«Befehl, die Häftlinge weichzukochen»

Aktualisiert

«Befehl, die Häftlinge weichzukochen»

Viele der schlimmsten Misshandlungen im irakischen Gefängnis Abu Ghraib, die inzwischen ans Tageslicht gekommen sind, haben sich an einem einzigen Tag ereignet.

Der 8. November war der Tag, an dem US-Aufseher die meisten der Fotos machten, die weltweit für Empörung sorgten: grinsende US-Soldaten vor nackten irakischen Gefangenen in entwürdigenden Posen, Häftlinge, die zu sexuellen Handlungen gezwungen wurden, ein Gefangener mit Kopfhaube, an dessen Körper Drähte befestigt waren.

Die Misshandlungen ereigneten sich während des islamischen Fastenmonats Ramadan. Der im ersten Prozess um die Vorgänge in Abu Ghraib zu einem Jahr Haft verurteilte und aus der Armee entlassene Soldat Jeremy Sivits erklärte vor Gericht, die misshandelten Iraker seien verdächtigt worden, sich am 8. November an einem Häftlingsaufstand beteiligt zu haben. Sie wurden in Abu Ghraib wegen gewöhnlicher Verbrechen, nicht wegen Angriffen auf US-Soldaten festgehalten, wie Oberst Marc Warren sagte. Warren ist der Rechtsberater des Befehlshabers der US-Truppen in Irak, Generalleutnant Ricardo Sanchez.

Die erste Novemberwoche war für die US-Streitkräfte die schwärzeste seit Beginn der Invasion im März 2003. Bei einer Serie von Anschlägen wurden fast drei Dutzend Soldaten getötet, auf manche ihrer Kameraden hatten die Überfälle eine demoralisierende Wirkung. Aufständische hatten das Gefängnis Abu Ghraib und andere US-Stützpunkte in der Gegend in den Vorwochen mehrfach mit Mörsergranaten angegriffen. Wegen der andauernden Gewalt zog sich das Internationale Rote Kreuz am 8. November vorübergehend aus Irak zurück.

In den vier Tagen vor dem 8. November flüchteten drei irakische Gefangene aus Abu Ghraib, und weitere sechs entkamen an diesem Tag, wie es in einer internen Untersuchung der US-Armee, dem so genannten Taguba-Bericht, heisst. Das Ziel war daher, von Häftlingen Informationen zu erhalten, um die Angriffe einzudämmen. «Wir arbeiten hart daran, unsere Aufklärungsfähigkeiten hier auszubauen», sagte Sanchez am 11. November vor Reportern in Irak. «Wir sind noch nicht so weit, wie wir möchten.»

Mehrere beschuldigte Soldaten haben vor Ermittlern ausgesagt, sie seien von militärischen und zivilen Geheimdienstmitarbeitern aufgefordert worden, Gefangene vor dem Verhör einzuschüchtern und zu erniedrigen. «Die Befehle kamen direkt aus dem Lager der Geheimdienste, die Häftlinge weichzukochen, damit Informationen gesammelt werden konnten, um das Leben der Soldaten im Feld zu retten», sagt Paul Bergrin, Anwalt eines angeklagten Soldaten.

Der Einsatz von Aufsehern, die den Vernehmungsoffizieren helfen sollten, «die Bedingungen für Verhöre zu bereiten», war eine der von Generalmajor Geoffrey Miller im September empfohlenen Methoden. Miller, damals Kommandeur des Lagers Guantanamo für Terrorverdächtige, besichtigte US-Gefängnisse in Irak und sprach sich gegenüber Sanchez für mehrere Änderungen aus.

Bessere Ausbildung von Aufsehern gefordert

Die US-Truppen in Irak übernahmen nach Aussage von Militärangehörigen viele der Empfehlungen, milderten sie allerdings zuvor ab, da sie sonst gegen die Genfer Konventionen zum Schutz von Gefangenen verstossen hätten. In Guantanamo gelten die Konventionen nach Lesart der US-Regierung nicht. Vor einem Senatsausschuss sagte Sanchez in der vergangenen Woche, er habe niemals härtere Methoden als Isolationshaft gebilligt. Ein Militäranwalt erklärte allerdings in der «Washington Post», die Misshandlungen seien Sanchez aus eigenem Augenschein bekannt gewesen. Die US-Streitkräfte bezeichneten den Bericht als unwahr.

Miller erklärte, er habe niemals befürwortet, dass Militäraufseher Gefangene misshandeln sollten. Sie hätten den Verhörenden lediglich ihre Beobachtungen mitteilen sollen. Miller unterstehen inzwischen die Militärgefängnisse in Irak. Und Sanchez teilte mit, dass er Anträge auf eine Behandlung von Gefangenen, die über Isolationshaft hinausgehe, nicht einmal mehr prüfen werde.

Nach Millers Besuch im September flog die Armee im Oktober Generalmajor Donald Ryder ein, der ebenfalls die Haftanstalten in Irak inspizierte und weitere Vorschläge machte. Ryder erstellte einen Bericht und verliess das Land drei Tage vor dem 8. November wieder. Ryder widersprach Millers Empfehlung über den Einsatz von Militärpolizei zur Vorbereitung von Verhören. Er drang auch darauf, die Aufseher besser auszubilden, was nie geschah.

Mangelnde Ausbildung war eines der vielen Führungsprobleme der Reserveeinheit des Heeres, das die Aufseher in Abu Ghraib stellte. Auch der Taguba-Bericht wies darauf hin: Darin wurde eine Einheit beschrieben, in der die Disziplin so weit zusammengebrochen war, dass Soldaten Gedichte auf ihre Helme schrieben und Zivilkleidung trugen. (dapd)

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