Ekel-Geständnis: Bei Amazon pinkeln die Fahrer in Flaschen
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Ekel-GeständnisBei Amazon pinkeln die Fahrer in Flaschen

Zu wenig Zeit für die Toilette – Bei Amazon sind die Arbeitsbedingungen besonders hart. Der Konzern macht sich über Pinkel-Vorwürfe lustig und rudert dann zurück.

von
Fabian Pöschl
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Amazon-Mitarbeitende leiden unter Arbeitsstress.

Amazon-Mitarbeitende leiden unter Arbeitsstress.

Amazon
Die Kuriere haben oft keine Zeit, um aufs Klo zu gehen und pinkeln stattdessen in Flaschen.

Die Kuriere haben oft keine Zeit, um aufs Klo zu gehen und pinkeln stattdessen in Flaschen.

Amazon
Das warf der US-Kongressabgeordnete Mark Pocan dem Konzern vor.

Das warf der US-Kongressabgeordnete Mark Pocan dem Konzern vor.

REUTERS

Darum gehts

  • Ein US-Politiker wirft Amazon vor, dass die Mitarbeiter so gestresst sind, dass sie in Flaschen pinkeln müssen.

  • Der Milliarden-Konzern weist dies zuerst zurück und gibt es dann doch zu.

  • Amazon bittet um Entschuldigung – aber nicht bei seinen Lieferfahrern, sondern beim Politiker.

Die Arbeitsbedingungen bei Amazon sind berüchtigt. Mitarbeitende und Gewerkschaften machen regelmässig mit Streiks auf tiefe Löhne und permanenten Arbeitsstress aufmerksam. Der neue Amazon-Chef wollte deshalb das Image des Versandhändlers aufpolieren und sagte: «Wir bieten tatsächlich einen fortschrittlichen Arbeitsplatz. Wir sind wie der Bernie Sanders der Arbeitgeber.»

Das kam auf Twitter nicht gut an. Mit den grossen Tönen bot der Amazon-Chef Kritikern eine Steilvorlage. Der US-Kongressabgeordnete Mark Pocan aus Wisconsin twitterte etwa: «Wenn man Arbeitern 15 Dollar pro Stunde zahlt, ist man kein ‹fortschrittlicher Arbeitsplatz›, wenn man Gewerkschaften zerschlägt und Arbeiter in Wasserflaschen urinieren lässt.»

Die PR-Abteilung des Versandhändlers antwortete dem Politiker umgehend – und wies die Pinkel-Story zurück. «Sie glauben doch nicht wirklich an die Sache mit dem Pinkeln in Flaschen, oder? Wenn das wahr wäre, würde niemand für uns arbeiten», heisst es in einem Tweet.

Amazon rudert zurück

Doch Amazon hat die Rechnung ohne ihre Lieferkuriere gemacht, um die es ja schliesslich geht. Zahlreich meldeten sie sich zu Wort und bestätigten, dass sie im Arbeitsstress durchaus schon eine Flasche fürs Pinkeln genutzt hätten, wie «Reuters» berichtet.

Nun musste Amazon zurückrudern und bestätigte in einem Blog das Ekel-Problem. Die Firma schreibt: «Wir wissen, dass Fahrer wegen des Verkehrs oder auf ländlichen Routen Schwierigkeiten haben können, Toiletten zu finden. Dies war besonders der Fall während Covid, als viele öffentliche Toiletten geschlossen wurden.»

Amazon schiesst ein Eigengoal

Amazon wolle das Problem lösen, wisse aber noch nicht wie. Gleichzeitig bat das Milliarden-Unternehmen beim US-Abgeordneten um Entschuldigung. Man habe ein «Eigengoal» geschossen, als man seine Andeutung zurückwies und fügte hinzu, die vorige Antwort habe sich nur auf Mitarbeiter in den Lagerhäusern und in den Zentren bezogen. Dort gebe es jeweils Dutzende Toiletten und die Mitarbeiter könnten sich jederzeit vom Arbeitsplatz entfernen.

Pocans Antwort auf die Bitte um Entschuldigung begann mit einem Seufzer. Er schrieb: «Hier geht es nicht um mich, hier geht es um Ihre Arbeiter - die Sie nicht mit genügend Respekt und Würde behandeln.» Amazon solle die unzureichenden Arbeitsbedingungen anerkennen, die das Unternehmen für alle seine Angestellten geschaffen habe und in Ordnung bringen.

Ausserdem forderte der Kongressabgeordnete Pocan, dass sich die Mitarbeitenden von Amazon ohne Einmischung gewerkschaftlich organisieren können. Das wäre ein Novum für die Amazon-Mitarbeitenden in den USA (siehe Box). Eine Antwort von Amazon blieb darauf bisher aus.

Amazon-Mitarbeiter wollen Gewerkschaft gründen

Amazons Entschuldigung kommt zu einer Zeit, die einen Wendepunkt für die organisierte Arbeiterschaft in den USA markieren könnte, wie Reuters schreibt. So wollen sich Arbeiterinnen und Arbeiter des Milliarden-Konzerns in Alabama zur ersten gewerkschaftlich organisierten Einrichtung von Amazon in den Vereinigten Staaten zusammenschliessen. Amazon versuchte lange Zeit, seine mehr als 800’000 Angestellten in den USA zu entmutigen, eine Gewerkschaft zu gründen, die sich für bessere Arbeitsbedingungen einsetzt.

Deine Meinung

66 Kommentare
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seguri

07.04.2021, 20:29

Ist bei Securitas auch Brauch, je nach Dienst...

Markus

07.04.2021, 19:28

Habe ich auch schon! Geht super, besser als in die Hose!

Lösung

07.04.2021, 16:22

Am besten, Amazon boykottieren, dann werden alle Fahrer entlassen, und das Problem ist gelöst.