Aktualisiert 08.10.2018 13:50

6 erfolglose Anrufe

«Bei der Dargebotenen Hand nahm niemand ab»

Nach einer misslungenen Operation fiel H. K. in ein Tief. Bei der Hotline 143 erreichte sie niemanden. Dort verspricht man jetzt Besserung.

von
ehs
1 / 6
In der Nacht auf Dienstag ging es H. K. aus dem Kanton Zürich sehr schlecht. Sie suchte Hilfe bei der Dargebotenen Hand und deren Hotline 143.

In der Nacht auf Dienstag ging es H. K. aus dem Kanton Zürich sehr schlecht. Sie suchte Hilfe bei der Dargebotenen Hand und deren Hotline 143.

zvg
Als Folge einer missglückten Operation litt K. an Schmerzen und Depressionen und durchlitt eine Krise.

Als Folge einer missglückten Operation litt K. an Schmerzen und Depressionen und durchlitt eine Krise.

Keystone/Alessandro Della Valle
Die Dargebotene Hand ist in zwölf Regionen unterteilt. Für 20 Minuten hat sie die Anrufe jener Nacht analysiert.

Die Dargebotene Hand ist in zwölf Regionen unterteilt. Für 20 Minuten hat sie die Anrufe jener Nacht analysiert.

Keystone/Gaetan Bally

H. K.* durchlebte in der Nacht auf Dienstag eine der schwersten Krisen ihres Lebens – und niemand hörte ihr zu. Vergeblich versuchte die Frau aus Winkel ZH, mit einem Berater der Dargebotenen Hand zu telefonieren. Das Versprechen der Hotline 143 des Vereins ist, täglich 24 Stunden erreichbar zu sein.

Seit einer missglückten Operation mit künftigen Folgeoperationen leidet K. an Schmerzen und Depressionen und sah in dieser Nacht keinen Ausweg. «Ich habe mich fast nicht getraut, bei der Dargebotenen Hand anzurufen», sagt sie. Als sie sich überwand, ging niemand ran. Insgesamt sechsmal wählte K. zwischen 3 und 6 Uhr die Nummer. «Hätte ich nicht kurze Zeit später zwei Freunde in ihren Ferien erreicht, wüsste ich nicht, ob ich noch am Leben wäre», sagt sie. Es brauche dringend Institutionen wie die Hotline 143.

Der Engpass betraf nur die Region Zürich

Franco Baumgartner, Geschäftsführer des Vereins Dargebotene Hand, betont, dass die Hotline grundsätzlich immer erreichbar sei. Die Dargebotene Hand sei auf zwölf Regionalstellen aufgeteilt, acht davon in der Deutschschweiz. Eine Analyse der Regionalstellen Zürich und Winterthur zeige tatsächlich sechs erfolglose Anrufe. Das sei nicht angenehm, aber es könne auch bei der Hotline 143 Engpässe geben.

In den frühen Morgenstunden könne 143 aus technischen Gründen nur eine Linie bedienen. Wenn jemand nach fünf Uhr anrufe und die beratende Person bereits in einem Gespräch sei, lande man beim Anrufbeantworter. «Der bedingte Engpass bezog sich in dieser Nacht auf die Region Zürich. In allen anderen Landesteilen war die Hotline 143 erreichbar», sagt Baumgartner.

Was tun in einem Notfall?

143 erhalte jährlich über 200'000 Anrufe. «Es kann passieren, dass wegen eines vorübergehenden und zeitlich begrenzten Ansturms jemand öfter anrufen muss, bis er einen freien Mitarbeiter erreicht.» Ein solcher Ansturm lasse sich nicht steuern. Das zeitlich begrenzte Kapazitätsproblem in Zürich für die frühen Morgenstunden sei bekannt. «Wir suchen nach einer Lösung», sagt Baumgartner.

Die Dargebotene Hand ist nicht das einzige Hilfsangebot in der Schweiz. Grundsätzlich gilt: Bei jedem medizinischen Notfall soll die Nummer 144 gewählt werden. Bei Schutz und Rettung Zürich (SRZ) heisst es etwa, dass die Hemmschwelle, den Rettungsdienst zu alarmieren, allgemein zu hoch sei. «Deshalb gilt: Rufen Sie uns sofort an, auch wenn sie unsicher sind.» Im Zweifelsfall kann auch die Polizei unter der Nummer 117 kontaktiert werden.

Jugendliche mit Suizidgedanken können sich jederzeit an die Telefonnummer 147, ein Angebot von Pro Juventute, wenden. Anrufe erscheinen nicht auf der Telefonrechnung und sind kostenlos. Für Erwachsene ist die Hotline 143 der Dargebotenen Hand jederzeit erreichbar. Überforderte Eltern können sich rund um die Uhr an den Elternnotruf (Tel. 0848 35 45 55) wenden. Bei der Auskunft (Tel. 1811) kann zudem der lokal zuständige Notfallpsychiater erfragt werden.

*Name der Redaktion bekannt

Suizidgedanken? Hier finden Sie Hilfe

Beratung:

Dargebotene Hand, Tel. 143, (143.ch)

Angebot der Pro Juventute: Tel. 147, (147.ch)

Kirchen (Seelsorge.net)

Anlaufstellen für Suizid-Betroffene:

Nebelmeer – Perspektiven nach dem Suizid eines Elternteils (Nebelmeer.net);

Refugium – Geführte Selbsthilfegruppen für Hinterbliebene nach Suizid (Verein-refugium.ch);

Verein Regenbogen Schweiz (Verein-regenbogen.ch).

Deine Meinung

Fehler gefunden?Jetzt melden.