Aktualisiert 12.07.2017 19:06

Giruno-Designer«Begeistert ein Zug nicht, kann ich einpacken»

Christian Harbeke hat den neuen SBB-Zug entworfen. Der Stardesigner erklärt, worauf es bei einem schönen Zug ankommt.

von
D. Waldmeier (Text) / M. Temel (Video)

«Das Gesicht eines Zuges muss Vertrauen erwecken», sagt Designer Christian Harbeke. (Video: M. Temel / P. Stirnemann)

«Verdammt schön» sei der neue Zug, meinte Stadler-Chef Peter Spuhler im Mai bei der Präsentation seines neusten Zuges. Der Giruno ist der neue Vorzeigezug des Thurgauer Eisenbahnbauers, die SBB hat für die Nord-Süd-Achse 29 Stück bestellt.

Was kaum einer weiss: Zuständig für das Design ist das Zürcher Büro Nose Design Experience von Christian Harbeke: Insgesamt vier Jahre lang hat der ETH-Ingenieur und Produktgestalter zusammen mit seinen Mitarbeitern am Design gefeilt – und den Zug innen und aussen gestaltet.

«Ein schöner Zug ist das beste Marketing»

«Ich freue mich riesig auf den Tag, an dem ich ‹meinen› Zug im Zürcher HB neben dem ICE oder dem TGV stehen sehe», sagt Harbeke, als er 20 Minuten in seinem Büro in Zürich empfängt. Er ist sichtbar zufrieden mit dem Resultat.

Es reiche nicht, dass ein Zug nur funktioniere. «Das Design muss die Leute begeistern, sonst kann ich einpacken.» Die Leute müssen sagen: ‹Wow! Mit diesem Zug will ich fahren, egal wohin›.» Ein schöner Zug sei für ein Bahnunternehmen das beste Marketing: Denn während eines Lebenszyklus kämen in einem Zug rund 1,4 Milliarden Passagierstunden zusammen.

Vorschriften setzen dem Design Grenzen

Von der ersten Handskizze über das erste Holzmodell bis zum fertigen Zug ist es ein langer Weg. Dabei piesacken den Designer Tausende Vorschriften und Vorgaben: «Ich muss in einem engen Korsett das Beste herausholen.» Vorgegeben sei etwa die Länge der Knautschzone an der Schnauze oder die Spurbreite. «Beim Giruno konnten wir aber einen leichten Knick im Querschnitt des Fahrzeugs anbringen. Diese gibt den Reisenden mehr Ellbogenfreiheit.» Gleichzeitig müsse man auch die Kosten im Auge behalten.

Auch im Innenraum gibt es unzählige Vorgaben zu berücksichtigen. Harbeke nennt ein Beispiel: «Es ist genau definiert, wie viele Fahrgäste den Bildschirm im Waggon sehen müssen, ohne den Kopf zu drehen.» Die Höhe der Info-Bildschirme beim Eingang ist auf 1,40 Meter festgelegt – damit auch kleingewachsene und kurzsichtige Menschen die Information sehen können.

«Im Flirt 3 sehe ich Peter Spuhler»

Harbeke ist ein Perfektionist, bei dem jedes Detail passen muss. Er mag die klare Formensprache, wie sie beim ICE oder bei der Lok 2000 zu finden ist. Ob ein Zug gelungen sei oder nicht, hänge stark von seinem Gesicht ab – vielfach fühle man sich an Menschen oder Tiere erinnert, so Harbeke. «In der bulligen Front des Flirt 3 sehe ich Peter Spuhler, der selbst auch ein markanter Typ ist», sagt Harbeke. Bei anderen fühle man sich an Tiere erinnert. «Beim Giruno je nach Perspektive an eine Schlange oder Echse.»

Die Ansprüche an das Zugdesign seien je nach Kultur höchst unterschiedlich: Im asiatischen Raum möge man runde Formen: «Es sind richtige Schnügel», sagt er mit leicht ironischem Unterton.

In Aserbaidschan sind Kaffeeflecken egal

Auf solche Vorlieben muss Harbeke Rücksicht nehmen, wenn er Züge für den ausländischen Markt designt. Die Kunden bekommen im Auswahlverfahren jeweils ein Designbuch, in dem verschiedene Vorschläge liebevoll visualisiert werden. Als Stadler Züge nach Aserbaidschan lieferte, redete etwa die Gattin des Machthabers mit. «Sie trägt einen klassischen Stil und ihre Tochter gibt eine Mode-Zeitschrift heraus. So liessen wir uns bei einem Design vom Kleidungsstil der First Lady inspirieren.»

Tatsächlich habe sich Aserbaidschan am Schluss für ein sehr schlichtes Design mit Schwarz und Weiss entschieden. Auf Wunsch des Käufers sei noch etwas Gold ins Spiel gekommen. Man habe sich explizit helle Sitzpolster gewünscht. «Das wäre in der Schweiz schon wegen der Kaffeeflecken undenkbar.»

Auch wenn man nach Schweden exportiert, gibt es Besonderheiten: Beispielsweise muss man zeigen, wie man nach einer Elchkollision beschädigte Teile am Zug leicht ersetzen kann. Harbeke: «Es sind unendlich viele Dinge, auf die man beim Zugdesign achten muss. Diese Herausforderung macht meinen Job so reizvoll.»

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