Aktualisiert 04.02.2013 10:31

Menschliche Airline

Bei der Swiss darf man ins Cockpit – noch

Seit 9/11 ist das Cockpit bei den meisten Airlines Sperrzone für Passagiere. Bei der Swiss sind solche Besuche noch immer möglich – wenn auch zunehmend ungern gesehen.

von
Kian Ramezani

Aus der Frontalperspektive in den Sonnenuntergang fliegen, die beeindruckende Technik aus nächster Nähe erleben, mit dem Captain ein paar Worte wechseln, endlich die eigene Flugangst überwinden: Es gibt verschiedene Gründe, warum Passagiere das Cockpit eines Verkehrsflugzeugs besuchen wollen. Doch seit den Terroranschlägen des 11. September 2001 ist die Pilotenkanzel Sperrzone und ein Augenschein praktisch unmöglich. Nicht so bei der Swiss.

«Passagiere haben grundsätzlich keinen Zutritt zum Cockpit», erklärt Sprecherin Sonja Ptassek auf Anfrage. Aber: «Die letzte Verantwortung wie auch Kompetenz, einer Person den Zutritt zu erlauben oder zu verweigern, liegt beim Kommandanten.» Über eine schriftliche Zutrittsberechtigung («Cockpit Permit») werden Passagiere registriert, die sich im Cockpit aufgehalten haben. Eine solche kann der Captain nach Gutdünken und einer Risikoeinschätzung an Ort und Stelle ausstellen.

Alle angefragten Konkurrenten der Swiss erklären dagegen, dass Passagiere im Cockpit nichts verloren haben: «Betriebsfremden den Cockpitzugang zu ermöglichen, ist gesetzlich verboten», heisst es bei der Lufthansa. «Aus Sicherheitsgründen ist der Zutritt zum Cockpit für Passagiere nicht mehr erlaubt», so ein Sprecher von British Airways. «Nicht gestattet», meinen auch Austrian und Singapore Airlines. Qantas macht lediglich für Mitarbeiter eine Ausnahme, die sich ausweisen können und vom Captain eingeladen werden. Gar kein Durchkommen gibt es bei der israelischen El Al: Deren Cockpits sind durch Doppeltüren gesichert, von denen zu jedem Zeitpunkt eine geschlossen sein muss.

Behörden lassen theoretisch Spielraum

Sowohl die restriktive als auch die liberalere Praxis sind gesetzeskonform. In der Schweiz gelten in der Zivilluftfahrt dieselben Regeln wie in der Europäischen Union. Das unter der Bezeichnung «EU OPS» bekannte Regelwerk gibt unter Punkt 1.100 dem Captain das letzte Wort. Allerdings steht es den Airlines frei, diese Regeln zusätzlich zu verschärfen: «Die Fluggesellschaften können den Zugang auch strenger regeln, also den Zugang für Passagiere generell ausschliessen», bestätigt Anton Kohler, Sprecher des Bundesamts für Zivilluftfahrt (BAZL).

Es wäre allerdings übertrieben zu sagen, dass die Swiss Passagiere mit offenen Armen in ihren Cockpits willkommen heisst. Auf die Frage, wie oft es zu solchen Besuchen kommt, schweigt die Fluggesellschaft beharrlich. Paul Ruppeiner weiss warum: «Die Swiss hatte es nicht gern, wenn ich Passagiere ins Cockpit liess», sagt der ehemalige Captain der Schweizer Airline. Er habe bis zu seiner Pensionierung 2009 oft und gern von seinem Recht Gebrauch gemacht, neugierigen Passagieren diesen Wunsch zu erfüllen. «Einige interessierten sich für Technik und Fliegerei, aber die meisten wollten einfach etwas gegen ihre Flugangst tun», erinnert sich Ruppeiner.

US-Luftfahrbehörde hielt mit Feldstechern Ausschau

Er sei allerdings schon damals eher die Ausnahme unter seinen Kollegen gewesen, sagt der rüstige Rentner, der heute noch ehemalige Militärjets wie den Hunter fliegt und gelegentlich in der Formation der Patrouille Suisse an Flugtagen zu sehen ist: «Ich gehe davon aus, dass den jungen Piloten in der Ausbildung klar davon abgeraten wird.» Die Airline gebe hier nicht zuletzt auch den Druck der Behörden weiter. Auf einem Flug in die USA etwa sei es nicht empfehlenswert, mit einem Passagier im Cockpit zu landen.

«In den Jahren nach den Terroranschlägen des 11. Septembers 2001 schauten Beamte der amerikanischen Luftfahrtbehörde mit Feldstechern, ob da einer sass, der keine Uniform trug», bestätigt Heinrich Lüscher, der früher ebenfalls für die Swiss flog. Interesse an einer Rückkehr zu solchen «Big Brother»-Zuständen könne heute niemand haben.

Auch den Piloten entgeht etwas

Einem Passagier den Wunsch abschlagen, musste er nur selten, etwa bei Verdacht auf Alkohol. Von den Besuchern sei nie eine Gefahr ausgegangen – im Gegenteil: Begegnungen im Cockpit, vor allem mit Prominenten, gehören zum Erinnerungsschatz eines jeden Piloten. Heinrich Lüscher erzählt von einem Flug von Tel Aviv nach Zürich in den 1990er Jahren, damals noch mit der Swissair: «Schimon Peres (heute israelischer Staatspräsident, Anm. d. Red.) wollte ins Cockpit, aber ich sagte ihm schon vor dem Flug, wenn er seine Bodyguards mitnehmen will, müssten sie ihre Waffen abgeben.» Nach einer hitzigen Diskussion willigte der hohe Gast ein.

Waren Sie auch schon einmal im Cockpit? Oder wollten Sie schon einmal ins Cockpit? Schildern Sie Ihre Erlebnisse.

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