Biontech-Impfstoff – Schweizer Behörden prüfen Zusammenhang mit Herzmuskelentzündungen
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Auch Fälle in der SchweizBehörden prüfen, ob Biontech-Impfstoff Herzmuskelentzündungen auslöst

In Israel sind nach Impfung mit dem Pfizer/Biontech-Impfstoff Dutzende Fälle von Herzmuskelentzündungen aufgetreten. Ob ein Zusammenhang besteht, ist unklar. Es sind auch andere Erklärungen möglich.

von
Fee Anabelle Riebeling
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Israel ist weltweit führend beim Impfen gegen die Pandemie. Fast 60 Prozent der 9,3 Millionen Einwohner des Landes haben bislang den Impfstoff Comirnaty von Pfizer/Biontech erhalten.

Israel ist weltweit führend beim Impfen gegen die Pandemie. Fast 60 Prozent der 9,3 Millionen Einwohner des Landes haben bislang den Impfstoff Comirnaty von Pfizer/Biontech erhalten.

REUTERS
Die hohe Impfrate zeigt bereits Wirkung. So ist die Zahl der wöchentlichen Neuinfektionen mit Sars-CoV-2 von im Januar 2020 etwa 600 Neuansteckungen pro 100’000 Einwohner pro Woche auf mittlerweile elf gesunken. (Im Bild: Menschen ohne Masken – es besteht keine Maskenpflicht mehr im Freien.)

Die hohe Impfrate zeigt bereits Wirkung. So ist die Zahl der wöchentlichen Neuinfektionen mit Sars-CoV-2 von im Januar 2020 etwa 600 Neuansteckungen pro 100’000 Einwohner pro Woche auf mittlerweile elf gesunken. (Im Bild: Menschen ohne Masken – es besteht keine Maskenpflicht mehr im Freien.)

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Gleichzeitig machen Meldungen die Runde, wonach es in dem Land nach Impfungen des Pfizer/Biontech-Vakzins zu Dutzenden Fällen von Herzmuskelentzündungen gekommen ist.  

Gleichzeitig machen Meldungen die Runde, wonach es in dem Land nach Impfungen des Pfizer/Biontech-Vakzins zu Dutzenden Fällen von Herzmuskelentzündungen gekommen ist.

20min/Marco Zangger

Darum gehts

  • In Israel sind nach Impfungen mit dem Pfizer/Biontech-Vakzin Dutzende Fälle von Herzmuskelentzündungen aufgetreten.

  • Das Gesundheitsministerium in Israel hat Untersuchungen eingeleitet.

  • Auch in Deutschland und der Schweiz gibt es Fälle.

  • Noch ist offen, ob zwischen Impfung und Erkrankung ein Zusammenhang besteht.

Bei den Impfstoffen von AstraZeneca und Johnson & Johnson sind es die seltenen, aber schweren Sinusvenenthrombosen, die zu nachträglichen Überprüfungen geführt haben. Bei dem Vakzin von Pfizer/Biontech sind es nun Herzmuskelentzündungen. Diese, auch Myokarditis genannten, Probleme sind Berichten aus Israel zufolge vor allem bei Männern unter 30 Jahren aufgetreten.

Das israelische Gesundheitsministerium hat die Untersuchung aufgenommen. Einer vorläufigen Studie zufolge geht es um «Dutzende von Fällen», bei mehr als fünf Millionen Geimpften in dem Land. Diese seien hauptsächlich nach der zweiten Impfdosis aufgetreten, sagte Nachman Ash, der israelische Koordinator für die Pandemiebekämpfung, am Freitag dem israelischen Fernsehsender Channel 12.

Myokarditis?

Eine Myokarditis ist eine Entzündung des Herzmuskels, die bevorzugt Männer betrifft und sowohl akut als auch chronisch verlaufen kann. Im Rahmen dieser Entzündung kommt es zu einer Schädigung von Herzmuskelzellen. Die Pumpfunktion des Herzens wird gestört.

Die Symptome einer Myokarditis sind zu Beginn unspezifisch. Betroffene klagen mitunter über Müdigkeit, Schwäche, grippeähnlichen Beschwerden wie Fieber, Gliederschmerzen und Abgeschlagenheit oder Herzrasen. Daher ist sie nur schwer zu erkennen, was eine rasche Diagnose schwierig macht. Das ist aber wichtig. Denn unbehandelt kann die Entzündung zu Herzschwäche oder Herzrhythmusstörungen führen, selten kommt es auch zum plötzlichen Herztod. In den meisten Fällen heilt die Entzündung aber folgenlos aus.

«Keine Hinweise auf einen Zusammenhang»

Konkret geht es um 62 Fälle: Bei 55 Betroffenen handelt es sich um Männer zwischen 18 und 30 Jahren. Die meisten Patienten seien mittlerweile in gutem Zustand aus dem Spital entlassen worden. Zwei Personen allerdings – eine 22-jährige Frau und ein 35-jähriger Mann – seien verstorben. Sie hatten offenbar keine Vorerkrankung. Noch ist unklar, ob die Herzmuskelentzündungen tatsächlich auf die Impfungen zurückzuführen sind.

Hersteller Pfizer erklärte gegenüber der Nachrichtenagentur Reuters, man habe in seinen Studien keine höhere Myokarditis-Rate beobachtet – auch aus anderen Teilen der Welt sei diese bislang nicht berichtet worden: «Es gibt derzeit keine Hinweise darauf, dass Myokarditis ein Risiko im Zusammenhang mit der Anwendung des Covid-19-Impfstoffs von Pfizer/Biontech darstellt.»

Swissmedic prüft Fälle in der Schweiz

Zumindest dem ersten Teil der Aussage der US-Firma widersprechen Erfahrungen aus der Schweiz. Auf Nachfrage von 20 Minuten teilt das Schweizerische Heilmittelinstitut Swissmedic mit, ebenfalls Kenntnis «von wenigen Einzelfällen von Myokarditis» zu haben. «Diese sind zurzeit in Abklärung.» Mehr könne man zum jetzigen Zeitpunkt nicht dazu sagen. Auch in Deutschland sind sieben solcher Fälle bekannt.

Noch deutlicher äussern sich die Autoren der Studie aus Israel. «Zum jetzigen Zeitpunkt besteht der Eindruck einer höheren Zahl von Herzmuskelentzündungen als erwartet, vor allem für die Altersgruppe bis 30 Jahre», zitiert die «Jerusalem Post» die Forschenden. Ihnen zufolge könnte das Risiko für die gesamte Bevölkerung demnach 1:100’000 betragen, für junge Männer aber könnte es bei 1:20’000 liegen.

Mögliche Erklärungen

Eine Myokarditis kann verschiedene Ursachen haben. «Am häufigsten wird die Herzmuskelentzündung von Viren verursacht», informieren die Hirslanden Kliniken in Zürich. Auch von Sars-CoV-2 ist bekannt, dass es den Herzmuskel schädigen kann. Neben Viren kommen aber auch Bakterien, Pilze, rheumatische Erkrankungen, Bestrahlungen oder gewisse Medikamente als Auslöser in Frage. Je nach Ursache sei die Rede von einer infektiösen oder nicht-infektiösen Myokarditis.

Sport kann ebenfalls dazu führen – wenn man diesen betreibt, obwohl man noch an einem grippalen Infekt, einer Erkältung oder Magen-Darm-Problemen leidet. «Das Risiko, dass die Krankheitserreger Herzmuskel und Herzgefässe angreifen, besteht vor allem dann, wenn man seinem Körper nach einem Infekt nicht genügend Zeit lässt, sich zu erholen», erklärt Christian «The Doc» Gingert. Entsprechend wichtig sei es, sich immer ordentlich auszukurieren.

Auch eine Impfung könnte zu einer Myokarditis führen, so Christine Falk, Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Immunologie und Professorin an der Medizinischen Hochschule in Hannover zur «Süddeutschen Zeitung»: Herzmuskelentzündungen treten auch durch Autoimmunreaktionen auf. Eine entgleiste Immunreaktion könne somit dazu führen, dass es zu entzündlichen Prozessen im Herzmuskel und den umgebenden Geweben und Blutgefässen kommt.

Worauf die in Israel, Deutschland und der Schweiz dokumentierten Herzmuskelentzündungen also tatsächlich zurückzuführen sind, werden erst die Untersuchungen zeigen.

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