Stadtentwickler Thomas Kessler: «Basel hat ein Sicherheitsrisiko»
Aktualisiert

Stadtentwickler Thomas Kessler«Basel hat ein Sicherheitsrisiko»

Der Basler Stadtentwickler Thomas Kessler (56) erklärt, wie Basel ein Problemviertel wie Molenbeek verhindert. Er sieht dennoch Handlungsbedarf.

von
Matthias Kempf
Thomas Kessler, Leiter Kantons- und Stadtentwicklung von Basel-Stadt, erhält immer wieder Anrufe aus europäischen Städten, die sich für das Basler Integrationsmodell interessieren.

Thomas Kessler, Leiter Kantons- und Stadtentwicklung von Basel-Stadt, erhält immer wieder Anrufe aus europäischen Städten, die sich für das Basler Integrationsmodell interessieren.

Herr Kessler, wie begegnet Basel der Gefahr des Auseinanderdriftens der Gesellschaft wie in Brüssel?

Basel ist so ziemlich das Gegenteil der Banlieues in Belgien oder Frankreich. Wir haben schon früh erkannt, dass wir proaktiv etwas für die Integration tun müssen. 1997 hat die Regierung die dynamische Migrationspolitik in ihre Planung aufgenommen.

Wie sieht diese aus?

Das Politik basiert auf der Chancengleichheit der Migranten und dem Prinzip Fördern und Fordern. Das Wichtigste sind intakte Perspektiven in Bildung und Beruf. Umgekehrt führt Perspektivlosigkeit zu Problemen. Wir überwachen die Indikatoren für sozialen Aufstieg oder Abstieg in den Quartieren, wie zum Beispiel Einkommen, Arbeitslosigkeit oder Sozialhilfeabhängigkeit.

Was passiert konkret?

Die Schulen mit vielen Fremdsprachigen bekommen mehr Lehrer pro Klasse zur Verfügung gestellt. Ausserdem gibt es Frühförderung, Deutsch ab dem dritten Altersjahr, Gratiskurse für Neuzuzüger und Integrationsverträge. Wir wollen das Vererben von Armut verhindern.

Der Kanton Basel-Stadt hat eine Ausländerquote von rund 35 Prozent. In einigen Quartieren beträgt die Anzahl Muslime gegen 20 Prozent. Wie wirken Sie einer möglichen Radikalisierung entgegen?

Der Anteil der muslimischen Bevölkerung geht zurück; wir arbeiten mit ihnen und den vielen weiteren Basler Religionsgemeinschaften eng zusammen. Der Runde Tisch der Religionen und die Moscheekommission leisten im Dialog sehr gute Arbeit. Vor einigen Jahren wurde ein radikaler Imam von der muslimischen Gemeinde selbst gemeldet. In solchen Fällen wird rasch und konsequent gehandelt.

Ein umfassendes Integrationsmodell, wie es Basel kennt, ist teuer. Kann es überhaupt auch anderswo funktionieren?

Das Gegenteil ist der Fall, das Modell senkt die Kosten. Es wurde eingeführt, als es dem Kanton Basel-Stadt finanziell nicht gut ging. Nicht die Integrationsmassnahmen sind teuer, sondern Arbeitslosigkeit, Sozialhilfeabhängigkeit, Krankheit oder Delinquenz als Folgen fehlender Integration. Im Endeffekt kommt das Basler Integrationsmodell den Steuerzahler sieben Mal billiger. Trotzdem funktioniert das Modell zum Beispiel in Frankreich nicht.

Weshalb?

Unser Modell lebt von den intakten Perspektiven für Junge durch das duale Bildungssystem. Hier kann jeder auch mit über 20 noch eine Lehre beginnen und eine Ausbildung machen. Diese praktische Berufsbildung fehlt in lateinischen Ländern. Ausserdem hat Frankreich eine schwierige Kolonialvergangenheit und eine Parallelgesellschaft in den Banlieues.

Hat Basel trotzdem eine Vorreiterrolle in der europäischen Integrationspolitik?

Die Schweiz hat die höchste und effizienteste Integrationsquote in Europa. Ich bekomme oft Anrufe von anderen Städten, die das Basler Modell näher kennenlernen wollen. Vor allem aus Deutschland und Österreich, wo die Strukturen ähnlich sind wie hier.

Wo sehen Sie die Herausforderungen für die Zukunft?

Unser staatliches Integrationssystem funktioniert. Jedoch müssen wir unser hohes Niveau pflegen. Vor allem müssen wir die Gewaltbereitschaft der internationalen Akteure ernst nehmen. Die Gefahr droht vor allem von aussen. Wir haben kein Integrationsproblem, sondern ein Sicherheitsrisiko. Der Abbau der Grenzwacht war ein Fehler. Diese Lücke bezahlen wir teuer durch Delinquenten, die über die Grenze kommen. Die Schweiz bräuchte 400 zusätzliche Grenzwachtmitarbeiter.

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