Eltern-Burnout: Wenn Mama und Papa nicht mehr können

Wenn die Belastung zu Hause zu gross wird: Eine Psychologin erklärt, was zu einem Eltern-Burn-out führen kann und was Betroffene tun können.

Wenn die Belastung zu Hause zu gross wird: Eine Psychologin erklärt, was zu einem Eltern-Burn-out führen kann und was Betroffene tun können.

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Eltern-Burn-out«Batterien sind komplett leer» – wenn Mami und Papi ausbrennen

Nicht nur im Arbeitsumfeld, sondern auch zu Hause kann man völlig überlastet sein. Die Psychologin Linda Rasumowsky erklärt, wie es zum Eltern-Burn-out kommt und was man dagegen tun kann.

von
Michelle de Oliveira

Frau Rasumowsky, was unterscheidet das Eltern-Burn-out vom bereits bekannten Burn-out im Arbeitsumfeld?

Die Belastung beim Eltern-Burn-out wird vorwiegend auf das Elternsein bezogen erlebt. Das heisst, dass man im Job vielleicht keine Mühe hat, aber die Erschöpfung zu Hause überhandnimmt. Die Symptome indes sind sehr ähnlich.

Welche sind das?

Es herrscht ein extremer Erschöpfungszustand und Pausen, Ausschlafen oder ein Wochenende für sich bringen keine Erholung mehr. Häufig treten auch Schlafstörungen, Appetitveränderungen und Antriebsmangel auf. Die Batterien sind einfach komplett leer. Viele Betroffene erzählen, sie spürten sich überhaupt nicht mehr.

Ein extremer Erschöpfungszustand, Antriebslosigkeit und Appetitveränderungen können auf ein Eltern-Burn-out hinweisen.

Ein extremer Erschöpfungszustand, Antriebslosigkeit und Appetitveränderungen können auf ein Eltern-Burn-out hinweisen.

Pexels/Liza Summer 

Was sind die Ursachen für ein Eltern-Burn-out?

Meist sind die Anforderungen so gross, dass sie schlicht nicht mehr bewältigt werden können. Es sind dabei nicht nur die eigenen Ansprüche, eine «gute Mutter», ein «guter Vater» zu sein, sondern auch Ansprüche von der Gesellschaft, dass man alles unter einen Hut bringen soll.

Das Konzept der Kleinfamilie ist heute sehr verbreitet. Fehlt die Grossfamilie als Unterstützung?

Auch Grossfamilien bringen Herausforderungen mit sich, einfach andere. Aber das Konzept der Kleinfamilie ist wohl ein unrealistisches Ideal und Studien deuten darauf hin, dass das Eltern-Burn-out in jenen Regionen seltener vorkommt, in denen Grossfamilien oder Generationenhaushalte häufiger sind.

Über Linda Rasumowsky

Linda Rasumowsky ist Psychotherapeutin und Gründerin der Plattform mentalwellmom, die zum Ziel hat, Mütter in ihrer psychischen Gesundheit zu unterstützen und für mehr Leichtigkeit im Muttersein zu sorgen.

Psychotherapeutin Linda Rasumowsky

Psychotherapeutin Linda Rasumowsky

zvg

Frauen sind häufiger betroffen. Warum ist das so?

Weil Frauen, auch wenn sie ausser Haus arbeitstätig sind, nach wie vor zu Hause viel mehr Care-Arbeit übernehmen als Männer.

Tritt das Eltern-Burn-out erst in jüngerer Zeit auf oder wurde es früher schlicht nicht erkannt?

Ich bin davon überzeugt, dass es das Eltern-Burn-out auch früher schon gab. Aber man hat wenig bis gar nicht darüber geredet. Eher hat man mal von einzelnen Symptomen oder Bewältigungsversuchen erfahren, etwa Alkohol- oder Tablettenkonsum.

Heute ist die bedürfnisorientierte Erziehung weit verbreitet. Trägt sie zur Erschöpfung der Eltern bei?

Natürlich ist es anstrengender, stets zu versuchen, den Kindern auf Augenhöhe zu begegnen, ihre Bedürfnisse wahrzunehmen, Emotionen Raum zu geben und mit Nähe und Verständnis zu reagieren, als autoritär zu erziehen. Deshalb ist es auch wichtig, dass Elternsein und Kinder mit ihren Bedürfnissen mehr Raum in der Gesellschaft erhalten.

Eltern verhalten sich im Arbeitsumfeld oft so, als hätten sie keine Kinder, weil diese dort noch immer als Nachteil gelten.

Linda Rasumowsky

Können Sie das erklären?

Eltern verhalten sich im Arbeitsumfeld oft so, als hätten sie keine Kinder, weil diese dort noch immer als Nachteil gelten. Kinder müssen quasi unsichtbar werden. Dadurch erhöht sich der Druck auf Eltern enorm.

Was kann man als Eltern tun, damit es nicht zu einem Burn-out kommt?

Auch hier muss ein Umdenken stattfinden: Man muss nicht alles alleine schaffen! Wenn irgendwie möglich, sollte man sich Unterstützung holen, in der erweiterten Familie, aber auch bei Freunden, und sich die Kinderbetreuung teilen. Und dass man die Kinder auch mal fremdbetreuen lässt, um eine Pause zu machen – nicht nur, um zu arbeiten.

Werden die eigenen Bedürfnisse stets vernachlässigt, kann es zu einem Eltern-Burn-out kommen.

Werden die eigenen Bedürfnisse stets vernachlässigt, kann es zu einem Eltern-Burn-out kommen.

Unsplash/Nik Shuliahin

Was noch?

Es ist wichtig, die eigenen Bedürfnisse wahrzunehmen und sich zu überlegen: Tut es mir jetzt besser, Kontakte zu pflegen, oder priorisiere ich eine Pause für mich alleine? Braucht es diesen grossen Familienausflug tatsächlich oder würde es allen guttun, einen ruhigeren Tag zu verbringen?

Und wenn es doch passiert und man nicht mehr aus der Erschöpfung rauskommt?

Dann sollte man sich möglichst schnell jemandem anvertrauen und professionelle Hilfe suchen. Je früher, desto besser!

Hast du ein Eltern-Burn-out, stehst kurz davor oder kennst eine betroffene Person?

Hier findest du Hilfe:

Elternnotruf 24 Stunden am Tag erreichbar, findest du hier in mehreren Sprachen schnell Hilfe in Notsituationen auf der Webseite, via Telefon 0848 35 45 55,  E-Mail und auch vor Ort.

Pro Mente Sana, Tel. 0848 800 858

Angehörige.ch, Beratung und Anlaufstellen

Dargebotene Hand, Sorgen-Hotline, Tel. 143

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