Wahlumfrage: Darum schneidet Berset beim Volk trotz allem am besten ab

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WahlumfrageDarum schneidet Berset beim Volk trotz allem am besten ab

Bundesrat Alain Berset bekommt bessere Noten als seine Bundesratskollegen – Negativschlagzeilen zum Trotz. Experten sagen, warum.

von
Claudia Blumer
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Innenminister Alain Berset bekommt von der Bevölkerung die beste Note für seine Arbeit: 4,1. Schon bei der letzten Wahlumfrage von 20 Minuten und Tamedia hat er das Ranking angeführt.
Tamedia

Innenminister Alain Berset bekommt von der Bevölkerung die beste Note für seine Arbeit: 4,1. Schon bei der letzten Wahlumfrage von 20 Minuten und Tamedia hat er das Ranking angeführt.
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FDP-Nationalrätin Doris Fiala führt es auf die Corona-Politik zurück, für die er als Gesundheitsminister am stärksten in der Verantwortung gewesen sei. Tatsächlich beurteilen 75 Prozent der Umfrageteilnehmenden die Covid-Politik in der Schweiz als gut oder eher gut. Im Bild: Medienkonferenz im Frühling 2020.

FDP-Nationalrätin Doris Fiala führt es auf die Corona-Politik zurück, für die er als Gesundheitsminister am stärksten in der Verantwortung gewesen sei. Tatsächlich beurteilen 75 Prozent der Umfrageteilnehmenden die Covid-Politik in der Schweiz als gut oder eher gut. Im Bild: Medienkonferenz im Frühling 2020.

Reuters
Kommunikationsfachmann und Blogger Manfred Messmer sieht zwei Faktoren, die zu Bersets Beliebtheit beitragen: Private Enthüllungsstorys weckten im Volk einen Solidaritätsreflex. Zudem gebe es eine Faszination für einen Bundesrat, der locker auftrete und sich gut kleide, sagt er. «Früher hätte man ihn als Macho bezeichnet. Das ist veraltet. Er ist einfach ein vitaler Typ.»

Kommunikationsfachmann und Blogger Manfred Messmer sieht zwei Faktoren, die zu Bersets Beliebtheit beitragen: Private Enthüllungsstorys weckten im Volk einen Solidaritätsreflex. Zudem gebe es eine Faszination für einen Bundesrat, der locker auftrete und sich gut kleide, sagt er. «Früher hätte man ihn als Macho bezeichnet. Das ist veraltet. Er ist einfach ein vitaler Typ.»

privat

Darum gehts

4,1 ist nur knapp genügend - doch es ist die beste Note, welche die Bevölkerung unter den Bundesratsmitgliedern verteilt. Innenminister Alain Berset (SP) macht seine Arbeit am besten, wenn es nach den Befragten der zweiten Wahlumfrage von 20 Minuten und Tamedia geht. Schon bei der ersten Umfrage im Dezember 2021 hat Berset das Ranking angeführt.

Die Negativschlagzeilen tun seiner Popularität offenbar keinen Abbruch: die private Beziehung, die Notlandung als Hobbypilot in Frankreich, Vorwürfe wegen Informationslecks in seinem Departement und vor wenigen Tagen die Antennen-Geschichte.

«Das Privatleben ist tabu»

Kommunikationsexperte Manfred Messmer sagt: «Es gibt einen grossen Unterschied zwischen einem medialen Skandal und dem, was die Allgemeinheit als Skandal empfindet.» Bei einer privaten Affäre sei zwar das Interesse gross, gleichzeitig aber auch der Reflex: «So etwas gehört doch nicht in die Öffentlichkeit.» Bei solchen Geschichten gebe es einen Solidaritätsreflex, weil das Privatleben von Politikern und Wirtschaftsführern tabu sei, sagt Messmer.

Auch die Piloten-Affäre habe ihm alles andere als geschadet. «Die Reaktion der Leute war: Was, der Typ fliegt? Das hab ich nicht gewusst! Dann war auch noch ‘Top Gun’ in den Charts. Es hat perfekt gepasst.» Auch die Antennen-Geschichte nütze Berset eher, als ihm zu schaden. «Er will keine Antenne vor dem Haus - wer versteht das nicht?»

Zudem hätten die Leute eine Faszination für einen Politiker, der locker auftritt und sich besser kleidet als Führungspersonen seines Alters. «Früher hätte man Berset als Macho bezeichnet. Das ist veraltet. Er ist einfach ein vitaler Typ, ein moderner Politiker. Von dieser Sorte gibt es nicht viele in der Schweiz.»

«Sepp-Blatter-Schema: Kopf runter und Mund halten»

Roger Huber, Inhaber eines Kommunikationsbüros, sagt: «Bei Alain Berset spielt der Hollywood-Effekt. Er zieht sich gut an, sieht gut aus, ist rhetorisch gut, hat Charme.» Was die Skandale angeht, spricht Huber vom Sepp-Blatter-Schema: «Kopf runter und Mund halten. Egal, wie der Vorwurf lautet, nach ein paar Tagen interessiert es niemanden mehr.» Es sei der grösste Irrtum in der Krisenkommunikation, dass Angegriffene meinen, die Dinge richtigstellen zu müssen, sagt Huber. «Damit befeuern sie nur die Berichterstattung.»

Die Medien fokussierten heute sehr stark auf Personen und Skandale, sagt Roger Huber. «Die Bevölkerung erreichen sie damit oft nicht.» Gleichzeitig führe diese Berichterstattung dazu, dass sich immer weniger Leute für die Politik zur Verfügung stellten, das wisse er aus Gesprächen mit Ex-Politikern und -Politikerinnen und Wirtschaftsbossen. «Stellen Sie sich vor, was so eine publik gewordene Affäre für Frau und Kinder bedeutet. Da überlegt sich manch einer, ob er dieses Risiko eingehen will.»

«Leute sagen sich: Who cares?»

SP-Fraktionschef Roger Nordmann freut sich über das Umfrage-Resultat, nachdem er sich in den letzten Monaten geärgert hat über die Berichterstattung gegen seinen Parteikollegen. «Es gibt offensichtlich Leute, die ihm schaden wollen und mit Geschichten bei den Medien hausieren gehen.» Medien hätten eine «morbide Faszination für Privat-Storys», sagt Nordmann. Doch offensichtlich seien diese für die Bevölkerung mässig spannend. «Die Leute lesen das und sagen sich: Who cares?»

Auch Nordmann sagt: «Wenn Medien weiterhin so gegen Politikerinnen und Politiker schiessen, werden sich keine guten Leute mehr für politische Ämter zur Verfügung stellen, sondern nur noch Dummköpfe, Egomanen und Narzissten.»

FDP-Nationalrätin Doris Fiala führt Bersets gute Noten auf die Corona-Politik zurück. «Die Schweiz hat die Pandemie vergleichsweise gut gemeistert, andere Länder hatten viel grössere Probleme. Hier trug Berset die Hauptverantwortung, das spiegelt sich in diesem Umfrageresultat.» Tatsächlich beurteilen laut der Wahlumfrage 75 Prozent die Corona-Politik der Schweiz als gut oder eher gut.

Was die Negativschlagzeilen betrifft, sagt Fiala: «Vielleicht machen genau diese persönlichen Geschichten ihn menschlich. Perfektion ist nicht unbedingt sympathisch.»

«Politiker wollen beliebt sein»

Anders sieht es SVP-Nationalrat Gregor Rutz. «Das freut mich für Alain Berset. Trotzdem wäre es mir lieber, er würde sich etwas mehr auf seine Arbeit als Politiker konzentrieren. Im gesundheitspolitischen Bereich haben wir offene Fragen, die dringendst gelöst werden müssen.» Das Dilemma bei Politikern und Politikerinnen sei oft, dass sie beliebt sein wollten, «obwohl die Arbeit zählen müsste, die auch unpopuläre Entscheide erfordert». 

Warum bekommt Alain Berset
die besten Noten?


Zufriedenheit mit Politik hat abgenommen

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