldaten nach dem Abzug 2014 im Land bleiben, legte er auf Eis. Eine Videokonferenz zwischen den beiden Regierungschefs, welche die Wogen glätten sollte, endete gehässig.

Die «New York Times» will aus Quellen sowohl in Washington als auch Kabul erfahren haben, dass Karsai Obama in der Unterredung vorwarf, mit den Taliban einen Separatfrieden aushandeln zu wollen und die Regierung in Kabul dabei links liegen zu lassen. Es war nicht das erste Mal, dass er diese Anschuldigung erhoben. Doch er hatte sie noch nie an den US-Präsidenten direkt gerichtet. Dieser soll entgegnet haben, dass amerikanische Soldaten regelmässig ihr Leben lassen, um die Regierung in Kabul zu schützen.

«Zero-Option» wird immer wahrscheinlicher

Seit jener unschönen Episode reift in Washington eine Idee: Amerika überlässt Afghanistan ab 2014 vollständig sich selbst. In Regierungskreisen wird der Plan auch als «Zero Option» bezeichnet, weil kein einziger US-Soldat auf afghanischem Boden zurückbleiben würde. Sie wurde bisher vor allem als Druckmittel eingesetzt, um den bisweilen störrischen Verbündeten in Kabul zur Raison zu bringen.

«Die Zero-Option gab es schon immer, aber man betrachtete sie nicht als wahrscheinlich», zitiert die «New York Times» einen westlichen Regierungsvertreter in Kabul. Inzwischen lägen die Dinge anders: «Wenn Sie sich in Washington umhören, dann sehen viele darin einen realistischen Weg.» Noch sei nichts entschieden, doch hoffentlich würde Kabul rechtzeitig begreifen, dass es den USA ernst sei, sagt er.

Dass Verhandlungen über den Verbleib einer Resttruppe am Ende scheitern können, hat das Beispiel Irak gezeigt. Washington hatte Straffreiheit für seine Soldaten gefordert, was Bagdad kategorisch ablehnte. Viele waren bis zum Schluss überzeugt, dass man sich doch noch zusammenraufen werde – und täuschten sich.

Afghanistans Luftwaffe ohne USA aufgeschmissen

Ob sich die Regierung in Kabul ohne Unterstützung durch amerikanische Soldaten halten geschweige denn behaupten kann, daran zweifeln viele Beobachter. Das US-Magazin «Foreign Policy» berichtete kürzlich, dass die afghanische Luftwaffe ausserstande sei, ohne amerikanische Hilfe zu operieren. Komplexe Unterhaltsarbeiten und die Bestellung von Ersatzteilen würden zu 70 Prozent von US-Militärangehörigen durchgeführt. Von 47 afghanischen Piloten sind nur 7 mit dem Einsatz von Nachtsichtgeräten vertraut – ein Muss bei den meisten Antiterror-Einsätzen.

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