«Existenzielle Probleme»: Bauern zittern vor Pestizid-Initiativen und hängen 10’000 Fahnen auf
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«Existenzielle Probleme»Bauern zittern vor Pestizid-Initiativen und hängen 10’000 Fahnen auf

Der Bauernverband will die Pestizid-Initiativen mit allen Mitteln bekämpfen. Für die Befürworter ein Zeichen, dass der Verband Angst vor einer Annahme hat.

von
Leo Hurni
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Mit diesen Fahnen kämpft der Bauernverband bereits gegen die Trinkwasser- und die Pestizid-Initiative. Am Dienstag startet die offizielle Kampagne.

Mit diesen Fahnen kämpft der Bauernverband bereits gegen die Trinkwasser- und die Pestizid-Initiative. Am Dienstag startet die offizielle Kampagne.

 Bauernverband beider Basel
Mehr als 10’000 dieser Fahnen seien bereits versendet worden, erzählt Markus Ritter, Präsident des Schweizer Bauernverband. «Die Initiativen bedrohen den Bauernstand.»

Mehr als 10’000 dieser Fahnen seien bereits versendet worden, erzählt Markus Ritter, Präsident des Schweizer Bauernverband. «Die Initiativen bedrohen den Bauernstand.»

SBV
Doch nicht alle Landwirte setzten sich gegen die Initiativen ein. Für Regina-Fuhrer Wyss, Präsidentin der Kleinbauern Vereinigung ist klar: «Dem Bauernverband sollte bewusst sein, dass die beiden Initiativen grosse Sympathien in der Bevölkerung haben.»

Doch nicht alle Landwirte setzten sich gegen die Initiativen ein. Für Regina-Fuhrer Wyss, Präsidentin der Kleinbauern Vereinigung ist klar: «Dem Bauernverband sollte bewusst sein, dass die beiden Initiativen grosse Sympathien in der Bevölkerung haben.»

Regina Fuhrer

Darum gehts

  • Am Dienstag startet der Bauernverband seine grosse Kampagne gegen die Trinkwasserinitiative und der Initiative für ein Pestizidverbot.

  • Der Verband sieht die Bauern durch die beiden Initiativen bedroht.

  • Ein Ja sei nötig, damit endlich etwas gehe in der Landwirtschaft, findet hingegen die Präsidentin der Kleinbauern-Vereinigung.

  • «Wir merken, dass der Bauernverband sich vor einer Annahme der Initiativen fürchtet», sagt auch die Initiantin der Trinkwasserinitiative.

Nach der Burka-Debatte herrscht schon wieder Abstimmungskampf: Der Bauernverband startet am Dienstag seine grosse Kampagne gegen die Trinkwasserinitiative und der Initiative für ein Pestizidverbot, die im Juni vors Volk kommen (siehe Box).

Die Abstimmung sorgt im Lager der Landwirte für viele Diskussionen. Markus Ritter, Präsident des Bauernverbands, sagt, man nehme die Initiativen sehr ernst, da sie den Bauernstand bedrohten. Die Kampagne ist darum von langer Hand geplant: Der Verband hat schon mehr als 10’000 Fahnen versendet, mit denen Bäuerinnen und Bauern an Ställen und den Bauernhäusern für ein zweifaches Nein zu den «extremen Agrar-Initiativen» werben sollen.
«Damit wollen wir zeigen, wie direkt die Bauern von diesen Initiativen betroffen sind und dass sie klar hinter einem zweifachen Nein stehen.» Abgekupfert hat man bei den linken Initianten der Konzernverantwortungsinitiative, die die Schweiz mit ihren orangen Fahnen zugepflastert hatten.

Bauern fürchten um Existenz

Auch bei Marc Brodbeck, Präsident des Bauernverbands beider Basel, hängen die Fahnen schon. Er befürchtet, dass bei einer Annahme des Pestizidverbotes deutlich mehr Produkte aus dem Ausland importiert würden. «Wir dürften dann gar keine synthetischen Pestizide zur Produktion der Lebensmittel verwenden. Das ist mit Mehrkosten verbunden, die sich dann im Ladenpreis widerspiegeln. Schweizer Produkte wären also nur noch für Gutbetuchte erschwinglich, was wiederum zu mehr Importen aus dem Ausland führen würde. Mit den hohen Produktionskosten hierzulande sind Schweizer Bauern damit klar im Nachteil.»

Eine Annahme würde daher viele Betriebe vor existenzielle Probleme stellen, so Brodbeck. «Gerade in den Familienbetrieben ist die Zukunft ungewiss. Wir tun deshalb alles, um einen Annahme der beiden Initiativen zu bekämpfen.»

Gegenseite ebenfalls bereits aktiv

Es gibt aber auch Landwirte, die sich für die Volksbegehren aussprechen. Für Regina Fuhrer-Wyss, Präsidentin der Kleinbauern-Vereinigung, ist klar: «Dem Bauernverband sollte bewusst sein, dass die beiden Initiativen grosse Sympathien in der Bevölkerung haben.» Ein Ja sei nötig, damit endlich etwas gehe in der Landwirtschaft. «Es kann nicht sein, dass sich der Bauernverband gegen sämtliche Änderungen zur pestizidfreien Produktion wehrt.» Die Vereinigung lancierte bereits ihre schweizweite Pro-Kampagne für die Initiative für eine Schweiz ohne synthetische Pestizide.

Kurzfristige Mehrkosten seien möglich. «Durch den Pestizidverzicht werden jedoch sehr hohe längerfristige Kosten vermieden. Tatsache ist, dass wir heute keine Kostenwahrheit für unsere Lebensmittel haben. Wenn man verrechnen würde, was es kostet, zum Beispiel das Grundwasser wegen Pestizidrückständen zu reinigen, wären die Kosten für konventionell produzierte Lebensmittel bereits heute um einiges höher.»

«Wir merken, dass der Bauernverband sich vor einer Annahme der Initiativen fürchtet», sagt auch Franziska Herren, Initiantin der Trinkwasser-Initiative zur Fahnen-Kampagne des Bauernverbandes. Sie setzt nun ebenfalls auf Fahnen, die gratis online bestellt werden können. Mehr als 3100 Fahnen und über 2000 Veloplakate habe sie bereits verschickt.

Das will die Pestizid-Initiative

Am 13. Juni kommen zwei Agrar-Initiativen zur Abstimmung. Die Pestizid-Initiative der Gruppe «Future3» verlangt ein Verbot künstlicher Pflanzenschutzmittel in der Schweiz: Es dürften keine synthetischen Pestizide mehr ausgebracht werden, verboten wäre auch der Import von Lebensmitteln, die synthetische Pestizide enthalten oder mithilfe solcher hergestellt wurden. Die Umstellung soll innert einer Frist von zehn Jahren passieren. Die Debatte lief vor allem im Parlament heiss. Es lehnt die Initiative wie der Bundesrat ab.

Die Trinkwasserinitiative wurde von Franziska Herren lanciert. Sie fordert, dass nur noch diejenigen Landwirtschaftsbetriebe mit Direktzahlungen oder Subventionen unterstützt werden, die keine Pestizide einsetzen, die in ihrer Tierhaltung ohne prophylaktischen Antibiotikaeinsatz auskommen, die den eigenen Tierbestand mit dem auf dem Betrieb produzierten Futter ernähren können. Der National- und Ständerat empfehlen diese Initiative ohne Gegenvorschlag zur Ablehnung.

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