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Nicht mehr begeistertBBC rügt SBB: Ticket-Politik ist «PR-Desaster»

Gerade noch feierte die BBC die Schweiz für ihren «fantastischen öffentlichen Nahverkehr». Doch nun erhalten die SBB einen Rüffel. Schuld ist das neue Ticket-System.

von
P. Dahm

Wenn es um die Schweiz geht, geraten BBC-Journalisten schon mal ins Schwärmen. «Viadukte aus Kalkstein, schneebedeckte Gipfel, mit Schwänen gespickte Seen und smaragdgrüne Täler - die Schweiz bietet Szenarien, von denen man nie genug bekommt», schwelgte der britische Medienriese noch im vergangenen Sommer.

Dabei könne man sich auf den «fantastischen öffentlichen Nahverkehr» verlassen. «Das Bahnsystem der Schweiz wird in Sachen Fortschrittlichkeit und Nutzung durch Einheimische nur vom japanischen geschlagen.»

Heute ist diese Begeisterung jedoch Ernüchterung gewichen, berichtet die BBC-Korrespondentin nach London: «Die Schweizer Liebesbeziehung zur Bahn kühlt ab», lautet der Titel ihres Rapports.

SBB-WC's werden aufgefrischt

«Alles begann mit der Entscheidung, den Billettverkauf in Zügen einzustellen», ärgert sich die britische Autorin. «Die Schweizer waren lange stolz auf ihre Eisenbahnen, doch eine neue, strenge Billett-Politik hat die Liebesbeziehung abgekühlt.» Auch wenn es neue Möglichkeiten zur Bezahlung wie etwa per Handy gebe, beurteilt sie die Ticket-Politik der SBB als «bitteres PR-Desaster».

Die Negativbeispiele

Drei Beispiele führt sie an, die ihre These belegen sollen: Erstens sei ein junger Mann gebüsst worden, weil er sein Billett per Stift entwertet, nachdem die Stempelmaschine am Perron nicht funktioniert hat. Zweitens habe ein Pensionär, der mit seinem Enkel unterwegs war, eine Strafe zahlen müssen: Der Junge habe beide Billette per Handy bezahlt, doch von diesen elektronischen Tickets darf pro Person nur eines gekauft werden. Beim dritten Fall handelt es sich um die Journalistin selbst. Ihr Problem: Sie hat den Fahrschein zu spät gekauft.

Weil der Zug bereits vier Minuten rollte, als sie per Natel das Billett kaufte, hat sie die Fahrt ohne gültiges Ticket angetreten. Erst «mehrere Wochen später» habe sie überhaupt begriffen, welches Vergehens sie beschuldigt wird. «Umsonst die Proteste von 750 Passagieren in der Schweiz, die täglich ähnliche Bussen bekommen», endet der Bericht lakonisch. «Die Schweizer Bahn hat etwas verloren: die gute Beziehung zu ihren Kunden.»

«Klassische» Probleme

Kurt Schreiber, Präsident der Vereinigung «Pro Bahn», nennt die beschriebenen Probleme «klassisch», sagt mit Blick auf die BBC-Reporterin aber auch: «So geht es natürlich nicht. Die Frau hätte sich bei den SBB melden sollen. Wenn ein Automat auf einem Perron kaputt ist, ist das ein Grund für eine Rückerstattung. Man muss den SBB nur einen Brief schicken.» Das Kontrollpersonal würde ausserdem täglich über ausgefallene Billett-Geräte informiert, weiss Schreiber.

Dass die Dame blechen musste, weil sie das Ticket nur wenige Minuten zu spät gekauft hat, ficht den Bahn-Verfechter nicht an. «Man muss das Billett nun mal kaufen, bevor die Fahrt beginnt. Bei einem Konzert kann man ja auch nicht später zahlen.» Und auch der junge Mann, der seinen Fahrausweis mit dem Stift entwertet hat, findet bei Schreiber nach der Umstellung auf das neue Ticket-System keine Gnade mehr. «Da könnte ja jeder schnell den Stift zücken, wenn der Kondukteur den Wagen betritt», erklärt er. «Es geht um den Schutz der ehrlichen Kunden.»

0,1 Prozent Schwarzfahrer

Ins selbe Horn stösst SBB-Sprecher Christian Ginsig, der betont, dass das Gros der Kunden auf der richtigen Spur sei. «Pro Tag werden in Zügen der SBB weniger als 1000 Fälle auf eine Million Reisende registriert, was einer Quote von 0,1 Prozent aller Reisenden entspricht. Statistisch reist auf zwei Fernverkehrszüge ein einzelner Passagier ohne Ticket.» Er beteuert, dass mit den Bussen keinerlei Kasse gemacht werde - die Einnahmen betragen demnach nur einen Bruchteil des Schadens, der durch Schwarzfahren entsteht.

«Unser Ziel ist es, dass die Kunden vor Reiseantritt ein Billett lösen», so Ginsig. Bereits bestehende Verkaufskanäle wie Billettautomaten oder -schalter an Bahnhöfen seien deshalb gezielt durch Vertriebswege wie Internet und Mobilfunk erweitert worden. Das sei beim Passagier angekommen: «Die Kennzahlen der Billettpflicht zeigen, dass diese breit akzeptiert und auch bei den Kunden bekannt ist.»

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