Rollenbilder: Bei dieser Dating-App gilt Ladies first
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RollenbilderBei dieser Dating-App gilt Ladies first

Sie startet den Chat, sonst läuft nichts. Eine neue Dating-App findet es überholt, dass Männer den ersten Schritt machen müssen. Für Kritiker nur Marketing.

von
R. Landolt
Bumble ist eine Dating-App, bei der die Frau den ersten Schritt machen muss. Bild: 20Minuten

Bumble ist eine Dating-App, bei der die Frau den ersten Schritt machen muss. Bild: 20Minuten

Revolutioniert eine Dating-App das Balzverhalten von Frau und Mann? Das behauptet jedenfalls die die Gründerin von «Bumble». Die App funktioniert erstmal wie Tinder: Männer wählen Fotos von Frauen aus, die ihnen gefallen, und umgekehrt. Kommt ein Treffer zustande, kann bei Bumble allerdings nur die Frau das Gespräch eröffnen.

«Einen Versuch einer feministischen Dating-App» glaubt die Amerikanerin Whitney Wolfe erfunden zu haben. Bumble soll gegen das, laut Wolfe, «überholte Konstrukt» vorgehen, dass von den Männern erwartet werde, den ersten Schritt zu tun: «Es gibt dieses ungeschriebene Gesetz, dass es nicht sehr ladylike ist, einen Mann zuerst anzusprechen. Frauen, die die Kontrolle übernehmen, gelten oft als verzweifelt, schräg oder zu forsch.»

Der einfache Rollentausch solle zudem verhindern, dass Frauen belästigt und mit unflätigen Anmachsprüchen eingedeckt würden. Männer würden sich nämlich so geschmeichelt fühlen, angesprochen worden zu sein, dass sie «keinen Grund mehr haben, sich schlecht zu benehmen», sagt die 26-Jährige dem deutschen Magazin «Cicero».

«Endlich müsst ihr mal zuerst schreiben!»

Bei einem kleinen Selbstversuch zeigen sich die Männer tatsächlich erleichtert: «Finally! Jetzt müsst ihr mal zuerst schreiben!» Ist es cooler, wenn die Frau zuerst schreiben muss? «Ja, dann schreibt ihr wenigstens mal ;)», schreibt ein Nutzer. Andere schreiben: «Ich habe gehört, dass die Frauen hier direkter sind als auf Tinder.» Oder: «Ob es cooler ist oder nicht, musst du beurteilen. Ist ja für Frauen gemacht, oder?»

Bei diesen gehen die Meinungen auseinander: Eine 27-jährige Bankerin, die online Liebe suchte, findet es selbstverständlich, dass auch eine Frau den ersten Schritt machen kann: «Sind wir im Mittelalter oder was?» Eine andere junge Frau findet es dagegen gut, wenn die Männer etwa auf Tinder zuerst schreiben. «Müsste ich diesen Schritt machen, hätte ich das Gefühl, dass ich bereits signalisieren würde, dass ich den anderen sehr gut finde.»

Eine Marketinggeschichte

Laut Geschlechterforscherin Fabienne Amlinger zeigen die Hemmungen der Frauen beim ersten Schritt sogar im anonymen Internet, dass «traditionelle Verhaltensmuster in der Schweiz teilweise noch stark verankert sind.»

Inwiefern eine Dating-App das traditionelle Rollenbild verändern könne, sei unklar: «Die sogenannte Neuheit dieser App ist wohl eher ein Marketing-Gag als eine feministische Idee.» Der Markt der Dating-Plattformen sei heiss umkämpft. Hier handele es sich wohl um einen Versuch, ein neues Zielpublikum zu erschliessen.

«Heute sind es öfter die Frauen, die wählen»

Paartherapeut Reinhard Felix-Lustenberger weiss aus seiner Tätigkeit, dass sich Frauen eigentlich immer noch gerne begehrt fühlen und erobert werden möchten. Aber: «Das Männerbild hat sich unterdessen so sehr verändert, dass viele Männer verunsichert sind.» Sie würden sich nicht mehr getrauen, Frauen anzusprechen.

Oder aber es geschieht das Gegenteil: Sie treten vor lauter Verunsicherung zu forsch auf. Auch darum sei es im Moment in der Schweiz so, dass häufiger Frauen Männer auswählen würden als umgekehrt. «Das alte Rollenmodell, gemäss dem der Mann den Heiratsantrag machen muss, löst sich seit den 60er-Jahren auf. Gleichzeitig gibt es aber auch Frauen, die mehr auf Macho-Typen stehen.» Diese erwarten also, dass sie gewählt werden.

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