Baute die Schweiz mitten in der Krise Intensivplätze ab?
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Massnahmenverschärfung drohtBaute die Schweiz mitten in der Krise Intensivplätze ab?

Derzeit stehen 700 Intensivbetten weniger zur Verfügung als während der ersten Welle. Spitäler und Behörden wehren sich gegen den Vorwurf, Kapazitäten abgebaut zu haben.

von
Daniel Graf
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Intensivplätze in den Spitälern werden wieder zunehmend von COVID-19-Patientinnen und -Patienten belegt. 

Intensivplätze in den Spitälern werden wieder zunehmend von COVID-19-Patientinnen und -Patienten belegt.

Ronald Bonss/dpa-Zentralbild/dpa
Derzeit stehen rund 700 Intensivbetten weniger zur Verfügung als auf dem Höhepunkt der ersten Welle. 

Derzeit stehen rund 700 Intensivbetten weniger zur Verfügung als auf dem Höhepunkt der ersten Welle.

Robert Michael/dpa-Zentralbild/dpa
Die Behörden stehen in der Kritik, mitten in der Krise Intensivkapazitäten abgebaut zu haben. 

Die Behörden stehen in der Kritik, mitten in der Krise Intensivkapazitäten abgebaut zu haben.

Bodo Schackow/dpa-zentralbild/dpa

Darum gehts

  • Die Spitaleinweisungen aufgrund schwerer COVID-19-Verläufe nehmen schnell zu.

  • Zurzeit stehen rund 700 Intensivbetten weniger zur Verfügung als in der ersten Welle – dafür werden die Behörden kritisiert.

  • Sie wehren sich: Die Kapazitäten könnten bei Bedarf wieder ausgebaut werden. Allerdings nur auf Kosten der Behandlung anderer Patientinnen und Patienten.

  • Politikerinnen und Politiker sowie Behörden rufen zur Impfung auf, um die Spitäler nicht zu überlasten.

«Wir hatte noch nie so wenige Intensivbetten. Da läuft einiges falsch.» Solche und ähnliche Beiträge machen derzeit in den sozialen Medien die Runde. Der Vorwurf: Bund und Kantone hätten mitten in der Krise Intensivbetten abgebaut, anstatt rechtzeitig mehr Personal ausgebildet zu haben, um die Kapazitäten zu steigern. Die fehlenden Intensivbetten hätten nun zur Folge, dass die Massnahmen möglicherweise wieder verschärft werden müssten.

Die Anzahl verfügbarer Intensivbetten ist derzeit das ausschlaggebende Kriterium für allfällige Verschärfungen der Corona-Massnahmen. Bundesrat Alain Berset schickte kürzlich eine Ausweitung des COVID-Zertifikats auf Restaurants und Büros in die Vernehmlassung, um im Notfall schnell handeln zu können.

Ein Blick auf die Zahlen des Bundes zeigt: Am 11. April 2020, mitten in der ersten Welle, standen 1556 Intensivbetten zur Verfügung, davon waren zu diesem Zeitpunkt 787 unbelegt. Im November waren es dann auf dem Höchststand 1127 verfügbare Betten, 279 davon unbelegt. Diesen Dienstag, 24. August, sank die Zahl der Betten nochmals: Gemäss Homepage des BAG waren noch 155 unbelegt von insgesamt 828 Intensivbetten.

Die Grafik zeigt die Entwicklung der Anzahl und der Auslastung der Intensivbetten seit Beginn der Krise. 

Die Grafik zeigt die Entwicklung der Anzahl und der Auslastung der Intensivbetten seit Beginn der Krise.

https://www.covid19.admin.ch/

Kapazitäten in erster Welle stark ausgebaut

Für die Koordination der Intensivpflegeplätze ist der koordinierte Sanitätsdienst der Armee (KSD) zuständig. Dort heisst es auf Anfrage: «In der ersten Welle wurden viele zusätzliche improvisierte Kapazitäten geschaffen, da die Unsicherheit bezüglich Anzahl intensivpflegebedürftiger Patientinnen und Patienten sehr hoch war.» Diese Reservekapazitäten seien nach und nach wieder abgebaut worden, sobald sie nicht mehr gebraucht worden seien. Es wurden also deutlich mehr Betten zur Verfügung gestellt, als effektiv gebraucht wurden.

Auch jetzt könnten laut KSD-Mediensprecherin Delphine Schwab-Allemand improvisierte Intensivbehandlungsplätze wieder aufgebaut und betrieben werden. Der limitierende Faktor bleibe das hochspezialisierte Personal. Wie viele Betten im Notfall betrieben werden könnten, weiss der KSD nicht: «Aktuelle Angaben zur maximalen Anzahl zusätzlicher improvisierter Betten liegen nicht vor.»

«Unmut beim Gesundheitspersonal nimmt zu»

Auch Tobias Bär, Mediensprecher der Gesundheitsdirektorenkonferenz, sagt: «Tausende von Betten auf Reserve zu haben, heisst nicht zwingend, besser auf eine Krise in diesem Ausmass vorbereitet zu sein. Gefordert sind nicht primär kalte Betten, sondern qualifiziertes Personal, welches sich um die Patientinnen und Patienten kümmert.» Dieses könne nicht innerhalb kurzer Zeit aufgestockt werden. «Diese Krise führt uns deutlich vor Augen, wie wichtig es ist, beständig qualifiziertes Gesundheitspersonal auszubilden und dieses möglichst lange im Beruf zu halten.» Der Kanton Zürich hat etwa bereits im August 2020 angefangen, zusätzliches Personal auszubilden (siehe unten).

Das einfachste und wirksamste Mittel zum Schutz vor einem schweren Krankheitsverlauf und damit zum Schutz der Spitalstrukturen ist laut Bär die Impfung. «Gegenwärtig sind etwa 90 Prozent der hospitalisierten COVID-19-Patientinnen und -Patienten nicht geimpft. Das führt zu einem spürbaren Unmut beim Gesundheitspersonal, von dem Teile seit inzwischen eineinhalb Jahren unter permanentem Druck stehen. Und das kann die Durchhaltefähigkeit negativ beeinflussen.»

Mehr Betten nur auf Kosten verschobener Eingriffe

In St. Gallen sind derzeit 45 IPS-Betten gelistet. «Das bezieht sich auf den Normalbetrieb», heisst es beim zuständigen Gesundheitsdepartement. Die Anzahl der Betten könnte verdoppelt werden. «Das ist aber nur möglich, wenn gleichzeitig andere Leistungen reduziert, also Eingriffe verschoben werden, damit genügend Fachpersonal zur Verfügung steht.» Während der zweiten Welle etwa seien die Kapazitäten so ausgebaut worden.

Dass die provisorisch betriebenen IPS-Plätze wieder abgebaut worden sind, leuchtet Ruth Humbel, Präsidentin der nationalrätlichen Gesundheitskommission, ein: «Man kann die Anzahl der Intensivplätze nicht dauerhaft an den Bedarf einer Jahrhundertkrise ausrichten.» Nun sei aber alles daran zu setzen, dass diejenigen IPS-Plätze, welche «qualitativ hochwertig betrieben» werden könnten, wieder bereitgestellt würden, um eine erneute Verschärfung der Massnahmen zu verhindern.

«Impfentscheid sollte als Kriterium für Bettenbelegung berücksichtigt werden»

Wenig Verständnis hat Humbel hingegen, wenn Patientinnen und Patienten mit einer anderen schweren Erkrankung als Corona keinen IPS-Platz erhalten, weil diese von «ungeimpften Corona-Patientinnen und -Patienten» besetzt werden: «Es ist klar, dass COVID-Patientinnen und -Patienten so gut es geht behandelt werden müssen. Doch sollte es wirklich hart auf hart kommen, sollte der Impfentscheid bei der Frage, wer den letzten IPS-Platz erhält, zumindest berücksichtigt werden», sagt Humbel.

Zürich investiert in Ausbildung

Die Gesundheitsdirektion des Kantons Zürich hat bereits im August die «IPS-Unterstützungspflege-Ausbildung» gestartet. Damit soll dem Mangel an Expertinnen und Experten zur Behandlung von COVID-Patientinnen und -Patienten entgegengewirkt werden. Die Schulung umfasst einen viertägigen Theoriekurs, fünf Praxistage auf der Intensivstation des jeweiligen Spitals sowie bis zu drei Auffrischungstage. Zielgruppe des Kurses sind diplomierte Pflegefachpersonen HF aus allen Zürcher Akutsomatikspitälern. Insgesamt stehen 120 Ausbildungsplätze zur Verfügung.

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