Aktualisiert 28.02.2014 22:58

Kalter US-Winter

Bauernkalender genauer als die Klimaforscher

Der staatliche Wetterdienst sah für die USA einen warmen Winter voraus. Das Gegenteil trat ein – genau wie es der 197 Jahre alte «Farmers' Almanac» prognostiziert hatte.

von
Martin Suter, New York

Es ist fast schon März, und New York friert noch immer. Am Mittwoch tanzten erneut Flocken über die verdreckten Schneereste, denn seit Wochen wollen die Temperaturen den Gefrierpunkt nicht übersteigen. An der US-Ostküste und im Südosten des Landes gab es so einen harten, schneereichen Winter wie seit Jahrzehnten nicht mehr.

Die frostigen Monate waren so ziemlich das Gegenteil der Prognosen des «Climate Prediction Center» (CPC), einer Abteilung der National Oceanic and Atmospheric Administration. Die staatlichen Meteorologen schrieben letztes Jahr in ihren Voraussagen, die Temperaturen würden «von November bis Januar praktisch in den ganzen kontinentalen USA über dem Normalwert liegen».

Vortex statt wonniger Wärme

Weit gefehlt. Anstelle milder Luft schleuderte ein «Polar Vortex» über der Arktis während Monaten Kälte nach Süden. Allein im Januar wurden in den USA 4406-mal tiefste Temperaturen und 1073 Schneefallrekorde registriert.

Die CDC misst ihre eigene Trefferquote auf einer Heidtke-Skala, die von «100 – vollständig richtig» bis «minus 50 – total daneben» reicht. Ihre eigenen Prognosen bewertete sie von November bis Januar mit «minus 22». Kleinlaut sagte der amtierende CDC-Direktor Mike Haltert zu «Bloomberg Businessweek»: «Nicht gerade eine unserer besseren Voraussagen.»

Nicht-Wissenschaftler lagen besser

Im Vergleich können sich die Wetterfrösche des 197 Jahre alten Bauernkalenders «Farmers' Almanac» auf die Rücken klopfen. Beim Erscheinen des Kalenders im vergangenen August beschrieb die Chefredaktorin Sandi Duncan den bevorstehenden Winter am CBS-Fernsehen, indem sie das Wort «C-O-L-D» – kalt – buchstabierte. Die Klimakarte des Kalenders sah einen Winter mit «kälter als normale» Temperaturen vor und «schweren Schneefall im Mittelwesten, bei den Grossen Seen und in Neuengland». Genau so kam es.

Eine Voraussage stimmte nicht: Der «Almanac» prognostizierte, dass ein Wintersturm den Super-Bowl-Footballfinal einschneien würde. Tatsächlich war es am 2. Februar über den Meadowlands in New Jersey überraschend mild. Doch schon am Tag danach fiel das kalte Weiss dickflockig auf das Open-Air-Stadion.

Die Wetterfrösche des Bauernkalenders begründen ihre Voraussagen seit Jahr und Tag mit Planetenstellungen, Sonnenflecken und Mondphasen. Die Klimatologen des CDC dagegen messen Luftdruck, Temperatur und Wind, von denen ausgehend sie künftige Wettertrends errechnen. Der «Almanac» behauptet, seine Prognosen träfen zu 80 Prozent zu. Das können die Wissenschaftler zumindest im laufenden Winter von sich nicht behaupten.

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