Beharrlicher und beliebter Finanzminister
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Beharrlicher und beliebter Finanzminister

Der ehemalige Solothurner Bundesrat und Sozialdemokrat Otto Stich ist 85-jährig verstorben. Er war nach einer umstrittenen Wahl von 1984 bis 1995 Finanzminister.

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hag/rme

Alt Bundesrat Otto Stich ist in der Nacht auf Donnerstag mit 85 Jahren gestorben. Zuvor war er öfters krank und musste ins Spital. Nationalratspräsident Hansjörg Walter bestätigte die Nachricht im Bundeshaus. Die Nationalratsmitglieder erhoben sich. Der populäre SP-Politiker, der sich auch aus dem Ruhestand immer wieder zu Wort gemeldet hatte, verstummte in den vergangenen Jahren zusehends.

Otto Stich war während rund vier Jahrzehnten auf der nationalen politischen Bühne präsent. 1963 schaffte er den Sprung in den Nationalrat, wo er sich fortan einen Namen als Finanz- und Wirtschaftsfachmann machte. Im Dezember 1983 – Stich hatte zuvor seinen Rücktritt aus dem Nationalrat erklärt – wurde er überraschend in den Bundesrat gewählt. Offiziell hatte die SP Liliane Uchtenhagen nominiert, doch die bürgerliche Ratsmehrheit wollte keine Frau in die Landesregierung wählen.

Einführung der Mehrwertsteuer

Im Bundesrat übernahm Stich das Finanzdepartement, welchem er von 1984 bis zu seinem Rücktritt 1995 vorstand. Zwei Mal, 1988 und 1994, bekleidete er zudem das Amt des Bundespräsidenten.

Als Finanzminister entwickelte sich der Handelslehrer und promovierte Staatswissenschaftler zum beharrlichen eidgenössischen Kassenwart, den auch seine Gegner respektierten. Der passionierte Pfeifenraucher musste die Trendwende zu hohen Haushaltsdefiziten miterleben, wofür er das Parlament oftmals heftig geisselte.

Mit der Einführung der Mehrwertsteuer erlebte Stich eine grosse Arbeitsbelastung. Nach einem Kollaps an einer Bundesratssitzung musste ihm 1994 ein Herzschrittmacher eingesetzt werden. 1995 warf der vielerorts als stur bis hartnäckig bezeichnete Stich das Handtuch, weil er das bundesrätliche Budget wegen Differenzen in der Buchführung nicht mittragen wollte. (hag/rme/sda)

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