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Neue US-StrategieBargeld zur Eroberung der Herzen

Die USA setzen auf eine neue Strategie um die Herzen der Bevölkerung zu gewinnen: Sie verteilen grosszügig Bargeld. Für die Abgeltung der Kollateralschäden wurde eigens eine Preisliste aufgestellt. So gibt es für einen versehentlich getöteten Zivilisten 2500 Dollar. Für eine tote Kuh gibts nur unwesentlich weniger.

von
Alfred de Montesquiou/AP

Auf der Suche nach Aufständischen stürmten US-Soldaten mitten in der Nacht das Haus von Abdul Hamid in der südafghanischen Ortschaft Dahaneh. Sie sprengten Löcher in die Innen- und Aussenwände und fesselten die männlichen Bewohner, obwohl sie eigentlich die Nachbarsfamilie im Visier hatten. Ein paar Tage später besuchten amerikanische Offiziere Abdul Hamid, um ihm Entschädigung anzubieten - und zwar in bar.

Die Auszahlungen sind Teil einer neuen Strategie der US-Streitkräfte im Kampf gegen die Taliban. Es gehe darum, die Herzen der afghanischen Bevölkerung zu erobern und sich deren Unterstützung zu sichern, hat der Oberkommandierende, General Stanley McCrystal, mehrfach betont. Und dies bedeutet eben auch, dass man Zivilpersonen entschädigt, wenn sie zwischen die Fronten geraten.

«Die Menschen hier müssen für ihren Lebensunterhalt ständig kämpfen, da fallen Schäden an Hab und Gut schwer ins Gewicht», erklärt der Obergefreite Todd Bowers aus Washington. «Schon ein kleines bisschen Geld kann ihr Leben entscheidend verbessern.» So wurde von den US-Behörden denn auch eine Liste erstellt, welche Summen für welches erlittene Leid ausgezahlt werden sollte.

Für eine Kuh fast so viel wie für einen Menschen

Demnach erhalten die Angehörigen einer getöteten Zivilperson 2500 Dollar (2650 Franken), was für die arme Landbevölkerung eine stattliche Summe bedeutet. Für eine tote Kuh gibt es fast genauso viel - weil Kühe für den Lebensunterhalt einer Familie so wichtig sind. Ausserdem ist ihre Aufzucht in den unfruchtbaren Gegenden Afghanistans sehr schwierig, so dass jede Kuh ein kleines Vermögen darstellt. Für eingeschlagene Fensterscheiben werden bis zu 50 Dollar gewährt, für demolierte Türen bis zu 110 Dollar.

Das sogenannte Kommandeursprogramm zur Entschädigung in Notfällen wird aus Steuermitteln finanziert. Allein für den am heftigsten umkämpften Süden Afghanistans hat der Kongress in Washington unlängst 250 Millionen Dollar im Jahr bereitgestellt. Zur Verwaltung sind 35 Marineinfanteristen abgestellt.

Das Programm gibt es schon seit geraumer Zeit. Im südlichen Now-Sad-Tal kam es aber erst jetzt zur Anwendung - zugunsten von Abdul Hamid. Der 50-jährige Bauer, seine Frau und seine zehn Kinder wurden bei dem US-Einsatz gegen mutmassliche Aufständische in Angst und Schrecken versetzt. Einem seiner Söhne wurden so enge Handschellen angelegt, dass seine Finger blau anliefen. Und sein Lehmhaus wurde gravierend beschädigt, als sich die eingedrungenen US-Soldaten kurz darauf mit Taliban-Kämpfern ein heftiges Feuergefecht lieferten.

Eine schöne runde Summe erwünscht

Zwei Tage später setzten sich Marineinfanteristen mit Abdul Hamid und anderen Dorfältesten in einem grossen Kreis zusammen, um eine angemessene Entschädigung für die Ortschaft Dahaneh auszuhandeln. Zugleich sollten Wege für eine künftige Zusammenarbeit gefunden werden. Die Ältesten verlangten als erstes die Freilassung ihrer inhaftierten Stammesmitglieder, was nach kurzer Prüfung zugesagt wurde. Im Gegenzug versicherten sie, keinen Taliban in ihrem Dorf Unterschlupf zu gewähren.

Abdul Hamid führte die Marineinfanteristen dann zu seinem eigenen Haus und beklagte sich bitter über die materiellen Schäden sowie die Schmach, die der US-Einsatz ihm zugefügt habe. Davon unbeeindruckt nahmen die Offiziere erst einmal seine Fingerabdrücke, um zu überprüfen, ob er auch wirklich kein gesuchter Taliban war. Ausserdem beschlagnahmten sie die 30 Kilogramm Opium, die sich der Bauer nach eigenen Worten als Geldreserve zurückgelegt hatte.

Schliesslich aber erhielt Abdul Hamid 125 000 Afghani Entschädigung - 2500 Dollar. Sein Herz eroberten die US-Soldaten damit allerdings noch nicht ganz. «Wie wäre es mit weiteren 25 000 Afghani?» fragte er grinsend. «Das wäre dann eine schöne runde Summe.»

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