Kritikfreie Zone: «Basler Zeitung» huldigt Vasella mit Beilage

Aktualisiert

Kritikfreie Zone«Basler Zeitung» huldigt Vasella mit Beilage

Für die ganze Schweiz ist Daniel Vasella der Inbegriff des Abzockers, Unbelehrbaren, Unverschämten. Für die ganze Schweiz? Nein, die «BaZ» feiert den abtretenden Novartis-Chef als Heiligen.

von
Sven Zaugg
Eine Geste wie ein Fussballspieler. Daniel Vasella darf in einer aktuellen Beilage sich, seine Novartis und seine Errungschaften feiern.

Eine Geste wie ein Fussballspieler. Daniel Vasella darf in einer aktuellen Beilage sich, seine Novartis und seine Errungschaften feiern.

Endlich darf sich der Prügelknabe doch noch zu sich, seiner Novartis, seinem Wirken und seiner Weltanschauung – und zu seinen Erfolgen äussern. Er tut das in einem Interview über nicht weniger als zwei Zeitungsseiten in einer Beilage der «Basler Zeitung» mit dem pathetischen Titel: «Ende einer Ära». Daniel Vasella antwortet auf die milden Fragen von BaZ-Chefredaktor Markus Somm, erzählt, wie er die Fusion von Ciba und Sandoz erlebte («Wir wollten etwas Neues schaffen»), welch grosse Aufgabe dies war und welch grosse Angst er hatte zu scheitern.

Und endlich darf sich der Manager Vasella zu jenen Themen äussern, von denen er auch etwas versteht. Die Sache mit seiner Abfindung – den läppischen 72 Millionen Franken – kommt nicht zur Sprache. Wieso auch? Geht es in dieser Beilage doch primär darum, am Mythos des Königs zu werkeln.

Er spricht von reinem Wein, den er den Ciba- und Sandoz-Leuten eingeschenkt habe, davon, dass man sich manchmal verführen lasse und zu Unlogischem neige: «Umso wichtiger ist es, dass man Leute einbezieht, die die Sache von Neuem auf Herz und Nieren prüfen», weiss Vasella zu berichten.

Auf die Frage, ob er offen für Kritik sei, sagt er: «Ich hatte das Glück, stets Leute um mich herum zu haben, die nicht mir gefallen wollten, sondern die in erster Linie an das Wohl der Firma dachten.» Der Leser ist froh, endlich zu erfahren, dass Vasellas Crew nicht aus Egomanen bestand, die nur an sich dachten.

Was für ein glücklicher Mensch!

Man erfährt auch, dass Vasella ein Fan von Nestlé («eine kontinuierliche Performance») ist, von IBM und Walmart, dem amerikanischen Grossverteiler, der Putzmittel, Schokoriegel und Munition verkauft. Ein Fan, der erklärt, dass Chefs mal besser, mal unglücklicher agieren. Und für den klar ist: «Was man um jeden Preis vermeiden muss, sind Ausreisser.» Also wirklich unfähige Manager. Sie seien imstande, im Alleingang Katastrophen auszulösen. Von Katastrophen wurde König Vasella glücklicherweise verschont.

Vasella muss ein glücklicher Mensch sein, denn er und seine Novartis hatten immer Gewissheit: «Wir tun etwas Gutes für die Menschen, denn wir entwickeln neue Medikamente, die die Menschen gesund machen. Dafür stehen wir, das treibt uns an.» Vergessen sind klinische Tests an Menschen in Entwicklungsländern.

Wesentlich, so Vasella im Interview mit der «Basler Zeitung», sei aber auch, dass die Leute sich im Klaren seien, wo die Grenzen liegen. «Je nachdem, was sie tun oder unterlassen: Es muss Konsequenzen haben.» Konsequenzen bedeuten für Vasella Lohnerhöhungen oder Entlassung, Promotion oder Verwarnung. Darüber müsse man offen und ehrlich reden. Ehrlich?

«Jeder masst sich an, zu wissen, was richtig ist»

Man erfährt weiter, dass der Novartis-Chef seinen Kindern Werte mit auf den Lebensweg gegeben hat. Werte wie Respekt für den anderen; dass man sich gegenseitig zuhört, dass man für den anderen da ist, wenn er in Schwierigkeiten steckt – und zwar jederzeit. Der kühle und kühne Manager hat eben auch ein grosses Herz. Er antwortet auf die Frage, ob die Gesellschaft dekadent sei: «Nicht dekadent. Aber zu selbstsicher.» Sicher?

Wie Vasella mit dem öffentlichen Druck der letzten Wochen umgegangen ist, erfährt man im Interview mit der «Basler Zeitung» leider nicht. Dafür erklärt Vasella, dass es zum Job eines Chefs gehöre, Kritik stoisch zu ertragen. Vasella darf weiter ausführen, dass «wir uns heute einer beispiellosen Re-Re-Regulierung unterwerfen». Es würde eine Art Transparenz verlangt, die die Gestaltungsfreiheit empfindlich einschränkt. Das werde noch weitergehen. «Jeder wird sich einmischen wollen – und jeder masst sich an, genau zu wissen, was richtig und falsch ist.» Freilich liegt die Deutungshoheit dessen, was richtig und was falsch ist, bei Vasella selbst.

Wie eine Unternehmenszeitung

Ein paar Seiten weiter in der Beilage der «Basler Zeitung» darf Henriette Brunner, Präsidentin des Angestelltenverbands von Novartis, auch noch ein paar Worte zu ihrem Chef sagen. Er habe immer ein offenes Ohr für die Anliegen der Mitarbeitenden. Schön. Sie spricht von konstruktiven Diskussionen, guten Sozialplänen, Nachhaltigkeit und davon, dass Vasella bei der Belegschaft einfach sehr beliebt sei. Toll.

Vasella der Manager, Vasella der Mensch, Vasella der Visionär – die Beilage der «Basler Zeitung» feiert den «unternehmerischen Verdienst Daniel Vasellas» und spart dabei nicht mit Lob. Man wähnt sich in einer Unternehmenszeitung, die wie eine Tageszeitung daherkommt.

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