Wohin, Schweiz? Teil 1: Bei den Bierdemokraten
Aktualisiert

Wohin, Schweiz? Teil 1Bei den Bierdemokraten

Wer den Stammtisch im Griff hat, hat das Land im Griff - denken Politiker. Und was denkt der Stammtisch über die Politik? Auf ein Bier im Bahnhöfli im appenzellischen Bühler.

von
A. Mustedanagic / F. Burch

Die einzige Frau am Stammtisch spricht leise. «Diskussionen sind wichtig, es muss hin und her gehen. Man darf sich nicht verstellen.» Die 65-Jährige wischt mit dem Finger über das angelaufene Glas ihres Schützengartens und sagt wie zu sich selbst: «In Bern macht das niemand. Die Politiker plappern lieber der Partei etwas nach, als sich selbst zu sein.»

Im Wahlkampfjahr sprechen Politiker gerne von Volksnähe, vom einfachen Mann. Sie versuchen ihn mit Plakaten, Flyern und Briefen und mithilfe der Medien zu erreichen. Im Restaurant Bahnhof in Bühler AR sitzt der einfache Mann gleich an drei Tischen.

«Atomstrom will niemand – den Grimsel-Stausee aber auch nicht»

Es ist Mittwoch, 18 Uhr. Die Beiz ist voll. Die Luft kratzt bereits im Hals, als wir uns an den Holztisch zu Magdalena, Bruno und Heinz setzen. «Journalisten hatten wir noch nie am Stammtisch», flachst Bruno. Der 53-Jährige arbeitet als Mechaniker bei einer Textilfirma und macht sich Sorgen über die Stromversorgung in der Schweiz. Der Ständerat hat Stunden zuvor den Atomausstieg beschlossen.

«Bei uns liefen früher die Maschinen noch mit Schwerölen, damals wusste man es nicht besser», sagt er, «heute ist der Naturschutz aber so gross, dass es gar keine Lösung für das Stromproblem geben kann. Atomstrom will niemand, eine Aufstockung des Grimsel-Stausees aber auch nicht.»

«Die Atomtechnik ist, naja, aber das Abfallproblem ist unbestritten», meint Heinz und zieht an seiner Zigarette. Das Hemd schwarz, die Jeans dunkel, die zurückgekämmten Haare grau, die Voten so trocken wie differenziert: «Ein AKW mag sicher sein, die Entsorgung des Abfalls ist dennoch nicht gelöst. Ich bin gegen Atomstrom.»

Der Stammtisch – ein mythischer Ort

«Nein sagen ist einfach», sagt Bruno. Der Kahlkopf hat sich längst vorgebeugt, den Ellbogen auf dem Tisch abgestützt, deutet er mit dem Zeigefinger in Richtung Heinz. «Eine Lösung hat aber keiner.»

Der Schweizer Stammtisch ist ein mythischer Ort, bewohnt von negativen Klischees. Es gibt die Stammtischpolitik, die Stammtischparole oder auch das Stammtischniveau. Gutes verbindet kaum jemand mit dem Begriff. Dennoch werden hier – meinen zumindest die Politiker – Wahlkämpfe entschieden. Wer den Stammtisch im Griff hat, hat das Land im Griff.

«Die Politiker in Bern könnten viel von unserem Stammtisch lernen», findet Magdalena. «Hier ist jeder willkommen, man muss nur eine eigene Meinung haben. In Bern lehnt sich niemand unnötig aus dem Fenster.»

«Seit Blocher ist alles giftiger geworden»

Wer Bruno, Heinz und Magdalena zuhört, muss das Bild des Stammtisches mit den derben Witzen, keifenden Besserwissern und parolenschwingenden Polterern revidieren. Schärfer als die Analysen an ihrem Tisch ist nur die Kritik an den Politikern.

«Wir werden mit Wahlplakaten überhäuft», sagt Bruno, «aber alle sehen gleich aus.» Heinz ergänzt: «Wer was geleistet hat oder leistet, sieht man gar nicht – es steht nicht mal, was er leisten will!» Bruno: «Es geht halt nicht mehr um die Sache. Das müsste sich wieder ändern. Kompromisse finden, das wäre wichtig.» Seit Blocher wehe ein anderer Wind. Alles sei aggressiver, giftiger geworden.

Das ist das Stichwort für Magdalena: «Die SVP politisiert mit dem Holzhammer. Ihre Plakate sind eine Schande. Es leben so viele Ausländer bei uns und diese sehen alle auch diese Plakate. Das muss die doch verletzten.»

«Bühler ohne Ausländer würde nicht funktionieren»

Bühler hat einen Ausländeranteil von 25 Prozent – seit Generationen. Die Textilindustrie hat viele Italiener in die Gemeinde zwischen Teufen und Gais gelockt. Obwohl sich die Produktion in der Gemeinde mit 1681 Einwohner veränderte, blieben die Gastarbeiter hier – und es kamen neue hinzu.

«Bühler ohne Ausländer würde nicht funktionieren», sagt Magdalena. «Wir haben hier ein anderes Verhältnis zu Ausländern – wir kennen sie.» Ihre feine Stimme ist lauter und bestimmter geworden. «Das Problem wird nur gemacht.»

«Schau mich an», sagt Mirko vom Nachbartisch, «ich bin Ausländer und sitze hier am Stammtisch.» Die Worte kommen dem kroatisch-schweizerischen Doppelbürger nur schwer über die Lippen. Es ist inzwischen 20 Uhr. Die Kühl-Schubladen mit den Schützengarten-Hülsen hinter dem Tresen gleiten bereits leichter aus der Bar. Die Luft kratzt nicht mehr nur im Hals – jetzt steht sie.

Der «gute Jugo»

«Ich hab mich erst hier hingesetzt, als ich eingeladen wurde. So geht das», sagt er in seinem gebrochenen Deutsch, «du kannst nicht nur fordern – du musst auch zeigen, dass du interessiert bist».

«Ein guter Jugo, unser Mirko», sagt sein Arbeitskollege neben ihm und klopft ihm auf die Schulter. Unter der Menzi-Muck-Schirmmütze funkeln gläserne Augen. Seinen Namen will der 40-Jährige nicht nennen, «aber kannst gerne schreiben, dass ich für die SVP bin», sagt er, als wir uns setzen. Die beiden Maschinisten tragen immer noch Baustellen-Uniform: verwaschenes T-Shirt, orangefarbene Arbeitshosen.

«Wenn du einen Schweizer im Pandur-Jass schlägst», sagt Mirko, «dann bist du integriert. Nicht?» Wieder klopft ihm Menzi-Muck auf die Schulter. «Ausser er gewinnt gegen mich, dann ist er ein Scheiss-Jugo», bellt der Kollege. Auf sein schallendes Lachen steigt keiner ein. Menzi-Muck stört das nicht.

«In Bühler haben wir keine kriminellen Ausländer», sagt Steff. Der 37-Jährige ist Elektriker und die Ruhe in Person. «Es geht aber auch nicht nur um uns, es geht um die ganze Schweiz», sagt er fast unhörbar.

Bühler ist auf SVP-Linie

In Appenzell Ausserrhoden kandidieren Andrea Caroni (FDP), Köbi Frei (SVP) Samuel Büechi (GRAL) und Max Nadig (CVP) um den Sitz der abtretenden Nationalrätin Marianne Kleiner (FDP). Der Ständerratssitz von Hans Altherr (FDP) ist unumstritten.

Bühler war bei den vergangenen eidgenössischen Abstimmungen auf SVP-Linie: Ja zum Minarett-Verbot, Ja zur Ausschaffungsinitiative, Nein zum Gegenentwurf. Bühler lehnte auch die Waffenschutz-Initiative und das Verbot des Kriegsmaterialexports ab.

«Ich bin kein SVP-Wähler», stellt Heinz am ersten Tisch klar. Vom Politbetrieb hält er nicht viel: «Eigentlich kann ich ja nur noch einen wählen, der weniger lügt als die anderen.»

«Schau dir doch mal die SVP an – die wird von Zürich diktiert. Die Ostschweiz geht da genau gleich unter wie beim Bahn-2000-Projekt», sagt Bruno und verwirft die Hände. «Die Schweiz hört auch in der Politik in Winterthur auf.»

«SVP oder SP ist inzwischen das Gleiche»

«Da hilft auch kein Ostschweizer Präsident – Toni Brunner ist von Zürich gesteuert.» Heinz hat sich die letzte Zigarette angezündet, nimmt einen tiefen Zug, steht auf und holt sich ein neues Päckchen. «SVP oder SP – inzwischen ist das das Gleiche. Die schauen beide nur noch auf die Eliten», sagt Heinz und macht das neue Päckchen auf.

«Die SVP hat haufenweise Geld im Rücken und tut so, als ob sie aus dem Volk sei», sagt Magdalena. «Links wie rechts gibt es einfach zu viele Hetzer», sagt der SVPler Menzi-Muck, «wenn du Christoph Mörgeli und Hans-Jürg Fehr in einen Sack steckst und mit einem Knüppel draufhaust, triffst du immer den Richtigen.»

Der Stammtisch lacht wie aus einer Kehle. So laut die Bühler in dieser Runde über die Politiker und Parteien lachen, so ernst nehmen sie ihre Pflichten als Bürger wahr. Sowohl Stimm- als Wahlbeteiligung waren in den vergangenen Jahren über dem Durchschnitt der Schweiz.

Wer wirklich Bern regiert

«Es müssten alle wählen gehen, dann könnte man von Demokratie sprechen», sagt Bruno, den Zeigefinger mahnend erhoben. «Mindestens 75 Prozent müssten stimmen gehen.»

«Ich zweifle vor allem daran, dass die Politiker in Bern Volksvertreter sind», sagt Heinz, «in Bern regieren Lobbys.»

«Ich würde mir jemanden wünschen», sagt die Menzi-Muck, «der uns mit Menschenverstand in Bern vertritt.» Die Runde nickt. «Menschenverstand» – dieses Wort ist an diesem Abend oft gefallen. Nur eines wurde noch häufiger gesagt: «Jo, diä z'Bern obä ...»

20 Minuten Online am Stammtisch

Wer der Schweizer Bevölkerung auf den Zahn fühlen will, kann am Stammtisch nicht falsch sein. Kurz vor den Eidgenössischen Wahlen hat 20 Minuten Online an drei Abenden mit der Bevölkerung mitgetrunken - auf dem Land, in der Agglomeration und in der Stadt.

Deine Meinung