Kollision mit Passagierjet: «Bei den Drohnen herrscht Anarchie»

Aktualisiert

Kollision mit Passagierjet«Bei den Drohnen herrscht Anarchie»

Ein Passagierflugzeug aus Genf kollidierte in London mit einer Drohne. Solch brenzlige Situationen kommen immer wieder vor, sagt Aviatik-Experte Max Ungricht.

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vro

Beim Landeanflug auf den Londoner Flughafen Heathrow soll ein Passagierflugzeug, das aus Genf kam, mit einer Drohne kollidiert sein. Es ist nicht der erste Drohnen-Zwischenfall: Im Februar musste ein Pilot im Landeanflug auf den Pariser Flughafen Charles de Gaulle ein Ausweichmanöver einleiten, weil eine Drohne neben dem Passagierjet vorbeiflog. Mitte März stiess zudem ein Airbus im Sinkflug Richtung Los Angeles beinahe mit einer Drohne zusammen.

Auch in der Schweiz gab es schon brenzlige Situationen. Nicole Räz, Sprecherin beim Bundesamt für Zivilluftfahrt (Bazl), erinnert sich an einen Rettungseinsatz mit einem Helikopter, dem eine Drohne in die Quere kam. «Ohne Absprache mit den Einsatzkräften ist das sehr gefährlich.»

Beschäftigte Piloten sehen Drohnen nicht

2015 seien dem Bazl 18 Vorfälle mit einem unbemannten Flugobjekt gemeldet worden, elf davon betrafen Drohnen. Zwar ging es dabei nicht um Beinahe-Crashs mit Flugzeugen, in seinem Bericht vom Februar hält das Bazl gestützt auf die Gefahren- und Risikoanalyse von 2013 aber fest: «Die bekannten Vor- und Zwischenfälle konzentrieren sich vor allem um Annäherungen in der Luft zwischen Modellluftfahrzeugen und schweizerischen Fluggeräten der bemannten Luftfahrt.» Laut Räz handelt es sich um Einzelfälle. Das Bazl kennt jedoch nur jene Vorfälle, die ihm gemeldet werden. Wird der Drohnenbesitzer nicht erwischt, bleibt er unbestraft. Folglich besteht eine Dunkelziffer.

Das Problem: Viele Drohnenpiloten kennen die Regeln nicht, erklärt Aviatik-Experte Max Ungricht. So wisse etwa kaum ein «Plauschpilot», dass er seine Drohne im Umkreis von fünf Kilometern um einen Flughafen ohne Sonderbewilligung nicht fliegen lassen darf. Und selbst ausserhalb dieser Sperrzone sei ein leistungsstarkes Gerät noch in der Lage, zu einem höher fliegenden Flugzeug aufzusteigen. Zudem muss der Pilot die Drohne erst einmal wahrnehmen. «Während der Landung sind die Piloten so mit ihrem Instrumentenanflug beschäftigt, dass sie unvermittelt auftauchende Drohnen möglicherweise nicht einmal sehen», sagt Ungricht. Zumal der Kunststoff nicht reflektiere und so kein Radarsignal zu sehen sei.

«Es herrscht Anarchie»

Kommt es dann zu einem Zusammenstoss, kann es kritisch werden. «Grössere Drohnen sind eine latente Gefahr», sagt der Aviatik-Experte. «Trifft ein Gerät von 20 bis 30 Kilogramm auf ein Flugzeug, kann es zu grösseren Beschädigungen kommen.»

Dies hängt jedoch davon ab, wo die Drohne das Flugzeug trifft. «Gerät die Drohne ins Triebwerk oder prallt sie gegen die Cockpitscheibe, kann es kritisch werden. Eine Absturzgefahr besteht zwar nicht, trotzdem ist es beunruhigend, dass man so grosse Drohnen ohne weiteres kaufen kann.» Das Bazl schreibt eine Bewilligung erst ab einem Gewicht von 30 Kilogramm vor. Für Ungricht ist die Gesetzgebung zu «salopp». «Bei den Drohnen herrscht Anarchie.» Und: «Nicht auszudenken, was passieren würde, wenn solche Drohnen für terroristische Zwecke eingesetzt würden.»

Ruag mischt vorne mit

Diese Schwachstelle ist dem Bazl bewusst, wie es im Drohnenbericht festhält. Die «hoheitliche Regulierung» habe nicht mit der Entwicklung Schritt halten können. «Sie hinkt im Gegenteil deutlich hinten nach. Dies gilt für die internationale Ebene ebenso wie für die Schweiz.» Massnahmen sollen den Luftraum sicherer machen. So werde etwa weltweit an Methoden geforscht, wie Drohnen von Flugzeugsystemen erkannt werden können. Europaweit spiele hier das Schweizer Unternehmen Ruag eine führende Rolle.

Die wichtigsten Regeln

Bewilligung: Für den Betrieb von Drohnen unter 30 Kilogramm braucht es grundsätzlich keine Bewilligung. Für schwerere Geräte muss beim Bazl eine Zulassungsbewilligung eingeholt werden.

Flughafen: Im Umkreis von 5 Kilometern um einen Flughafen herum gilt auch für kleine Drohnen die Sperrzone. Flugverkehrsleitstellen oder Flugplatzhalter können jedoch Ausnahmebewilligungen erteilen.

Menschenansammlungen: Drohnenflüge über und im Umkreis von 100 Metern um Menschenansammlungen sind verboten. Hier kann das Bazl jedoch Sonderbewilligungen erteilen. Die Anforderungen sind jedoch derart hoch, dass sie kaum an Private ausgestellt werden. Was als «Menschenansammlung» gilt, ist nicht genau definiert. Ziel ist es, Besucher von Veranstaltungen im Freien zu schützen. Man geht von mehreren Dutzend Menschen aus, die nahe beieinander stehen.

Sichtkontakt: Ein Drohnenpilot muss während des Flugs Sichtkontakt mit dem Gerät halten können. Hilfsmittel wie Feldstecher oder Videobrille sind grundsätzlich verboten.

Kontrollzonen: In Kontrollzonen (etwa bei Flughäfen) darf nicht über 150 Meter über dem Grund geflogen werden.

Besiedelte Gebiete: Im Gegensatz zu vielen anderen Ländern gilt in der Schweiz kein generelles Verbot für Drohnenflüge über dicht besiedelte Gebiete oder über Dorf- und Stadtkerne.

Last und kritische Infrastrukturen: Einschränkungen bezüglich Nutzlasten oder die Einhaltung von Sicherheitsabständen zu kritischen Infrastrukturen bestehen derzeit nicht.

Sonstige Sperren: Bei Luftraumsperren oder Überflugverboten gelten Einschränkungen.

Quelle: «Zivile Drohnen in der Schweiz» des Bundesamts für Zivilluftfahrt (Bazl)

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