Tierfreundin klagt: «Behinderte Hunde sind noch immer ein Tabu»

Publiziert

Tierfreundin klagt«Behinderte Hunde sind noch immer ein Tabu»

Viele Menschen sind im Umgang mit behinderten Hunden überfordert. Jetzt organisiert ein Verein in Zürich erstmals einen Handicap Day, um aufzuklären.

von
num
1 / 5
Rosa, die vierjährige Hündin im Rollstuhl.

Rosa, die vierjährige Hündin im Rollstuhl.

ZVG
«Rosa geniesst ihr Leben und flitzt fröhlich herum», sagt ihr Frauchen Susanne Karrer.

«Rosa geniesst ihr Leben und flitzt fröhlich herum», sagt ihr Frauchen Susanne Karrer.

Vanessa Barmettler
Da Rosa inkontinent ist, muss Karrer vier Mal pro Tag mit ihr auf die Wiese gehen. Gehe sie mit ihr zu jemandem auf Besuch, trage Rosa eine Windel.

Da Rosa inkontinent ist, muss Karrer vier Mal pro Tag mit ihr auf die Wiese gehen. Gehe sie mit ihr zu jemandem auf Besuch, trage Rosa eine Windel.

Vanessa Barmettler

Rosa ist vier Jahre alt und sitzt im Rollstuhl. Bei einem Autounfall hatte sich die Hündin beide Hinterbeine und einen Rückenwirbel gebrochen. Susanne Karrer, Präsidentin des Vereins für behinderte Hunde, adoptierte sie aus einem Tierheim in Rumänien.

Selbst als klar war, dass Rosa nie wieder würde laufen können, entschied sich Karrer dagegen, den Vierbeiner einzuschläfern, und suchte nach Informationen zu behinderten Hunden. «Ich merkte, dass die Schweiz in dieser Beziehung Brachland ist», sagt Karrer. Deshalb gründete sie im März mit zwei anderen Frauen den Verein. Am Sonntag, 30. August, führt dieser den ersten Handicap-Tag für Hunde in Zürich-Affoltern durch. Ziel sei, der Öffentlichkeit den Umgang mit behinderten Hunden näherzubringen, sagt Karrer.

«Wir kämpfen für mehr Akzeptanz»

Karrer ist sich bewusst, dass behinderte Hunde ein heikles Thema sind: Gerade weil für einige Menschen das «Funktionieren» des Tieres im Vordergrund steht und diese von Tierquälerei sprechen würden, wenn sie einen Hund im Rollstuhl sähen. «Behinderte Hunde sind in der Bevölkerung ein Tabuthema und wir kämpfen für mehr Akzeptanz.»

So habe sie sich auch den einen oder anderen Kommentar von anderen Spaziergängern anhören müssen. «Die meisten schauen aber irgendwie peinlich berührt weg», sagt Karrer. Kinder hätten im Gegensatz dazu keine Berührungsängste. «Sie stellen Fragen und dann kann ich ihnen erklären, warum mein Hund im Rollstuhl ist.»

Wenn Tierliebe zu weit geht

Rosa tolle herum, sei aktiv und lebensfroh und leide nicht unter ihrer Behinderung, sagt Karrer. Das sei nicht aber nicht bei allen Tieren so: «Es ist vergleichbar mit einem Hund, der alt wird und unter Altersgebrechen leidet.» Irgendwann müsse man auch loslassen können, wenn das Tier sein Leben nicht mehr geniessen könne – und es erlösen.

Diesen Zeitpunkt zu bestimmen – oder den Haltern schonend beizubringen – ist auch für Tierärzte nicht immer einfach. Piero Godenzi, Tierarzt in Schaffhausen, lässt den Kunden zwar die Entscheidungsfreiheit, aber er führt dem Kunden auch vor Augen, wenn das Weiterleben des Tieres an Tierquälerei grenzt. «Ich musste gerade erst gestern eine Katze einschläfern, die ihre Hinterbeine nicht mehr bewegen konnte.»

«Kein würdevolles Leben mehr»

Godenzi sagt: «Wenn das Tier seine Blase und den Darm nicht mehr kontrollieren kann, wenn der Halter die Ausscheidungen rausmassieren muss – da ist für mich eine Grenze erreicht.» Dasselbe halte er von gelähmten Tieren. «Ein Hund, der seine Hinterbeine nicht mehr bewegen kann, kann meiner Meinung nach kein würdevolles Leben mehr führen.» Er berate aber die Besitzer und verweise sie an Spezialisten, falls sie noch mehr für ihr Tier tun wollen.

Unter einer Behinderung versteht der Verein auch blinde, gehörlose Tiere oder Hunde, denen ein Bein amputiert werden musste. Tierarzt Godenzi sagt: «Hunde können sich an Blind- oder Taubheit gewöhnen, sie kommunizieren dann einfach anders mit ihrem Halter.» Während das Fehlen eines Beines für eine Katze problemlos sei, komme es beim Hund auf die Körpergrösse an. «Da muss man von Fall zu Fall entscheiden.»

Behandlungen wie für den Mensch

Hat der Besitzer genügend Geld, kann er seinem Hund beinahe eine ärztliche Behandlung wie für einen Menschen verschaffen. Es gibt Physiotherapie, Krebsbehandlungen durch Chemotherapie, künstliche Hüftgelenke, endoskopische Untersuchungen, Psychopharmaka. Auch Zahnkorrekturen oder gar Schönheitsoperationen gibts im Angebot: Zum Beispiel das Wegoperieren von Falten im Gesicht, die die Augen bedecken. Das geht ins Geld: Laut Bundesamt für Statistik gaben Schweizer im Jahr 2012 insgesamt 1,5 Milliarden Franken für ihre Haustiere aus.

Deine Meinung