Astroturfing aus Basel: Behörden pfuschen an Wikipedia-Einträgen herum
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Astroturfing aus BaselBehörden pfuschen an Wikipedia-Einträgen herum

290-mal in den letzten fünf Jahren wurden Artikel der Online-Enzyklopädie Wikipedia von Computern der Verwaltung aus verändert. Die «Ergänzungen» waren nicht immer neutral.

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Baselstädtische Behörden machen sich regelmässig an Wikipedia-Artikeln zu Schaffen. Dabei bleiben sie nicht immer neutral.

Baselstädtische Behörden machen sich regelmässig an Wikipedia-Artikeln zu Schaffen. Dabei bleiben sie nicht immer neutral.

Screenshot Wikipedia

Das Phänomen heisst Astroturfing und ist im englischsprachigen Raum bestens bekannt: Es beschreibt die Manipulation von öffentlich zugänglichen und angeblich neutralen Informationen durch Politik und PR. Die Online-Enzyklopädie Wikipedia ist ein beliebtes Ziel für solche Eingriffe. Recherchen der «BZ Basel» haben ergeben, dass die baselstädtischen Behörden in den letzten fünf Jahren gleich 290 mal in die Tasten gehauen haben, um Einträge auf der Plattform zu ändern.

Das allein ist an sich kein Problem. «Wenn Verwaltungsmitarbeiter auf Wikipedia Fehler korrigieren oder Einträge in neutraler Sprache durch fehlende Fakten ergänzen, freut uns das», sagt Micha Rieser, Vorstandsmitglied von Wikimedia Schweiz, gegenüber der Zeitung. Heikel werde es dann, wenn die vorgenommenen Änderungen klar eine Agenda widerspiegeln.

Digitales «Nachtreten»

So habe ein Regierungsmitarbeiter auf Wikipedia scharf gegen Marie-Paule Jungblut, ehemalige Direktorin des Historischen Museums (HMB), geschossen – und das im Eintrag über sie. Jungblut hatte in ihrer Zeit als Leiterin der Institutionen bis Herbst 2015 Schwächen im Personal- und Finanzmanagement an den Tag gelegt, wodurch das Museum in finanzielle Schieflage geriet. Der Beamte formulierte es auf Wikipedia so: Jungblut habe «ein nicht unerhebliches Finanzloch verursacht» und «dennoch eine hohe Abgangsentschädigung kassiert».

Für die Korrektoren von Wikipedia ging das zu weit. Laut der BZ hätten sie die Änderung widerrufen und den Hinweis auf Jungbluts Abgang vom HMB neutraler ausgedrückt: «Jungblut wurde hinsichtlich der finanziellen Verfassung des Historischen Museums in der Presse kritisiert».

Unbeholfenheit oder böse Absicht?

Wirklich böswillig seien die meisten Änderungen nicht, so Rieser. Tatsächlich entpuppten sich viele als schlichte Ungeschicklichkeit seitens derer, die die Änderungen vornehmen würden. «Es fällt allgemein auf, wie unbeholfen viele PR-Leute mit der Sprache in Wikipedia-Einträgen umgehen, insbesondere in der Schweiz», hält Rieser fest. Ihnen sollte klar sein, dass die eynzklopädischen Artikel nicht deckungsgleich mit dem eigenen Internetauftritt sein könnten.

So sei die Sammlung des Basler Kunstmuseums plötzlich «weltberühmt» gewesen. Auch dieses schmeichelnde Adjektiv passte für die Wikipedia-Mitarbeiter nicht zum Ton des digitalen Nachschlagewerks und wurde kurzerhand wieder entfernt. Laut der BZ wurde die Formulierung wortwörtlich von der Webseite des Museums übernommen.

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