Lebenslänglich für Täter?: Behinderter misshandelt
Aktualisiert

Lebenslänglich für Täter?Behinderter misshandelt

An Neujahr 2009 trampelte der damals 18-jährige Sandro S.* minutenlang auf dem Gesicht eines gehbehinderten Mannes herum. Heute steht er wegen versuchten Mordes vor Gericht.

von
Désirée Pomper

Andreas P.* (46) hofft auf Gerechtigkeit – seinem Peiniger wird heute im Bezirksgericht Zürich der Prozess gemacht. Der eingebürgerte Sohn eines Marokkaners und einer Französin ist wegen versuchten Mordes angeklagt. Laut Anklageschrift wird dem zum Tatzeitpunkt 18-jährigen Sandro S.* vorgeworfen, am 1. Januar 2009 um 3 Uhr beim Bellevue in Zürich dem gehbehinderten Andreas P. «aus reiner Freude an Gewalt» fast zwei Minuten lang immer wieder kräftig mit beiden Füssen auf dem Gesicht herumgestampft zu haben, «als würde er etwas zertreten wollen». Den Tod des Geschädigten habe der Angeklagte dabei in Kauf genommen, heisst es weiter. Es ist das erste Mal in der Schweiz, dass bei einem solchen Fall dem Täter nicht versuchte Tötung, sondern versuchter Mord vorgeworfen wird.

«Am Anfang habe ich mir gewünscht, die Täter wären tot. Jetzt hoffe ich, sie erhalten eine gerechte Strafe», so der Geschädigte. Andreas P.s Gesicht und sein Schädel werden durch mehrere Platten zusammengehalten; er leidet unter starken Gesichtsschmerzen, Angstzuständen und Schlafproblemen. Zudem hat er sein Kurzzeitgedächtnis verloren. Das Schicksal hatte Andreas P. nicht das erste Mal heimgesucht: Seit einem Töff­unfall hat er Schwierigkeiten beim Gehen und ist auf einen rollstuhlähnlichen Scooter angewiesen. Andreas P.s Anwalt Martin Hablützel will sich heute dem von der Staatsanwaltschaft geforderten Strafmass anschliessen. Wird Sandro S. wegen versuchten Mordes verurteilt, könnte ihm sogar eine lebenslängliche Strafe drohen.

20 Minuten: Anouar*, du und dein Bruder wart mit von der Partie, als Sandro* am Bellevue in Zürich einen Behinderten verprügelte. Was ist genau passiert?

Es war Neujahr und wir haben am See Jack Daniel's getrunken. Ich habe mich auf den Stuhl (es handelte sich um einen rollstuhlähnlichen Scooter des Opfers, Anm. d. Red.) gesetzt. Plötzlich ist Herr P. aufgetaucht, hat mich an der Schulter gepackt und wollte mich wegweisen. Dann griff Sandro ein. Er ist wie mein grosser Bruder und wollte mich einfach nur beschützen.

Sandro soll dem Opfer bis zu zwei Minuten lang immer wieder auf dem Kopf herumgestampft sein.

Ich erinnere mich nicht mehr genau. Wir waren alle sehr betrunken. Irgendwann haben wir Sandro weggezogen.

Was hast du gedacht, als du das Foto des schwer verletzten Mannes gesehen hast?

Sein Gesicht war völlig demoliert. Das hat mir leid getan. Aber wenn man bei einer Schlägerei drunterkommt, kann es schon sein, dass man sich ein blaues Auge oder eine Platzwunde holt. Das ist mir auch schon passiert. Dennoch bereuen wir den Vorfall. Hätten wir nicht getrunken, wäre das alles nicht passiert.

*Namen der Redaktion bekannt

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