Öffnungszeiten: «Behördengänge während Arbeitszeit sind erlaubt»
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Öffnungszeiten«Behördengänge während Arbeitszeit sind erlaubt»

20-Minuten-Leser ärgern sich über die Öffnungszeiten von Ämtern. Auch FDP-Nationalrat Thierry Burkart fordert mehr Kundenfreundlichkeit.

von
B. Zanni
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Die Öffnungszeiten von Ämtern bringen berufstätige Schweizer oft auf die Palme. Viele User solidarisieren sich in den sozialen Medien mit einem Meme, das den frühen Feierabend bei öffentlichen Ämtern anprangert. Auch 20-Minuten-Leser kämpfen damit (siehe Bildstrecke). Mehr als die Hälfte einer nicht repräsentativen Leser-Umfrage mit rund 5000 Teilnehmern ist der Ansicht, dass die Öffnungszeiten der Schalter von Gemeinden, Post, Bank etc. nicht kundenfreundlich sind. Leser Mike Steiner macht deshalb darauf aufmerksam: «Behördengänge während der Arbeitszeit sind erlaubt.»

Liberale Politiker wollen nun an den starren Zeiten rütteln. «Es wäre kundenfreundlicher, wenn Ämter ihre Schalter auch ausserhalb der klassischen Bürozeiten öffnen würden», sagt FDP-Nationalrat und Rechtsanwalt Thierry Burkart. Mindestens einmal oder zweimal pro Woche müssten Kunden die Möglichkeit haben, bis 19 Uhr abends einen Schalter zu besuchen. Auch empfehle er den Ämtern abzuklären, ob bei den Kunden ein Bedürfnis bestehe, über Mittag vorbeizukommen.

Auf längere Frist würden die Öffnungszeiten aber immer weniger wichtig, räumt Burkart ein. «Sobald die Gemeinden, Post und Bank ihre Dienstleistungen digital ausgebaut haben und diese auch kundenfreundlich sind, wird das Bedürfnis nach weniger starren Schalteröffnungszeiten zurückgehen.»

Banken haben länger offen

Die Zürcher Kantonalbank ZKB hat auf die Bedürfnisse bereits reagiert. «Seit September 2017 haben wir bei 10 ausgewählten Filialen im Rahmen eines Testbetriebs die Öffnungszeiten bis auf Weiteres erweitert», sagt Mediensprecher Yannik Primus. Die Filiale Zürich-City habe zum Beispiel von 9 bis 18 Uhr geöffnet.

Auch Gemeindevertreter haben Verständnis für die Situation. «Wir können nachvollziehen, dass Schalteröffnungszeiten allgemein – also nicht nur diejenigen der Gemeinden – ein Problem für Berufstätige sein können», sagt Reto Lindegger, Direktor des Schweizerischen Gemeindeverbandes. Allerdings böten bereits viele Gemeinden einen umfassenden Online-Schalter an. Das Angebot wird laut Lindegger fortlaufend erweitert. «Beispielsweise nehmen alle Zürcher Gemeinden am Projekt ‹eUmzug› teil. Im Kanton Zürich ist auch das Projekt ‹eBaugesucheZH› lanciert worden.»

Individuelle Termine

Lindegger erwähnt zudem, dass bereits heute einige Gemeindeverwaltungen längere Schalteröffnungszeiten anbieten. «Sodass auch Pendler nicht vor einem geschlossenen Schalter stehen.» Wie lange die Schalter geöffnet seien, hänge von der jeweiligen Nachfrage in der jeweiligen Gemeinde ab und liege in deren Ermessen.

Kunden, die es nicht schaffen, während der Öffnungszeiten vorbeizukommen, rät Lindegger, ihr Anliegen zum Beispiel via E-Mail darzulegen oder einen Termin zu vereinbaren. Dazu verweist er etwa auf die Gemeinden Sarmenstorf im Kanton Aargau und Eglisau im Kanton Zürich. Diese schreiben, dass auch Termine ausserhalb der Schalterzeiten vereinbart werden können.

Filialen mit Partner haben länger offen

Auch die Schweizerische Post ist flexibel. Jacqueline Bühlmann, Mediensprecherin der Schweizerischen Post, macht darauf aufmerksam, dass immer weniger Kunden die Filialen nutzen. «Und wenn sie vorbeikommen, erledigen sie weniger Postgeschäfte als früher.»

Die Öffnungszeiten der traditionellen Postfilialen würden unter Berücksichtigung regionaler Begebenheiten ausgestaltet und individuell festgelegt. «Alternativen mit langen Öffnungszeiten bieten die Filialen mit Partner, die im Durchschnitt doppelt so lange Ladenöffnungszeiten haben.» My Post24-Automaten seien ausserdem sieben Tage die Woche rund um die Uhr bedienbar.

Haben Beamte zu viel Freizeit?

Einige Schweizer stören sich aber auch an den starren Öffnungszeiten, weil sie glauben, dass die Beamten zu viel Freizeit haben. Solche Vorurteile sind laut Burkart fehl am Platz. «Schalteröffnungszeiten sind nicht gleichzusetzen mit den eigentlichen Arbeitszeiten», sagt er. Bei geschlossenen Schaltern arbeiteten die Beamten im Hintergrund und erledigten Administrativarbeiten.

Das türkische Konsulat in Zürich sticht mit einer nur vierstündigen Öffnungszeit, von 9 bis 13 Uhr, heraus. Ob das Konsulat für grosszügigere Öffnungszeiten offen wäre, konnte die Redaktion nicht in Erfahrung bringen: Die telefonische Anfrage von 20 Minuten ging erst um 14 Uhr ein.

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