Frost, Dauerregen, Hagel - «Wir haben Ernteausfälle von mehreren Hunderttausend Franken»
Publiziert

Frost, Dauerregen, Hagel«Wir haben Ernteausfälle von mehreren Hunderttausend Franken»

Verhageltes Obst und verfaultes Gemüse: Schweizweit leiden Bauern unter den Folgen der Unwetter. Bauernpräsident Markus Ritter rechnet mit einem Horrorjahr.

von
Gabriela Graber
1 / 5
Lukas de Rougemont auf einem seiner überfluteten Kartoffelfelder an der Broye.

Lukas de Rougemont auf einem seiner überfluteten Kartoffelfelder an der Broye.

20min/Simon Glauser
Unwetterschäden waren auch im Kanton Aargau bei Brugg zu verzeichnen (14. July 2021)

Unwetterschäden waren auch im Kanton Aargau bei Brugg zu verzeichnen (14. July 2021)

20min/Marco Zangger
Die Hochwassersituation am Bielersee hat sich noch nicht entspannt. 

Die Hochwassersituation am Bielersee hat sich noch nicht entspannt.

20min/Simon Glauser

Darum gehts

  • Das Wetter und die Kälte der vergangenen Wochen stellt Schweizer Bauern vor Herausforderungen.

  • Zahlreiche Betriebe haben mit Ernteausfällen zu kämpfen. Einige Betriebe rechnen mit erheblichen Einbussen.

  • «Wir erwarten ein schlechtes Pflanzenanbaujahr über alle Kulturen mit Ausfällen, schlechten Erträgen und tieferer Qualität als üblich», sagt Bauernpräsident Markus Ritter.

Schweizer Landwirtinnen und Landwirte hatten bis jetzt kein gutes Jahr. Auf den nasskalten Frühling folgte ein verregneter Sommer. In der gesamten Schweiz zerstörte der Hagel Felder und die grossen Regenmassen setzten ganze Kulturen unter Wasser. Auch Lukas de Rougemont (46) hat mit dem Wetter zu kämpfen: «Wir haben Ernteausfälle in der Höhe von mehreren Hunderttausend Franken», so der Betriebsleiter des Gutes der Stiftung Tannenhof in Gampelen BE. Die Versicherung decke zwar einen Teil der Verluste, eine grosse Summe müsse die Stiftung jedoch aus der eigenen Tasche bezahlen. Auf seinem Hof pflanze er sowohl Obst als auch Gemüse wie Zwiebeln, Zucchetti, Rüebli oder Getreide an.

Gerade beim Obst sehe es momentan schlecht aus: Wegen des Hagels seien rund 50 Prozent der Früchte beschädigt oder könnten nicht verkauft werden. «Ich bin kein Einzelfall. Im Seeland sind viele Betriebe von den Unwettern betroffen. Wegen der Topografie kann hier zudem bei diesen Extremniederschlägen das Wasser schlecht ablaufen», sagt de Rougemont. Eine seiner 7,5 Hektar grossen Parzellen in der Gemeinde Mont-Vully FR, die am Broyekanal liegt, sei seit über zehn Tagen völlig überschwemmt – teilweise bis zu 40 Zentimeter hoch. «Bei den Kartoffeln und dem Sellerie, den wir dort angepflanzt haben, haben wir einen Ernteausfall von 100 Prozent», so de Rougemont. Man habe anfänglich probiert, das Wasser abzupumpen - ohne Erfolg.

«Die Pflanzen können nicht mehr atmen und verfaulen»

Schwierig sei es für Bauern, die nicht versichert und finanziell einzig von der Ernte abhängig seien, sagt de Rougemont. Man höre von Gemüsebaubetrieben, die ihre Gastarbeiter vorzeitig nach Hause schicken müssten. Es gebe zahlreiche schlimme Schicksale in der Region. «Das Schöne ist aber, dass man sich solidarisiert und gegenseitig unterstützt. Wir sitzen ja alle im gleichen Boot.»

Auch Peter Wyss (57) aus Ittigen BE ist von den Ernteausfällen betroffen: «Unser Boden ist seit Wochen durchnässt. Pflanzen können nicht mehr atmen und verfaulen», so der Landwirt. Obendrein habe der Hagel in der Nacht auf Montag 20 bis 30 Prozent seiner Ernte – vorwiegend Gemüse und Getreide – zerstört. «Ich arbeite seit den Achtzigern in der Landwirtschaft, aber so etwas habe ich noch nie erlebt.»

Wyss, der mit seiner Firma auch Auftragsarbeiten bei anderen Landwirten verrichtet, kennt Betriebe, die bei der Ernte einen Totalausfall verzeichnen. «Das kann einem schon sehr auf die Moral schlagen», sagt Wyss. Als Landwirt sei man der Natur ausgesetzt. «Ich hoffe aber natürlich, dass die extremen Wetterereignisse in Zukunft nicht zunehmen.» Klar könne man versichern – nur tun dies längst nicht alle.

Versicherung für manche zu teuer

20 Minuten sprach mit einem dieser nicht versicherten Bauern: «Ich schloss keine Versicherung ab, da mir diese zu teuer war», so der Landwirt, der anonym bleiben möchte. Er habe durch das Unwetter praktisch seine gesamte Ernte verloren, sagt der Mann. Weitere Angaben wollte er nicht machen.

Auch Kulturen von Biolandwirt Stefan Krähenbühl (43) vom Hof am Murtensee in Greng BE haben in den Hagelzügen starken Schaden genommen. Zudem verlangsame das Wetter das Wachstum enorm. «Dieses Jahr werden wir etwa viele Süsskartoffeln ernten, die zu klein oder missförmig sind.» Auf dem Wochenmarkt könnte kleine oder leicht beschädigte Ware verkauft werden, der Kunde verstehe die Situation der Bauern. Beim Grossverteiler werde er seine zu kleinen Süsskartoffeln gemäss aktueller Richtlinien nicht abgeben können. Für Krähenbühl ein Ärgernis: «Das kann nicht sein! Wenn europaweit eine Notsituation herrscht, sollten sich die Grossverteiler überlegen, auch unperfekte Ware anzunehmen.» Zudem müssten jetzt die Produzentenpreise für Gemüse und Kartoffeln deutlich steigen, so Krähenbühl.

Aprikosen-Import wegen Unwettern

Nicht alle Regionen der Schweiz seien gleich stark von den Unwettern getroffen worden, sagt Fritz Rothen, Geschäftsführer IP-SUISSE. «Die Lieferung vieler Produkte durch Schweizer Produzenten bleibt deshalb gewährleistet.» Doch gewisse Produkte, etwa Aprikosen, die im Spätfrost im April grossen Schaden erlitten hätten, müssen bereits jetzt importiert werden, sagt Rothen. «Um mit solchen Wetterereignissen in Zukunft noch besser umgehen zu können, werde man auf Sorten setzen, die noch optimaler ans Klima angepasst und gegen Krankheiten resistenter sind.»

Der Präsident des Schweizer Bauernverbandes, Markus Ritter, erwartet ebenfalls grosse Ernte-Einbussen: «Wir erwarten ein schlechtes Pflanzenanbaujahr über alle Kulturen mit Ausfällen, schlechten Erträgen und tieferer Qualität als üblich. Wie gross die Ausfälle sind, lässt sich aktuell nicht abschätzen.»

My 20 Minuten

Als Mitglied wirst du Teil der 20-Minuten-Community und profitierst täglich von tollen Benefits und exklusiven Wettbewerben!

Deine Meinung

91 Kommentare