Agrar-Initiativen - Öko-Bauern fürchten wegen Drohungen um ihr Leben
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Agrar-InitiativenÖko-Bauern fürchten wegen Drohungen um ihr Leben

Nicht nur in der Politik, sondern auch in der Landwirtschaft spitzt sich die Debatte um die Agrar-Initiativen zu. Bäuerinnen und Bauern sind mit Hass und Drohungen konfrontiert.

von
Leo Hurni
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Mehrere Landwirtinnen und Landwirte berichteten gegenüber 20 Minuten, dass sie sich nicht mehr trauen,  öffentlich für eine Annahme der Pestizid-Initiative einzustehen. 

Mehrere Landwirtinnen und Landwirte berichteten gegenüber 20 Minuten, dass sie sich nicht mehr trauen, öffentlich für eine Annahme der Pestizid-Initiative einzustehen.

20min/News-Scout
Sie befürchten, dass sie sonst mit negativen Konsequenzen rechnen müssten.

Sie befürchten, dass sie sonst mit negativen Konsequenzen rechnen müssten.

20min/Sandro Spaeth
«Uns wurden mehrmals Fahnen für die Initiative  heruntergerissen. Da fragt man sich schnell, was als Nächstes kommt. Stecken die Gegner als Nächstes unseren Heustock in Brand?», sagt Bio-Bäuerin Deborah Meister. 

«Uns wurden mehrmals Fahnen für die Initiative heruntergerissen. Da fragt man sich schnell, was als Nächstes kommt. Stecken die Gegner als Nächstes unseren Heustock in Brand?», sagt Bio-Bäuerin Deborah Meister.

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Darum gehts

  • Immer mehr Landwirtinnen und Landwirte, die für die Pestizid-Initiative stimmen, trauen sich nicht mehr, sich öffentlich zu positionieren.

  • Aufgrund der angespannten Debatte fürchten sie negative Konsequenzen aus dem eigenen Umfeld. Einige fürchten gar um ihren Hof oder ihre Familie.

  • Der ehemalige Bauer und heutige Bundespräsident Guy Parmelin verurteilt Hass und Morddrohungen aufs Schärfste.

Beleidigungen, Anfeindungen, Morddrohungen: Im Abstimmungskampf um die Pestizid- und die Trinkwasserinitiative wird der Umgangston zunehmend rauer. Das spürte auch Trinkwasser-Initiantin Franziska Herren. Sie erhielt kürzlich eine Morddrohung gegen ihre ganze Familie. Herren ist damit nicht alleine. Wie der «Tagesanzeiger» (Bezahlartikel) kürzlich berichtete, steht die Neuenburger Ständerätin Céline Vara aufgrund zahlreicher Todesdrohungen sogar unter Polizeischutz. Sie setzt sich vehement für eine Annahme der Agrar-Initiativen ein.

Bundesrat Guy Parmelin, der sich gegen die Agrar-Initiativen engagiert, zeigte sich im 20-Minuten-Live-Talk beunruhigt über das Klima im Abstimmungskampf. «Morddrohungen sind total inakzeptabel. Der Gesamtbundesrat und ich verurteilen das aufs Schärfste und wir hoffen, dass die Justiz die Täter ausfindig macht und hart bestraft.» Wenn eine Ständerätin aus Neuenburg sich nicht mehr frei äussern könne, sei das dramatisch und gefährlich für die Demokratie.

Täglich melden sich Landwirtinnen und Landwirte

Auch Dominik Waser, Komiteemitglied der Pestizid-Initiative, berichtet von zahlreichen Briefen. «Ich bekomme viele Beleidigungen und Anfeindungen, was in den letzten zwei Wochen nochmals extrem zugenommen hat.» Dennoch wird Waser übernächste Woche in der Arena für eine Annahme der Pestizid-Initiative kämpfen. «Das Klima wird immer rauer, doch dies ist kein Freiticket für einen respektlosen Umgang. Wir wollen über Inhalte diskutieren und lassen uns nicht unterkriegen. Meine Generation hat das Recht auf eine gesunde und pestizidfreie Zukunft.»

Es meldeten sich täglich Bäuerinnen und Bauern bei ihm, die sich nicht mehr trauten, sich für die Pestizid-Initiative auszusprechen. «Aufgrund der aufgeladenen Atmosphäre fürchten sie, dass sie in ihrem Umfeld mit negativen Konsequenzen rechnen müssten.»

«Sie würden mir das Land wegnehmen»

Einer dieser Landwirte ist A. S.*, SVP-Wähler und Befürworter der Pestizid-Initiative. Er ist überzeugt, dass die Initiative gut umsetzbar wäre. Das laut zu sagen, traut er sich aber nicht. «Ich würde wohl gelyncht werden, wenn das die Landwirtinnen und Landwirte in meinem Umfeld mitbekämen. Sie reagieren mit enormem Hass auf alle, die sich für die Initiative einsetzen.» Dabei hat S. auch finanzielle Ängste. «Die Landwirte würden mir wohl das Land, das ich beweide, wegnehmen, wenn sie meine Meinung zu den Pestiziden wüssten.» S. weiss von anderen Landwirtinnen und Landwirten, denen es ähnlich geht.

Briefe an die Familie

Auch Bio-Bäuerin Deborah Meister traut sich mittlerweile nicht mehr, sich öffentlich zu positionieren. «Uns wurden mehrmals Fahnen für die Initiative in der Nacht heruntergerissen. Da fragt man sich schnell, was als Nächstes kommt. Stecken die Gegner als Nächstes unseren Heustock in Brand?» Sie fürchte sich dabei vor allem um ihre vier Kinder und die Tiere. «Ich hoffe, dass das alles möglichst bald ein Ende findet und sich die Situation beruhigt», sagt Meister.

Doch auch auf der Gegenseite stellt man fest, dass die Debatten rund um den Abstimmungskampf rau geworden sind. «Es ist halt ein sehr emotionales Thema, da es um die Zukunft der Land- und Ernährungswirtschaft geht und viele Menschen sehr direkt betroffen sind», sagt Markus Ritter, Präsident des Schweizer Bauernverbandes, der die Initiativen bekämpft.

Mittlerweile werde sogar seine Familie angefeindet. «Seit letzter Woche bekam ich sicher zehn bis zwölf anonyme Hassbriefe und sogar meine Frau bekam einen Brief, in dem man versuchte, mich zu diffamieren.» Ritter nimmt es aber gelassen. «Das sind schlussendlich nur eine kleine Anzahl Wutbürger, die ihrem Frust freien Lauf lassen. Für mich gehört das leider dazu und ich schlafe deswegen nicht schlechter als sonst.»

*Name der Redaktion bekannt

Darüber stimmen wir ab

Die Pestizid-Initiative der Gruppe «Future3» verlangt ein Verbot künstlicher Pflanzenschutzmittel in der Schweiz: Es dürften keine synthetischen Pestizide mehr ausgebracht werden, verboten wäre auch der Import von Lebensmitteln, die synthetische Pestizide enthalten oder mithilfe solcher hergestellt wurden. Die Umstellung soll innert einer Frist von zehn Jahren passieren. Parlament und Bundesrat lehnen die Initiative ab.


Die Trinkwasser-Initiative wurde von Franziska Herren lanciert. Sie fordert, dass nur noch diejenigen Landwirtschaftsbetriebe mit Direktzahlungen oder Subventionen unterstützt werden, die keine Pestizide einsetzen, die in ihrer Tierhaltung ohne prophylaktischen Antibiotika-Einsatz auskommen und den eigenen Tierbestand mit dem auf dem Betrieb produzierten Futter ernähren können. Parlament und Bundesrat lehnen die Initiative ab.

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